Autobahnbau A7

Autobahnbau A7

— 11.09.2009

Ein Dorf atmet auf

Umweltschützer und Bauern haben die Vollendung der A7 jahrelang verzögert. Alles rollte durch Nesselwang – der Streit riss für die Anwohner tiefe Wunden. Der Ort ging daran fast kaputt.

Nichts geht mehr auf der A 7 zwischen Füssen und Nesselwang. Auf der rechten Spur hat sich eine Schlange gebildet – vor dem Freibierfass. Die Blaskapelle der Autobahndirektion Südbayern spielt, 800 Portionen Schweinebraten mit Knödeln dampfen in der Sonne. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) eröffnet an diesem Tag das letzte Stück der A7 – nach 31 Jahren Planungszeit! Erst 2002 gaben die Richter grünes Licht. 14,6 Kilometer misst der neue Abschnitt zwischen Nesselwang und Füssen. Wer auf der A 7 in Richtung Österreich fuhr, wechselte bisher vor Nesselwang auf die Bundesstraße. Oder, wie Spötter sagten, auf den "Bundesfeldweg".

Stauhölle Nesselwang – oft ging nichts mehr

Man kann zwar gegen eine Autobahn klagen – nicht aber dafür.

Der Verkehr quälte sich stundenlang durch kleine Dörfer in Richtung Fernpass (Österreich). Am schlimmsten war es in Nesselwang. Der 3500-Einwohner-Ort musste alles schlucken, was aus Deutschlands Hauptschlagader A 7 quoll. Vor allem zur Urlaubssaison kam es in der Stauhölle Nesselwang täglich zum Infarkt. Umso größer ist jetzt die Erleichterung. "Mein Herz hat so klumpt heut’ morgen", sagt Edith Sigg, "ich kann gar nicht fassen, dass es vorbei ist." Die 74-Jährige hat die letzten zwei Jahrzehnte für die Autobahn gekämpft, schlief und arbeitete einen Meter neben der Dorfstraße. In Spitzenzeiten rauschten bis zu 35.000 Fahrzeuge pro Tag an ihrem Friseursalon vorbei. Urlauberautos, Wohnmobile, 40-Tonner. Als sie es nicht mehr aushielt, verkaufte sie ihr Elternhaus – weit unter Wert. "Ich habe einfach nicht mehr an die Autobahn geglaubt", sagt sie.

Der Streit riss tiefe Wunden – unheilbare

In Spitzenzeiten rauschten bis zu 35.000 Fahrzeuge pro Tag durch.

Umweltschützer und Bauern haben die Gerichte mit mehr als 100 Klagen bombardiert. Der Naturschutzbund Bayern wollte nur eine zweispurige Bundesstraße, außerdem eine direktere Trassenführung. Der Streit riss tiefe Wunden, "die wohl nie heilen werden", wie Edith Sigg sagt. In Nesselwang sollen erboste Bürger auf einer Demo gekegelt haben. Die Kegel trugen Konterfeis von Umweltaktivisten. Gastwirt und Brauereibesitzer Karl Meyer hatte gewettet, dass die A 7 2009 nicht mehr fertig wird – und drei Fässer Bier verloren. Sein liebevoll eingerichtetes Post-Hotel liegt direkt an der Hauptstraße. "Es gab Gäste, die haben in den Zimmern zur Straße hin den Lärm gehört und sind gleich wieder abgereist", sagt Meyer. Im ganzen Ort sank die Zahl der Übernachtungen in den vergangenen 20 Jahren von 77.000 auf 60.000.

Meyers Zorn richtet sich nicht gegen Umweltschützer und Bauern, sondern gegen die seiner Meinung nach träge Justiz und Verwaltung. Man könne zwar gegen eine Autobahn klagen – nicht aber dafür. Was in Nesselwang absurd erscheint. Um aneinander vorbeizukommen, müssen Lkw über den Bürgersteig rumpeln. Dürre Metallpfosten sollen Fußgänger schützen. Fast alle wurden schon umgefahren, stecken wie weichgekaute Lollistiele im Asphalt. Zehnmal haben Brummis die Treppe der Kur-Apotheke gerammt, Buchhändlerin Gisela Kosch hat ihr Firmenschild mit einem Scharnier ausgestattet. Wenn einer dagegendonnert, klappt es zur Seite. Andere Betriebe haben die Stauhölle nicht überlebt. Das Hotel Krone ist eine Ruine, auf den Tischen stehen noch Weihnachtsgestecke. Im verschlossenen Andenkenladen verstauben die Holzschnitzereien, Schilder mit der Aufschrift "zu vermieten" finden sich überall.

Der Ort soll für Lkw unattraktiv werden

2. September: Die Autobahn ist da, und es ist zumindest auf diesem Foto deutlich ruhiger.

Josef Henggi (76) lebt seit seiner Geburt an der Hauptstraße und glaubt nicht, dass allein der Stau Schuld am Sterben der Läden ist. "Ein Aldi hat aufgemacht. Und warum müssen wir so viele Waren durch halb Europa karren?" Bürgermeister Franz"Wir wollen den Ort für Touristen noch schöner, für Lastwagen aber so unattraktiv wie möglich machen." Drei Tage nach der Eröffnung ist davon nicht viel zu spüren. Noch immer rauschen dicke Brummis durch den Ort, wohl um die Autobahn-Maut zu umgehen. Andere wollen nach Pfronten und Seeg. Ein Autobahnanschluss bei Enzenstetten würde helfen. Doch an dieser Stelle blüht "im Frühjahr ein rosarotes und tiefblaues Meer aus Mehlprimeln und Enzianen", wie Walter Hundhammer vom Bund Naturschutz in Bayern sagt. Nesselwangs Bürgermeister Erhart kümmert das wenig. "Den Anschluss nehmen wir als Nächstes in Angriff", sagt er entschlossen. Damit sein Ort endlich mal zur Ruhe kommt.

Autor: Claudius Maintz

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