rger ber Baustellen

Autobahnbauer

— 27.10.2003

Die Staumacher der Nation?

Alltag auf Deutschlands Autobahnbaustellen: Alles steht, aber keiner arbeitet so scheint's. Wir sahen uns eine an. Und lernten viel dazu.

Verkehrsrgernis Nummer eins

Anschlussstelle Hamburg-Horn der so genannte Horner Kreisel. Hier beginnt die A24 Richtung Berlin normalerweise. Derzeit zieht sich eine 2,8-Kilometer-Baustelle bis zur Abfahrt HH-Jenfeld. Wegen einer Grundinstandsetzung bis November 2003, steht auf einer groen Bautafel.

Alle vier Fahrspuren drngeln sich deshalb auf der Piste der eigentlichen Gegenrichtung: Pro Tag mssen 44.000 Autofahrer ihr Tempo auf 60 drosseln. Stehen sie im Stau, riskieren sie schon mal einen Seitenblick. Interessehalber. Und stellen verrgert fest: Kaum ein Mensch zu sehen. Warum wird hier nicht malocht? Passiert da berhaupt etwas? Na, wre ja auch was ganz Neues. Faule Bande!

Das war auch der Eindruck mancher unserer Kollegen, die hier montags bis freitags genervt mitstauen. Zu Recht? Oder trgt die Idylle dieses Paradebeispiels fr das Verkehrsrgernis Nummer eins? Das wollten wir genauer wissen, zeichneten zwlf Stunden im Leben dieser Autobahnbaustelle auf.

Zwlf Euro Stundenlohn brutto

Montag, der 25. August 2003, sechs Uhr morgens: Schichtbeginn fr Jrgen Deutschmann, Silas Haas und ihre Frsmaschine. Der Job auf und neben dem 40-Tonnen-Monstrum mit 610 PS ist eine Tortur: Hllenlrm, mrderische Vibrationen, dichter Staub, ble Teerdmpfe. Der Stundenlohn fr die beiden harten Jungs: zwlf Euro. Brutto.

Ihr Arbeitstag dauert bis 18 Uhr. Zwlf Stunden. Pausen? Null. Nach Feierabend muss ihr Diesellok-hnliches Gert gereinigt und verladen werden, dann geht es nach Celle. Wo morgen frh um sechs der nchste Auftrag wartet. "An sich nicht schlimm. Wren da nicht einige Autofahrer, die uns als faule Schweine beschimpfen", seufzt Jrgen (51) aus Erfurt. "Neulich habe ich sogar eine Cola-Dose an den Kopf gekriegt."

Wir treffen Polier Ralph Rother, den Vorarbeiter. 150 Kilometer legt er tglich auf der Baustelle zurck. Ein ewiges Hin und Her. Um zu checken: Sind die Fuhrunternehmer, die mit ihren Sattelzgen 18.000 Tonnen ehemaliger Fahrbahn pro Woche wegkarren, pnktlich? Arbeiten alle 20 Arbeiter?

Unten ruht die alte Reichsautobahn

Wenn nicht, gibt's Zoff. "Der Bauzeitplan ist knallhart auf 100 Prozent Leistung kalkuliert. Da knnen wir uns nicht einen Durchhnger leisten", sagt Ralph. Spter erfahren wir, warum: Verzgert sich die Fertigstellung, muss der Bauunternehmer Konventionalstrafe zahlen. Die errechnet die Baubehrde nach dem "volkswirtschaftlichen Wert" der Autobahn. Macht angeblich 20.000 Euro pro Tag.

Mittlerweile luft der Verkehr jenseits der Leitplanke wieder normal. Seit vier Stunden beobachten wir den Fluss der Blechlawine, sahen auch zeitweisen Stillstand. Aber nicht wegen der Baustelle an sich. Sondern weil neugierige Fahrer neben der lrmenden Frse bummeln! "Vllig normal", schreit Detlef Thoms.

Der Baggerfhrer, den wir bei Kilometer 0,2 besuchen, wird sich heute nur fnf Minuten Pause fr sein Wurstbrot gnnen: "Mehr ist nicht drin." Warum die Fahrbahn vollstndig weggerissen wird? Er zeigt uns die 22 Zentimeter starke Betonschicht unter der Asphalt-Oberflche: "Hier, die alte Reichsautobahn. Tragfhigkeit erschpft. Die Behrde befrchtet Brche. Deshalb der Rundumschlag."

15 Arbeitsschritte bis zum Ziel

Darunter liegt heller Sand. Vor 66 Jahren von der Ostsee hierher gekarrt. Manchmal findet Detlef Bauhelme oder Bierflaschen aus den Dreiigern. Klar, dass die als Andenken mitgehen. "Nicht schnacken ... arbeiten!", ruft Norbert Schwartz.

Okay, dann fragen wir eben ihn: Warum wird auf diesen 2,8 Kilometern nur von 20 Leuten an drei Stellen geschafft? "Ganz einfach", erklrt der Bauleiter: "Die Zu- und Abfahrtswege mssen fr die 120 Lkw-Bewegungen pro Tag stndig frei sein. Deshalb knnen wir immer nur kleine Sektionen beackern. Vom Start der Manahmen dem Einrichten der Umleitung bis zum Ziel, dem Neubau der Leitplanken, sind 15 vllig verschiedene Arbeitsschritte notwendig. Die technisch nicht miteinander koordinierbar sind und deshalb nacheinander erfolgen mssen."

Klingt plausibel. Und danach, dass drei Monate fr diesen enormen Aufwand knapp bemessen sind. Jedenfalls sehen wir unsere A-24-Baustelle stellvertretend fr alle ihrer Art ab heute mit anderen Augen. Genau wie die Mnner, die hier von frh bis spt und ohne Unterbrechung mehr als alles geben. Danke, Jungs. Wir haben verstanden.

Der Autobahn-Lebenslauf

"Eine weitere Strae des Fhrers ist erffnet", jubelte das "Oldesloer Wochenblatt" am 14. Mai 1937: Die Autobahn ab Hamburg-Horn war geboren. 1967 kamen die Standstreifen und ein neuer Asphalt-Aufbau dazu. Die Anschlussstelle HH-Jenfeld entstand 1976, von 1994 bis 96 wurde die Kanalisation renoviert. 2002 begann die Grundinstandsetzung, die insgesamt bis 2006 andauert. Kosten: 14,5 Millionen Euro plus sechs Millionen fr Lrmschutzanlagen. Weil sich die Verkehrsdichte seit 1980 fast verdoppelt hat und Lkw heute 40 (frher: 38) Tonnen wiegen drfen, betrgt die Lebenserwartung einer Autobahn nur noch die Hlfte: 15 Jahre.

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