Autobauer Rover vor dem Aus

Autobauer Rover vor dem Aus

— 11.06.2002

Game over bei Rover?

Der britische Autokonzern fährt weiter in die Krise. Auf den wichtigsten Auslandsmärkten rutschte der Marktanteil unter die Ein-Prozent-Marke.

0,15 Prozent Marktanteil in Deutschland

Eigentlich wollte Kevin Howe in Neuss eine Pressekonferenz abhalten. Doch der Chef des britischen Autoherstellers MG Rover kippte den Termin am Sitz der deutschen Vertriebsgesellschaft kurzerhand, um erst einmal mit den deutschen Rover-Händlern zu sprechen. Was auch immer er mit ihnen berät – es dürfte so deprimierend sein, dass es die Rover-Verkäufer besser von ihm persönlich erfahren: Die englische Traditionsmarke stottert rund zwei Jahre nach der Trennung von BMW heftiger denn je, obwohl sie durchaus wettbewerbsfähige Autos wie den Rover 75, den Kombi Tourer 75 oder den neuen Roadster MG TF im Programm hat.

Darüber kann nicht hinwegtäuschen, dass Rovers Verkäufe im wichtigsten Markt Großbritannien, wo die Firma knapp 70 Prozent ihrer Autos absetzt, zuletzt wieder anzogen: Rover legte dort im April um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu, mit 35.789 verkauften Karossen gab es im Viermonatsvergleich einen Zuwachs von 8,3 Prozent. Aber der Aufstieg findet auf denkbar miserablem Niveau statt – Rovers Marktanteil liegt auf der Insel bei knapp vier Prozent. Was viel zu geringe Stückzahlen bedeutet, um bei stark gesunkenen Preisen profitabel sein zu können, wie etwa Peter Schmidt, Herausgeber des Londoner Branchendienstes AID, meint. Mitte der 90er-Jahre hatte Rovers Anteil – ohne Land Rover – noch bei knapp elf Prozent gelegen, und war dann kontinuierlich gesunken.

Schlimmer noch: Auf den wichtigsten Auslandsmärkten rast Rover ungebremst in den Abgrund. Von Januar bis einschließlich April gab es bei den Neuzulassungen in Spanien, Italien und Frankreich Rückschläge von 44,2, 39,7 beziehungsweise 16,8 Prozent. In Deutschland sank die Zahl der Rover-Neuwagen fast um die Hälfte (minus 47 Prozent) auf 1687 Autos. In allen wichtigen Ländern rutschte der Marktanteil unter die Ein-Prozent-Marke, in Deutschland waren es gerade mal 0,15 Prozent.

Joint Venture mit China Brilliance

Dabei waren zuletzt noch im März überaus frohe Botschaften aus Longbridge, dem Rover-Sitz nahe Birmingham, zu hören. Der Nachfolger des Roadsters MG F, der neue MG TF, war auf dem Automobilsalon in Genf zum "Cabrio des Jahres" gewählt worden. Und nach monatelangen Verhandlungen war schließlich der Vertrag mit dem chinesischen Autohersteller China Brilliance über die Gründung einer Gemeinschaftsfirma unter Dach und Fach.

Vorteil für Rover: Das Joint Venture soll 330.000 Autos pro Jahr bauen, was in Longbridge die Kapazitäten von 250.000 Fahrzeugen auslasten dürfte. Und: Mit den Investitionen der Chinesen von insgesamt 340 Millionen Euro gilt auch die Finanzierung der neuen Mittelklasse-Modelle und des künftigen Polo-Konkurrenten Rover 25 (ab 2005) als gesichert. Doch die "weit reichende globale Allianz mit einem operativen Horizont, der sich über mindestens zehn Jahre erstreckt" (Howe), hilft Rover nicht aus der derzeitigen Flaute. Schmidt von AID: "Generell gilt für Europa: Der Ausstieg von BMW hat das Image von Rover derart beschädigt, dass sich ein phantastisches Auto wie der Rover 75 trotz guter Qualität und attraktivem Preis kaum verkaufen lässt." Und auf dem deutschen Markt, meint Schmidt, seien die Aussichten ganz besonders schlecht.

Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center of Automotive Research an der Fachhochschule Gelsenkirchen, ist noch skeptischer: "Der Marktanteil ist in Deutschland derart niedrig, dass Rover in zwei, drei Jahren hier verschwunden sein könnte." Genau dieses hatte Jürgen Herrmann, seit zwei Jahren amtierender Deutschland-Chef, mit zweistelligen Millionen-Investitionen in die Rover-Werbung zu verhindern gesucht. Doch der Markt, der überdies noch von jungen Gebrauchtkarossen aus dem relativ hohen Rover-Vermietgeschäft verstopft war, reagierte nicht. Zu verunsichert waren die Käufer, was zu allem Überfluss auch noch Meldungen über schlechte Ersatzteileversorgungen bewirkten. Weitere Mittel, mit denen die Talfahrt zumindest mittelfristig hätte gestoppt werden können, heißt es in Rover-Kreisen, wollte Howe nicht bewilligen – was dieser Tage zum überraschenden Ausscheiden Herrmanns führte.

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.


Kfz-Versicherung