Autocorsos nach dem Abpfiiff

Was jubeln kostet

Autocorsos nach dem Abpfiiff

— 27.06.2002

Was jubeln kostet

Fußball-WM: Jeder Abpfiff ist Anstoß für die Jubel-Explosionen der Sieger-Fans. Auf den Straßen geht’s dann hoch her. Ja, dürfen die das denn?

"Wir lassen die erst mal feiern ..."

Yokohama, Sonntag, 30. Juni: Wer immer Fußballweltmeister wird, das Land des Siegers wird überkochen. Menschenmassen auf Straßen und Plätzen, Jubelstürme – und Verkehrsinfarkt. Einen Vorgeschmack gab es in Deutschland, als die Türkei die Japaner im Achtelfinale besiegte. Blitzartig waren die Fans mit ihren Autos auf den Straßen, bildeten Jubel-Corsos: Im Stakkato hupen, Fahnen schwenken, Mucke voll aufgedreht – an vielen Kreuzungen brach der Verkehr zusammen.

Ja, darf er das denn überhaupt, der Fan? Sein Auto zum Jubeltrubel-Vehikel machen und einfach spontan den geregelten Verkehr stören? Selbstverständlich hält der deutsche Bußgeldkatalog geeignete Strafen bereit. Als da wären beispielsweise: • Einen anderen "mehr als nach den Umständen unvermeidbar belästigt oder behindert" – das kostet zehn Euro (belästigt) oder 20 Euro (behindert) • auch diesen Ordnungs-Passus gibt es: Innerhalb einer geschlossenen Ortschaft "unnütz hin- und hergefahren" – macht 20 Euro Strafe • der Klassiker unter den Proforma-Regeln (wann gab es dafür zuletzt ein Ticket?): "Missbräuchlich Schallzeichen gegeben" – diese Missetat steht mit zehn Euro im Katalog.

Was könnten die Beamten da kassieren: Dutzende unnütz hin- und herfahrender Autos, Hunderte missbräuchlich gegebener Hupsignale – und Behinderungen anderer sowieso. Doch grau ist alle Theorie. In der Praxis lässt die Polizei den Block erst mal stecken, hofft indes, die überschäumende Szene wenigstens einigermaßen im Griff zu halten: "Deeskalation" ist angesagt. O-Ton eines Polizisten ins Funkgerät auf Hamburgs lahm gelegtem Prachtboulevard Jungfernstieg: "Ja, ja, Horst, natürlich könnten wir jetzt eine Ansprache halten. Nur, das würde nichts nützen. Wir lassen die jetzt erst mal feiern ..."

Ein Dutzend Knöllchen in Frankfurt

Vor einem anderen Hamburger Beamten kommt ein Coupé mit drei Jungs zum Stehen, ganz brav im Auto sitzend. "Ist Ihr Fahrzeug mit Gurten ausgerüstet?", raunzt der Schupo nur kurz in den Wagen – blitzartig zucken drei Hände zum Gurt. Sonst, vielleicht, drohen dreimal 30 Euro. Zwei Fan-Karossen weiter vorn hängen vier Girlies aus den Autofenstern ...

Auch Biker feiern, einer stoppt ohne Helm (15 Euro Strafe, eigentlich) vor einem Polizisten. Der tippt dem kahlköpfigen Muskelmann nur auf die Schulter, deutet aufs Kennzeichen: "Guck mal, TÜV abgelaufen. Lass das mal machen ..." So tolerant möchte manch Autofahrer den Polizisten auch im geregelten Verkehr wohl mal erleben. Wäre doch zu schön, wenn nicht jedes klitzekleine Foul im Strafraum gleich mit einem Elfer bestraft würde.

Allerdings: In Frankfurt soll es nach Überziehung der Jubelzeit tatsächlich ein rundes Dutzend Knöllchen über je zehn Euro gesetzt haben. Denn eine Stunde nach Abpfiff müsse auch mal Schluss sein mit lustig, befand der zuständige Polizeioberrat. Und was denkt der beeinträchtigte andere Autofahrer? Heftiges Hupen aus Protest gegen das Festsitzen im Stau kommt heute ja nicht so richtig zur Geltung ...

Kurierfahrer Harry stellt nur trocken fest: "Lasst sie doch feiern, da kann man sich doch durchfummeln. Diese Aufführung ist doch tausendmal schöner als die ewigen Frust-Demos in der City!" Eine weise Einstellung. Vielleicht jubelt ja am kommenden Sonntag sein Land über den WM-Sieg. Wo Harry herkommt? Raten Sie mal ...

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