Auto China in Peking 2006

Report Automesse Peking – Fälschung: ShuangHuan Sceo Report Automesse Peking – Fälschung: ShuangHuan Sceo

Automesse Peking 2006

— 24.11.2006

Der größte Copy-Shop der Welt

Die Automesse in Peking entpuppte sich als eine riesige Party der Plagiate. Motto: Alles ist möglich, nichts ist heilig. Doch nach der Feier droht die große Katerstimmung.

Schon mal versucht, mit Stäbchen klare Brühe zu essen? Hab' ich gerade gemacht. Auf der Auto China 2006 in Peking. Was man hier sieht, macht Appetit, doch du bekommst wenig Infos, die dich satt machen. Kaum einer spricht englisch. Aber gerade in Halle 1 bei den chinesischen Autobauern geht bei kreischend lauter Musik die Party ab. Maos Erben lassen es so richtig krachen – und sie kopieren weiter auf Teufel komm raus. Darin sind sie schon heute Weltspitze.Lust auf einen Streifzug durch den größten Copy-Shop der Welt? In unserer Mediengalerie gibt es weitere Videos von der Auto China 2006. Die Bildergalerie zeigt Fälschungen und Originale.

Markenschutz, geistiges Eigentum? Oooch, darf man alles nicht so eng sehen. Das Pekinger Festival der Plagiate eröffnet eine neue Dimension der Dreistigkeit und Geschäftstüchtigkeit. Wir drängen uns durch die Menschenmassen und entdecken haufenweise alte Bekannte. Hallo, kennen wir uns nicht? Diese Frage ist beim X5-Abklatsch Sceo von ShuangHuan wirklich überflüssig. Denn diesen China-BMW erkennt jeder auf den ersten Blick. 140.000 Yuan, rund 13.250 Euro, soll das völlig schmerzfrei abgekupferte Bayern-SUV inklusive Leder und 122 PS starkem 2,4-Liter-Mitsubishi-Benziner kosten. Ein Blick in den Pressetext lohnt sich: "Wir haben viele Millionen in die Entwicklung von Technik und internationalem Design investiert."

Der Coolbear von Great Wall sieht dem Scion xB auffällig ähnlich.

Aber – keine Angst – es geht noch unverfrorener. Autobauer Great Wall (Große Mauer) lässt sich nicht lumpen und rückt frisch aus dem Kopierer gleich drei Doppelgänger ins Scheinwerferlicht. Der Minivan Coolbear sieht dem Scion xB sicherlich nur zufällig ähnlich, im kompakten Florid steckt fast eins zu eins der Toyota Yaris, und der Kleinwagen Peri leiht sich natürlich völlig unentgeltlich das Heck vom Nissan Note sowie die Nase des Skoda Roomster.

Den Vogel in dieser landesweiten Kopieranstalt, in der einzig die Chinesen selbst Tempo und Spielregeln bestimmen, schießt BYD Auto ab. Das Kürzel steht für Build your dreams und heißt so viel wie "Alles ist möglich". Die Firma aus Shenzhen nimmt ihr Motto wörtlich und hat sich mal eben spontan den Traum vom kostenlosen BMW-Image erfüllt. Vom Emblem bis zu den Schriftzügen – alles geklaut.

Dreister geht es nicht: der erste Mercedes mit BMW-Emblem

Erstmals vereint: ein Mercedes mit BMW-Emblem. Dreister geht es nicht.

Ihr neuester Messe-Stern ist indes eher aus dem Schwäbischen inspiriert. Das viersitzige Cabrio-Coupé F8 leiht die komplette Front des CLK, ohne sich auch nur ein wenig Mühe zu machen, Details zu verändern. Dahinter folgen SL-Luftschlitze und ein zweiteiliges, elektrisch versenkbares Stahl-Hardtop à la SLK. 2007 soll das geklonte Gesamtkunstwerk für rund 20.000 Euro in China debütieren, ab August angeblich auch bei uns. "Noch mal deutlich günstiger", wie uns versichert wird. Auf den Prozess hierzulande freut sich Mercedes schon heute, aber im Rest der Welt könnten sie vergeblich klagen. Bis das Urteil kommt, ist es wertlos – davon kann General Motors mit der Matiz-Kopie ein Lied singen.

Schön peinlich auch der unmissverständliche Anbiederungsversuch in der Pressemappe von BYD: "Bleiben Sie in Kontakt mit uns. Wir bringen Ihnen Dollar!" Oder Ärger. Einer aktuellen Studie der chinesischen Automobilindustrie zufolge weisen drei Viertel aller Neuwagen Mängel auf. Grund: Wegen des harten Wettbewerbs im Lande werden immer häufiger die Preise gesenkt – auf Kosten der Qualität.

Bayern, aufgepasst: Die BMW-Kopie von Brilliance kommt 2007 auch zu uns.

Fast schon ein wenig legal geklaut wirkt daneben der neue 3er vom chinesischen BMW-Kooperationspartner Brilliance. Eine ansehnliche 4,63-Meter-Limousine mit deutlichen Bayern-Genen, die ebenso zu uns kommen wird wie der Bruder im E-Klasse-Format und das nagelneue Sport-Coupé, das rein zufällig M3 heißt und Ende 2007 in Deutschland Premiere feiern soll. Solche Kopien sind zugleich Drohung wie Verlockung: Seht her, wir können das bauen – also kommt besser schnell. Und sie signalisieren auch: Geistiges Gut steht auf unserer Werteskala nicht an erster Stelle. Erlaubt ist, was Geld in die Kasse bringt.

Der einzige Vollzahler in diesem Auto-Panoptikum scheint beinahe SAIC Motor mit seiner neuen Nobelmarke Roewe zu sein. Rovers Resterampe zeigt hier erstmals den aufgefrischten 75, der jetzt 750 heißt. Sehr einfallsreich. Der verlängerte Radstand steht der ehemals britischen V6-Limousine zweifellos gut, im nächsten Jahr kommt sie zunächst nach England, später auch zu uns. Ab 2010 sogar als Voll-Hybrid mit 286 PS.

XXL-Versionen für den chinesischen Markt

Ohne Verlängerung läuft hier übrigens nichts mehr. Die Chinesen wollen stets die neueste Technik, die neuesten Modelle und das alles bitte in XXL-Ausführung. Mindestens. Darauf reagieren auch die deutschen Hersteller zunehmend, die mit ihrer Modellpolitik hier in jüngster Vergangenheit ja nicht immer ein glückliches Händchen hatten. So zieht beispielsweise BMW jetzt den 5er um 14 Zentimeter in die Länge. Der 530iL Long Wheel Base wird in China produziert und soll dort auch ausschließlich verkauft werden. So läuft erneut Wissenstransfer nach Fernost.

VW kontert mit dem XL-Passat Magotan, der ab 2007 helfen soll, die Führungsrolle der Wolfsburger im Reich der Mitte zurückzuerobern. Überhaupt reden plötzlich alle darüber, das maßgeschneiderte China-Modell zu entwickeln – als Abklatsch bereits bekannter Typen. "Stopp" sagt hier angesichts der peinlichen Plagiat-Parade keiner. Natürlich nicht. Denn alle Hersteller strömen ins Land der automobilen Goldgräber-Stimmung. Keiner will das lukrative Geschäft gefährden – obwohl ihnen der Ausverkauf von Know-how droht.

Auf mittelfristig 200 Millionen Fahrzeuge schätzt VW-Markenchef Wolfgang Bernhard den chinesischen Automarkt. Da macht man gern gute Miene zum bösen Spiel und verteilt brav Komplimente: "China ist schneller als jedes andere Land", so Bernhard bei seiner Salon-Rede hier in Peking. Den Zusatz "im Kopieren" hat er sich geflissentlich verkniffen.

Dürfen die Chinesen das? Die Rechtslage

Im Dezember 2005 hat der Bundesgerichtshof (BGH) in seinem Porsche-Boxster-Urteil erstmalig entschieden, dass die Form eines Autos als dreidimensionale Marke eingetragen werden kann. Das heißt: Die Hersteller können Fälschungen an der Grenze beschlagnahmen lassen, den Vertrieb mit Unterlassungsverfügungen stoppen oder Schadenersatz verlangen. Die in Deutschland noch nicht umgesetzte Enforcement-Richtlinie der Europäischen Union (EU) sieht Auskunftsansprüche zum Beispiel gegen Spediteure vor.

"Grundkonzepte dürfen kopiert werden": Prof. Volker Jänich, Uni Jena.

Um die Gestaltungsfreiheit beim Autodesign zu erhalten, hatten sich Gerichte und Behörden in der Vergangenheit immer geweigert, Autoformen unter Markenrechtsschutz zu stellen. "Grundkonzepte dürfen kopiert werden", sagt Volker Jänich, Rechtsprofessor an der Uni Jena. So ist auch nach dem Boxster-Urteil nicht jedes x-beliebige Design geschützt. Die Faustregel: Man muss sofort von der Gestaltung auf den Hersteller schließen können (Beispiele: VW Käfer, Smart, Porsche Boxster). In China existieren seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation fast die gleichen Markenschutzrechte wie in der EU. So lassen sich auch dort zum Beispiel Zubehörteile als geistiges Eigentum registrieren. Allerdings werden viele Gesetze nicht angewendet. Andernfalls würden in den Fälscherwerkstätten Millionen Menschen arbeitslos werden.

Automarkt China: grenzenloses Wachstum

Bis 2010 steigt die Autonachfrage in China um durchschnittlich 17 Prozent.

Vor wenigen Jahren gab es in China nur eine Handvoll Marken und etwa zehn Automodelle. Heute buhlen mehr als 50 Automarken mit 60 im Inland produzierten und etwa 100 importierten Modellen um die Gunst der Käufer. Selbst die eher konservative Mercer-Studie "Automobilmarkt China 2010" prognostiziert ein Nachfragewachstum von durchschnittlich 17 Prozent bis zum Jahr 2010. Dabei ist die Mittelklasse das am stärksten wachsende Segment. Ihr Marktanteil wird bis 2010 auf 63 Prozent steigen, das entspricht einer jährlichen Zuwachsrate von 21 Prozent. Allerdings wird in diesem Segment auch der härteste Wettbewerb ausgefochten. Zwölf Marken haben gute Chancen, sich in der Mittelklasse dauerhaft zu etablieren: Buick, Citroën, Honda, Hyundai, Mazda, Nissan, Toyota und VW sowie Chery, Suzuki, Wuling und Xiali. Zahlreiche andere Marken werden versuchen, am Wachstum in der Mittelklasse teilzuhaben.

Autor: Tomas Hirschberger

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