AUTOMOBIL TESTS-Härtetest

Härtetest VW Golf 1.9 TDI Härtetest VW Golf 1.9 TDI

AUTOMOBIL TESTS-Härtetest

— 02.05.2005

Tortour de France

Nach der großen Kaufberatung und zahlreichen Einzel- sowie Vergleichstests muß sich der VW Golf als Langstreckenauto beweisen: Wie gut übersteht er den 5000-km-Härtetest?

Einmal rund um Frankreich

"Die funktioniert. Ganz bestimmt." Der Verkäufer wischt den Staub von der Packung und präsentiert stolz sein rares Fundstück aus dem Teilelager. Okay. Wir waren selbst schuld gewesen, erst zwei Tage vor dem Start der Tour de France nach einer passenden CD für das Golf-Navigationssystem zu suchen. Aber daß nirgends, weder bei VW noch im Elektronikmarkt noch im Autoradio-Fachhandel, eine passende CD aufzutreiben sein würde, konnten wir nicht ahnen. Nur VW Köster in Hamburg, dem Wohnort des Autors, hatte eine parat – eine Version aus dem Jahr 2001. Und die sollte in unserem Testwagen, einem nagelneuen VW Golf V 1.9 TDI Comfortline laufen? "Garantiert", schwor der Fachmann, "da gibt es keine Probleme. An der Navigation hat sich wenig geändert."

Es blieb uns nichts anderes übrig, als auf die Worte des Experten zu vertrauen. Die Probe aufs Exempel konnten wir nicht machen, weil das Auto nicht vor dem Laden parkte, sondern erst in Schwabach bei Nürnberg übernommen werden sollte. Von dort startet eine Tour, für die man gut wegweisende Elektronik gebrauchen kann: Zuerst gen Westen bis Luxemburg, dann Richtung Norden quer durch Belgien und dann einfach einmal rund um Frankreich.

Im südwestlichsten Zipfel, in Biarritz, würden wir in den Peugeot 307 umsteigen, der die ganze Reise begleitet. Wie der sich schlägt, lesen Sie im nächsten Heft. Auf der Tour de France lernten wir, daß die Grande Nation wirklich ganz schön groß ist: 5000 Kilometer kamen bei der Rundfahrt zusammen. Hätten wir jeden Zipfel, jede Halbinsel abgegrast, wären noch viel mehr Kilometer zusammengekommen. Für solche Strecken braucht man ein Auto, das einer uralten VW-Tugend gehorcht: Es muß laufen und laufen und laufen.

Von unserem 1.9 TDI mit 105 PS dürfen wir nichts anderes erwarten. Schließlich hat er schon in allen möglichen Einzel- und Vergleichstests Bestnoten kassiert. Ob zu Recht, soll dieser Langstreckentest zeigen, der dem Golf noch von keiner Zeitschrift aufgebürdet wurde. Daß der Golf auf einem Abschleppwagen heimfährt, ist kaum zu befürchten. Der Testwagen ist zwar mit serienmäßigem High-Tech (ESP, elektronischer Direkteinspritzung, elektromechanischer Servolenkung) so vollgestopft wie mit aufpreispflichtigem (Navi, Direktschaltgetriebe). Doch von Pannen-Serien, wie sie etwa BMW- oder Mercedes-Diesel mit Bosch-Einspritzanlagen zuletzt heimsuchten, ist beim Golf nichts bekannt.

Schmutziger Schuh trifft helle Ausstattung

Grund zur Besorgnis gibt es beim Golf kaum. Der Kummerkasten bei AUTO BILD listet vor allem Klagen wegen Karosserie-Verarbeitungsmängeln auf. Die sind zwar auch ärgerlich, führen aber selten zum unverhofften Ausrollen auf der Autobahn-Standspur. Die böse Erfahrung von Leser Pierre Bourbonus aus Rodgau stufen wir mal als Einzelfall ein: Der hatte sich nach vielen problemlosen Jahren mit japanischen Autos erstmals ein deutsches Fabrikat gegönnt – um dann zu erleben, daß bei seinem Golf 2.0 TDI schon zwei Wochen nach Übernahme ein neuer Motor fällig war.

So was darf bei einem "Premium-Auto" (VW-Chef Bernd Pischetsrieder) natürlich nicht passieren. Schließlich gilt Nobel-Anspruch ja wohl nicht nur für die Optik. Bei unserem Testwagen war die allerdings besonders Premium, vor allem innen: Armaturenbrett, Sitze und sogar Teppiche kamen in exklusivem Hellbeige. Das wirkt hell, licht und fein und ist ideal etwa für Mitarbeiter in Chip-Fabriken, die den ganzen Tag mit keinem Staubkorn in Berührung kommen.

Wenn jedoch wie beim Härtetest eine Fotografin einsteigt, nachdem sie mit ihren Wanderschuhen auf der Suche nach passenden Motiven über matschige Äcker gerannt ist, sieht das Ergebnis ziemlich problematisch aus. Die Besitzer heller Innenausstattungen müssen die Fußmatten wohl häufiger wechseln als ihre Socken. Leser Matthias Weinhold: "Mein Golf sieht sehr edel aus. Aber das helle Polster nimmt schnell die Farbe der Jeans an. Egal ob schwarz oder blau."

Von stofflichen Problemen abgesehen, war unser Testwagen für Schmuddelwetter bestens gewappnet: Die Sensoren des "Licht und Sicht-Paketes" (155 Euro) schalteten bei Dämmerung die Scheinwerfer ein und bei Regen die Scheibenwischer. Besonders an den Regensensor gewöhnt man sich so schnell, daß man das Betätigen des Wischers bald als fast so anachronistisch empfindet wie die manuelle Verstellung des Zündwinkels.

Für gutes Klima sorgt die Climatronic (300 Euro), die die Temperatur automatisch regelt, sogar für links und rechts separat. Ältere Mercedes-Fahrer, die die Zweizonen-Regelung seit Jahrzehnten kennen, wissen, daß manche Ehe ohne sie wohl weniger lange gehalten hätte.

Kein gutes Geschäft mit dem 90-PS-TDI

Seit Ende letzten Jahres gibt es die manuelle Klimaanlage nicht mehr wie zuvor als kostenlose Dreingabe für alle Golf-Modelle. Statt dessen erfanden die Marketing-Strategen das Cool & Sound-Paket für 750 Euro, das dem Trendline-VW ein Kühlaggregat und ein CD-Radio beschert. Comfortline und Sportline kommen jetzt serienmäßig mit Klima.

Weitere Änderungen gegenüber dem Stand zur Zeit unserer großen Kaufberatung sind der Rauswurf des von uns kritisierten 1.4 FSI, die Präsentation des rasanten GTI und des variableren Golf Plus. Die Vorwürfe wegen überzogener Preise führten auch zur Einführung eines günstigeren TDI: 550 Euro kann sparen, wem 90 statt 105 PS und 210 statt 250 Newtonmeter ausreichen. Das scheint ein schlechtes Geschäft, zumal man beim 90-PS-TDI auf eine wunderbare Option verzichten muß: die DSG-Automatik.

Auf der Autobahn, die uns nach dem Startschuß für die große Reise erst mal mit gleichbleibendem, schaltfaulem Tempo Richtung Luxemburg führt, macht sich das Extra zwar noch wenig bemerkbar. Aber prinzipiell darf man von ihm echten Komfortzuwachs erwarten. Um 1375 Euro treibt DSG den Kaufpreis gegenüber handgeschalteten Sechsgang-TDI in die Höhe. Der summiert sich beim viertürigen Testwagen mit den genannten Extras plus Navigationssystem und Leder auf stolze 26.315 Euro.

Normalverdiener sind nach so einer Ausgabe pleite – und kommen da sowenig wie wir in Versuchung, auf der Durchreise durch Luxemburg noch schnell ein steuergünstiges Sparkonto einzurichten. Platz für einige Geldköfferchen wäre im Golf noch gewesen: Das bei Härtetests obligatorische Marschgepäck mit Fotoausrüstung, Wasserkasten, Proviant und Reisetaschen haben wir problemlos untergebracht.

Praktisch sind die großen Türablagen mit Platz für eine Wasserflasche. Dosen(-halter) sind eben out. Nach dem Wegfall der Grenzkontrollen besteht keine Gefahr mehr, daß Zöllner den ganzen Kram durchwühlen. Heute muß man beim Wechsel nach Belgien nicht einmal mehr vom Gas gehen beziehungsweise den Tempomat ausschalten. Auf den Tempo-limitierten Autobahnen wächst uns das beim Comfortline serienmäßige Extra als schier unverzichtbares Ausstattungsdetail regelrecht ans Herz. Sorgt der Tempomat beim Dahinrollen doch für mindestens soviel Entspannung wie eine CD von Norah Jones.

Keine Gefahr, eine Klippe hinabzustürzen

Bei den in Frankreich maximal erlaubten drehzahlschonenden 130 km/h bleibt auch eine Schwäche des Pumpe-Düse-Diesel zunächst noch im Hintergrund: Der Selbstzünder gehört zur kernigen Sorte, der bei hohen Touren auf die Nerven gehen kann. Das findet auch Golf-Fahrer Konrad Neust, der von seinem Auto sonst eine Menge hält. "Aber der Dieselmotor ist absolut unkultiviert!" schimpft er.

Spätestens auf der kurvigen Küstenstraße zwischen Calais und Boulogne sur Mer, wo man häufig überholen, bremsen, beschleunigen und die Gänge ausdrehen muß, wünschen auch wir uns einen kultivierteren Motor. Mit dem 140 PS starken 2.0 TDI hat Volkswagen ja einen im Programm. Aber der kostet stolze 1825 Euro mehr als der 1.9 TDI.

Dessen 105 PS sind für das aufwendige Golf-Fahrwerk mit Vierlenker-Hinterachse keine Herausforderung. Selbst in beherzt angegangenen engen Kehren bleibt der Golf absolut neutral und leicht beherrschbar. Treibt man es zu bunt, kann der in Wolfsburg zur Perfektion entwickelte Schutzengel namens ESP natürlich auch in Frankreich eine Menge geradebiegen. Und das ganz gefühlvoll. In der sanft zum Meer auslaufenden Strandlandschaft bei Boulogne besteht noch keine Gefahr, eine Klippe herabzustürzen.

Die Steilküste vor St. Malo wirkt da schon riskanter. Aber auch hier hat man den Golf mit seiner präzisen elektromechanischen Servolenkung bestens im Griff. Weil die Sitze guten Seitenhalt bieten, muß sich in engen Kurven keiner verzweifelt irgendwo festhalten. Apropos, die Sitze. Über die haben wir noch gar nicht nachgedacht. Und das ist ein sehr gutes Zeichen. Nach jetzt über 1600 Kilometern fühlt sich der Rücken noch pudelwohl. Noch ein anderes Ausstattungsdetail ist aus unserer Wahrnehmung verschwunden: das Getriebe.

Germanisch straffes Fahrwerk

Die computergesteuerten Elektromotoren des DSG wechseln die Gänge so reaktionsschnell und weich, daß wir während der ganzen Fahrt kein einziges Mal auf die Idee gekommen wären, manuell einzugreifen. Etwas Konzentration erfordert DSG nur beim Start, weil man den Wählhebel von "P" schnell mal aus Versehen bis zum Schaltprogramm "S" durchzieht. Auf das können wir verzichten, weil es kaum mehr Temperament, aber viel mehr Drehzahlen, Lärm und Verbrauch bedeutet. Zum Säufer wird der TDI aber nie. Im Schnitt verbrauchte der Testwagen 7,0 Liter, auf den ruhigen französischen Autobahn-Etappen waren es 6,7.

Für ein so geräumiges und komfortables Reiseauto sicher nicht zuviel. Aber deutlich mehr als die Werksangabe von 5,6 Liter. Unser Minimalverbrauch lag bei 6,2 Liter. Leser Matthias Weinhold kann den aber klar unterbieten: Mit seinem handgeschalteten 2.0 TDI gelingen ihm Werte von 4,4 bis 4,7 Liter. "Die kommen jedoch nur bei reiner Landstraßenfahrt zustande", räumt er ein. Solche Mini-Verbräuche können seine Begeisterung für den 2.0 TDI natürlich nur steigern: "Der Fahrspaß mit 140 PS ist unübertroffen." Das kann weitgehend auch für den Federungskomfort gelten. Das Fahrwerk ist zwar nicht französisch weich, sondern eher germanisch straff abgestimmt.

Trotzdem kommen kaum unangenehme Stöße durch. Nicht einmal auf Pisten in der Bretagne. Auf denen kann man sich leicht verfahren. Kein Problem, wir haben ja die Navi-CD. Zunächst bleibt der Bildschirm dunkel, das System versucht zu verdauen. Dann die Meldung: "Die CD ist nicht geeignet." Zum Glück haben wir Karten und finden auch ohne Navi aus der Bretagne und aus Frankreich wieder hinaus.

Ein Handy für den Ruf nach einem Abschleppwagen brauchen wir auch nicht. Der Golf läuft und läuft und läuft. Zurück in Hamburg, nimmt der VW-Händler die teure CD anstandslos zurück. Auf die Bemerkung, daß eine funktionierende Navigation bei einer 5000-Kilometer-Tour praktisch gewesen wäre, kommt die trockene Antwort: "Das glaube ich auch."

Fazit und Qualitäts-Check

Fazit von AUTOMOBIL TESTS-Mitarbeiter Detlev Hammermeister Die Werbesprüche vom Golf als Premium-Produkt sind protzig. Aber glaubhaft. Der VW, der so kompakt nicht mehr ist, hat überzeugt wie eine bequeme Limousine. Viel Platz, Temperament, ein gelungenes Fahrwerk und das famose DSG verwandeln Langstrecken zur Entspannungsübung

Das sagen unsere Leser zum Golf

Es gibt zwar Kritik wegen diverser Mängel. Wirklich unzufrieden sind viele Golf-Fahrer aber nicht. Es sei denn, der Motor hält nur zwei Wochen …

P. Bourbonus, Golf 2.0 TDI: Im Dezember letzten Jahres habe ich einen neuen Golf V 2.0 TDI bestellt. Davor hatte ich nur japanische Autos, mit denen ich immer zufrieden war. Ich mußte zwar drei Monate auf den Golf warten, bei der umfangreichen Ausstattung fand ich das aber okay. Doch schon zwei Wochen nach der Übernahme Ende Februar mußte ich feststellen, daß aus dem Auto etwas ausläuft. Der Pannendienst hat den Golf nach einer halben Stunde abgeholt. Zwei Stunden später erhalte ich einen Anruf, in dem mir die Werkstatt mitteilt, daß sie einen neuen Motor einbauen muß. Ich konnte es nicht glauben und bin von Volkswagen sehr enttäuscht. Es ist wirklich schade, daß die Qualität von deutschen Autos so schlecht geworden ist. Ich hätte bei einem japanischen Auto bleiben sollen. Mit denen hatte ich nie Probleme. Am liebsten würde ich den Golf wieder zurückgeben.

P. Müller, Golf 1.9 TDI: Ich bin mit meinem Golf wirklich sehr zufrieden. Das Auto ist sehr zuverlässig, kompakt und zugleich sportlich. Der Komfort kommt auch nicht zu kurz. Besonders froh bin ich, gerade bei den aktuellen Spritpreisen, über den Verbrauch: Der liegt im Schnitt bei nur 4,7 Liter auf 100 Kilometer. Mich stört nur, daß die Blinker nicht hell genug leuchten. Aber das ist kein großes Problem, man kann ja neue einbauen, wenn man will.

K. Neust, Golf 1.9 TDI: Der Golf ist ein unscheinbares Auto mit hohem Alltagsnutzen. Extras wie Geschwindigkeitsregler, Lichtpaket oder das handliche Multifunktionslenkrad sind wirklich nützlich. Nervig ist der Motor: Der Diesel ist absolut unkultiviert! Nicht vertrauen kann man der Verbrauchsanzeige, die einen um 0,5 Liter zu niedrigen Verbrauch anzeigt.

M. Weinhold, Golf 2.0 TDI: Weil ich jeden Tag 70 Kilometer zur Arbeit fahren muß, habe ich mich für einen sparsamen Diesel entschieden. Ob man die 140 PS des 2.0 TDI benötigt, mag dahingestellt bleiben. Nach einer Probefahrt auch mit dem 1.9 TDI bin ich aber zu dem Schluß gekommen, daß der Fahrspaß mit dem 2.0 unübertroffen ist. Und das bei einem Verbrauch von 4,4 bis 4,7 Litern bei Überlandfahrt und 5,5 Litern im Stadtverkehr. Ich kann über keine schlechten Erfahrungen mit dem Golf, den ich seit Oktober letzten Jahres fahre, berichten. Nur der Regensensor nervt: Er läßt den Wischer über die Scheibe schrappen, selbst wenn kein Tropfen Wasser darauf klebt. Die Verarbeitung wirkt sehr hochwertig, besonders mit der edlen hellen Innenausstattung. Leider nimmt das beige Polster schnell die Farbe der Jeans an, ganz egal ob schwarz oder blau.

K. Kolbe, Golf TDI: Seit Februar letzten Jahres fahren wir einen Golf TDI Sportline. Die Laufleistung beträgt mittlerweile 12.000 Kilometer. Mängel sind bis heute an unserem Golf nicht aufgetreten. Die gute Verarbeitung ist wirklich auffallend. Wir mußten nur bei Kilometerstand 9500 einmal in die Werkstatt zur Nacharbeit. Der Durchschnittsverbrauch laut Bordcomputer: 5,9 Liter Diesel auf 100 Kilometer.

C. Pallmann, Golf 1.9 TDI Sportline: Vor dem 1.12.2004 hatte ich einen Polo, der mir wegen unzähliger Mängel gewandelt wurde. Deshalb bin ich nach wie vor skeptisch, was die Verarbeitungsqualität bei VW angeht, mit ihrer Sparpolitik übertreiben sie es in Wolfsburg. Nach 4500 gefahrenen Kilometern bin ich sonst sehr zufrieden und hoffe, daß das so bleibt. Der TDI macht einfach Spaß und hat genügend Kraft.

Ihre Meinung zum VW Golf

Ob ein Auto letztlich ankommt, wissen nur die Verbraucher selbst – also Sie. Deshalb ist uns Ihre Meinung wichtig. Vergeben Sie eigene Noten für den VW Golf 1.9 TDI Comfortline. Den Zwischenstand sehen Sie nach Abgabe Ihrer Bewertung.

Autor: B.S.

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