Autos im Blindtest

— 10.01.2008

Den erkenn' ich ...

Hier testet AUTO BILD wie noch nie zuvor: blind. Und nicht objektiv, sondern durch Fühlen, Hören und Riechen. Wer nicht gucken kann, sieht Dinge mit anderen Augen.



Alles hat er abgetastet. Türgummis, Sitzbezüge, Schalthebel, Handbremse, Knöpfe, Kunststoffe, Griffe, Fensterheber. Jürgen ist Experte und hat bestimmt schon x-mal in einem Golf gesessen, aber noch nie so: mit verbundenen Augen. Nicht zu sehen, was die Finger fühlen, das lässt ihm tausend Bilder durch den Kopf tanzen. Welches Auto das ist? "Hmmmh ... (unsicher), kommt aus dem VW-Konzern. Ein Audi A4!" Na siehste ... Schnapsideen können manchmal auch beim Kaffee entstehen, etwa, wenn jemand sagt: "Autos von heute, die erkennst du doch blind!" Wirklich? Deshalb hat AUTO BILD zum großen Vergleich fünf aktuelle Autos aufgestellt und Kollegen querbeet aus der Redaktion – Layouter, Sekretärinnen, Onliner, Tester – gebeten: Versucht, die Modelle nur am Innenraum zu ertasten. Außen ist tabu.

Lässt sich ein BMW blind von einem VW unterscheiden? Haben die Marken genug eigenen Charakter? Erste Einsicht: Sobald man die Brille aufsetzt, ist die Unsicherheit groß. Erwachsene trippeln, bücken sich übervorsichtig in den Sitz. Sehen ist der wichtigste Sinn, erst recht im Auto. Ohne Sicht ist Schicht. Allmählich erst gehen die Finger auf die Suche, erkennen erste Details. Das Gehirn "googelt" und vergleicht Erfühltes mit gespeicherten Bildern. "Ein dicker Schlüssel", erkennt Produktionslayouterin Nadine im 5er," hat den nicht Mercedes?" Logos haben wir überklebt. Mangels Sehkraft drängen andere Reize nach vorn. Christian erinnert der Geruch des BMW "an einen Oberklasse-Asiaten", bis er die aufklappende Kopfstütze erwischt.

Der 5er riecht nach"Oberklasse-Asiate"

Mario Pukšec im VW Käfer: "Stehende Pedale – entweder Porsche 911 oder ein VW Käfer ..."

"Ah, ein 5er." Obwohl der abgeschrägte Schalthebel oder der iDrive-Knubbel im Bayern doch eindeutige Hinweise geben – im BMW brauchen alle Kandidaten länger, und die Ratetipps reichen von "Mini" bis "Japaner". Von wegen unverwechselbar! Kaum besser ergeht es der C-Klasse. Der Sitzstoff erinnert Peggy an "Opel", der Kunststoff Diether "an einen Peugeot". Wenn die Hände rechts keinen Lenkstockhebel fühlen, wissen viele Tester schnell: ein Mercedes. Doch den C 180 erkennt Christian auch am billigeren Plastik im Cockpit. Keine Lobeshymne. Interessant die persönlichen Suchtechniken. Mario (27) tastet immer nur mit rechts über die jeweilige Mittelkonsole – und errät alle neuen Autos traumwandlerisch flott. Erst als die Mittelkonsole fehlt, in unserem AUTO BILD-Käfer aus Mexiko, kommt er ins Schlingern. "Den kenn’ ich nicht." Sein Tipp liegt trotzdem richtig.

Jürgen dagegen sucht den Innenraum ab wie ein Kommissar den Tatort: Dutzende Spuren, dutzende Vergleiche ergeben ein Puzzle. Frauen trauen auffällig oft und gut dem Geruchssinn, allen voran Kathrin. "Das ist ... ein BMW!" Schnüffeln: "Käfer." Leichtes Nasekräuseln: "Hmm, Audi." Mit ge-schlossenen Augen liegen A6 und Golf verwirrend nahe beieinander – gut für VW, aber was sagt das über Audi? Deren Qualität gilt bei Lichte gern als Maßstab, im Dunkeln jedoch scheint der Vorsprung zu schwinden. "Die breite Mittelkonsole" verrät Helmut und Karl-August schließlich den Audi. A4 oder A6? Karl-August langt zur Beifahrertür, erreicht sie nicht und meint: "Ganz sicher ein A6." Die Tür stand offen. Der Golf wird wahlweise als VW, Passat, Audi oder A3 identifiziert. Tester, die wie Jan nach Sekunden herausplatzen: "Das ist ein Golf", sind eher selten. Noch schneller kann es nur eine Kollegin, die zuvor den 5er für einen Mini hielt und auch beim Audi ("Mercedes A-Klasse?") danebenlag: Sandra greift beim VW-Oldie zum Griff, öffnet nur die Fahrertür, als sie sofort in den Luftzug hinein sagt: "Käfer. Eindeutig. Kenn' ich, seit ich Kind war." Schneller ist keiner, zudem wurde der VW-Oldie von allen am häufigsten erraten. Autos waren früher doch individueller – eben blind zu erkennen.

Kurzinterview mit Dr. Götz Renner (44)

Psychologe und Leiter der wissenschaftlichen Kundenforschung bei Mercedes

"Das Gehirn setzt Bilder zusammen"

Christian Steiger im VW Golf: "Das ist ein VW, bloß welcher? Kein Passat und kein Golf Plus ..."

AUTO BILD: Was geschieht im Kopf, wenn man blind tastet? Dr. Renner: Weil der wichtigste Sinn fehlt, bricht die Wahrnehmung zusammen. Zuerst riecht man – ein alter Schutzreflex. Dann fühlt die Hand, daraus setzt das Hirn Bilder zusammen, die zur Orientierung führen. Die Akustik ist weniger wichtig. Spürt da jeder Mensch gleich? Grundsätzlich ja. Ob Mann oder Frau macht keinen Unterschied, wie wir bei jährlich 1500 Kunden in unseren verschiedenen Laboren immer wieder feststellen. Worin liegt Ihre Aufgabe? Wir erforschen für Mercedes: Welches Material fühlt sich wertvoll an? Es muss nicht immer teurer Kunststoff sein, der einen wertigen Eindruck hinterlässt. Oder nehmen wir die Akustik. Macht ein Schalter ein scharfes Klacken, dann registriert der Kunde ihn als präziser. Das Plastik der C-Klasse wurde kritisiert. Dazu kann ich nichts sagen, daran war ich nicht beteiligt. Gibt es das noch – das typische Mercedes-Gefühl? Bestimmt. Unsere Kunden nennen das "stimmig bis ins Detail". Sie erkennen Bekanntheitsanker wie Lichtschalter oder Wischerhebel und wollen daneben eine moderne Neugestaltung.

Fazit von AUTO BILD-Redakteur Joachim Staat

Mit verbundenen Augen sieht man mehr: das harte Plastik, die kleinen Grate und die typisch deutsche Art, Autos zu bauen. Das Interieur ist solide, aber langsam vom Rotstift angekratzt. Der Zwang zum Sparen macht vor edlen Marken nicht Halt, und er macht die Autos immer gleicher. Trotzdem kann man einen BMW oder Mercedes immer noch blind unterscheiden – versuchen Sie es mal! Sie werden sehen ...

Autor: Joachim Staat

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