Autos im Endlager

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Autos im Endlager

— 26.02.2002

Die Verdammten von Gorleben

Schicht im Schacht. 840 Meter unter der Erde ackert eine Flotte von Mercedes G-Modellen im geplanten Atommüll-Endlager.

Erkundungsfahrt unter der Erde

Fahrstuhl? Um Himmels willen! Sag nie Fahrstuhl, wenn du tief unter Tage einfährst. Das Ding heißt Förderkorb und stürzt mit 16 Metern pro Sekunde dem Erdmittelpunkt entgegen. Die stolzen Bergleute quittieren "Fahrstuhl" bestenfalls mit betretenem Schweigen, schlimmstenfalls mit einer ruppigen Bremsung. So viel vorweg. Lektion zwei: Ein Bergmann "fährt" immer. Selbst wenn er zu Fuß geht oder eine Leiter hinaufklettert. Im Salzstock kommt eine weitere "Fahrung" hinzu: die im Mercedes.

15 G-Modelle schieben Dienst bei der Erkundung des geplanten Atommüll-Endlagers. Immer im Dunkeln, immer mit Licht, immer auf denselben staubigen Straßen. Die gelben Gefährte führen das freudlose Leben der Morlocks - glupschäugiger Unterweltwesen aus H. G. Wells Roman "Die Zeitmaschine". Sie ackern wie die Maultiere, während ihre chromblitzenden Brüder über die Boulevards und Wiesen dieser Welt flanieren. Welch ungerechtes Leben!

Nur manchmal ist es besser, ein um 840 Meter tiefer gelegter Geländewagen zu sein: wenn mal wieder ein Castor in Richtung Zwischenlager rollt. Dann ist in der niedersächsischen Gemeinde Pöbeln, Prügeln und Protestieren angesagt. Die Männer und Maschinen im Salzstock rührt das wenig. Ihre Arbeit geht weiter. Zwar ist die Erkundung des Salzstocks auf seine Eignung als Atommüll-Endlager vorerst auf Eis gelegt, doch die Instandhaltung der Anlage ist beschlossene Sache. "In frühestens drei und spätestens zehn Jahren soll die Erkundung wieder aufgenommen werden", sagt Obersteiger Bernd Korngiebel. "So lange müssen wir unsere Mercedes-Flotte fit halten."

Strahlender Abgang für den G

Die G-Modelle haben zwar keine Straßenzulassung, werden aber regelmäßig von einem Sachverständigen begutachtet. In der geräumigen Kfz-Werkstatt können die Haustechniker sämtliche Reparaturen unter Tage erledigen. "Wenn wir die Autos nach oben bringen, sind sie verloren", erklärt Instandhaltungschef Korngiebel. "An der feuchten Luft würden sie in kürzester Zeit verrosten." Der Grund: Der feine Salzstaub kriecht in alle Fugen und macht Arbeitsgeräte - ob Auto oder Akkuschrauber - bereits nach kurzem Aufenthalt im Stollen für ein Leben draußen unbrauchbar.

Aber wer will auch schon einen versalzenen GD 290 Automatik in karger Nato-Ausführung, dessen einziger Luxus die umklappbare Frontscheibe ist, der sein Leben lang auf 40 km/h abgeregelt über Rumpelpisten geholpert ist, seine Rußpartikel mühsam durch einen Keramik-Filter ausgehustet hat?

Der Abgasreiniger wird regelmäßig getauscht und sorgt dafür, dass die Autos einen "Frischwetterbedarf" (Frischluftbedarf) von 120 Kubikmetern pro Minute haben. Ohne Filter wäre er doppelt so hoch. "Für uns sind das hier robuste Arbeitsgeräte und keine Spaßmobile", sagt Korngiebel. Dass findige Kollegen den VDO-Tempobegrenzer überlistet und kleine Rennen unter Tage veranstaltet haben, will der Chef nicht gehört haben. Ist wohl auch nur ein Gerücht.

Wer die Reise im Förderkorb antritt, vergisst Sprechchöre und Straßensperren, Grüne und grün Uniformierte. Noch ertönt das dumpfe Dieselgrollen aus dem Bauch der Erde. Bis es irgendwann verstummt. Und der G für immer bleibt, wo er ist. Auch ein strahlender Abgang.

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