Die Monstertrucks vom Peipussee

Autos made in Estonia: Reportage

— 29.02.2016

Die Monstertrucks vom Peipussee

Die Reifen der Pick-ups aus Kallaste sehen aus wie Riesen-Donuts. Wir waren mit den Monstern auf dünnem Eis in Estland unterwegs.

Wenn es dunkel wird, steigen die Monster aus dem See, oft sind es 20, manchmal mehr. Mit funkelnden Augen rollen sie auf Gummiwalzen über das Eis, in ihren eisernen Bäuchen Männer und Fische. Am Ufer brüllen die Ungetüme laut, wühlen sich schnaubend über den Strand, fallen nacheinander über Kallaste her, das kleine Dorf im Osten Estlands. Jedes Monster nimmt sich eines der kleinen Holzhäuser vor.

Für die Fischer sind die Monstertrucks kein Freizeitvergnügen

Video: Omega, Datsun Cherry, Mercedes W123

Monstertrucks vom Peipussee

Männer steigen aus den Ungeheuern, manche zünden sich Zigaretten an, die Monster verstummen. So schlimm sind sie gar nicht, die alten Opel Omega, Datsun, Mercedes W 123. Sie sehen nur so fürchterlich aus mit ihren riesigen Reifen und den zersägten Karosserien. "Wir machen das nicht zum Spaß", sagt Aleksander Goidin. "Diese Autos sind im Winter unsere Fischkutter", erklärt der 52-Jährige, der wie fast alle hier zur russischen Minderheit zählt. Die Monstertrucks vom Peipussee haben Allradantrieb und, was besonders wichtig ist, riesige Ballonreifen aus zwei blanken Schläuchen. Über diese zwei Luftkammern haben ihre Erbauer "Schneeketten" aus zerschnittenen Reifendecken gezogen, in denen Schrauben für mehr Grip auf dem Eis stecken. "Die Felgen schweiße ich selbst", sagt Goidin stolz, der vor seiner Zeit als Monstertruck-Konstrukteur Elektriker war und früher wie alle hier im Winter ein Problem hatte: Die Boote waren im kleinen Hafen festgefroren, niemand kam zu den Fischgründen in der Seemitte. Doch dann fiel Anfang der 90er-Jahre der Eiserne Vorhang, die sowjetischen Besatzungssoldaten zogen ab und ließen in der Kreisstadt Tartu einen Militär-Flugplatz zurück. Männer aus Kallaste fuhren hin, fanden riesige Flugzeugreifen und kamen auf die Idee, die schwarzen Riesen-Donuts an ihre Autos zu schrauben.

Kaum ein Automodell ist sicher vor den schweißwütigen Männern

Selbstgeschweißt: Die Kontruktionspläne existieren nur im Kopf, bei der Karrosserie gibt es keine Grenzen.

Das machen sie bis heute; um die 40 "Karakat"-Gefährte gibt es in dem 850-Seelen-Dorf in Estland, im Nachbarort Nina einige weitere. Das Wort Karakat hat keine spezielle Bedeutung, aber der Klang erinnert entfernt an knatternde Motoren. Ähnliche Umbauten gibt es auch in Russland, etwa um in den Weiten Sibiriens trockenen Fußes über Sümpfe, Seen und Flüsse zu kommen. Kaum ein Automodell ist sicher vor den schweiß-und flexwütigen Männern aus Kallaste. Werkstattbesitzer Aleksander Goidin hat vor zwei Jahren sogar einen 35 Jahre alten Mercedes W 123 (220 D) zum Allrad-Pick-up um-gewandelt. "Der hat fünf oder sechs Jahre auf einer Wiese gestanden, dann habe ich ihn mir geholt", sagt er. Doch sein Sonntagsausgehauto lässt der Tüftler nur hin und wieder aus der Garage, Alltags-Karakat ist ein Opel Omega A mit 2,6 Liter Hubraum und 150 PS. Und Sechsradantrieb! Weil sechs Riesenreifen den Wendekreis stark vergrößern, muss Goidin gut aufpassen, wenn er durch den Ort walzt. Bloß nicht anecken an einem der weiß, grün oder gelb getünchten Holzhäuser. Oft passiert er das Wrack eines olivgrünen UAZ 452. Dem Kleintransporter aus Beständen der früheren Sowjetarmee fehlt das Fahrgestell, in Kallaste finden sich einige dieser entkernten Russen-Bullis. Erklärung: Das Allrad-Chassis muss als Basis vieler Karakats herhalten.

Ansonsten lässt die Kallaster Autoindustrie ihrer Kreativität freien Lauf. Vorne Toyota RAV4, hinten VW Caddy, Flugzeugreifen, Motor von Mazda – erlaubt ist alles, was irgendwie zusammenhält. Ohne Montageplan schweißen, flexen und schrauben die Männer drauflos. Oleg Lutshezharnõi tippt sich an die Stirn. "Hier, ich habe alles in meinem Kopf", sagt er. Zusammen mit Sohn Artur ist der Werkstattbesitzer so etwas wie der ADAC vom Peipussee, fährt bei Pannen oder Notfällen aufs Eis. In diesem Jahr musste er nur ein Monsterauto abschleppen, 2015 gab es keinen einzigen Einsatz. Trotz der eher bescheidenen Statistik hat der Mechaniker eine 24 Stunden am Tag erreichbare Notfallnummer auf die Tür seines Mischwesens aus Mazda, Nissan und UAZ gepinselt – für alle Fälle.

Die Eigenbauten machen auch schon mal schlapp

Nicht immer zuverlässig: Zwei der drei Autos machen am Tag unserers Besuches leider schlapp.

Auf seinem Weg durch den Ort nimmt er an diesem Tag nicht die vereisten Straßen, einfach so zum Spaß fährt er mitten durch einen kleinen Park. "Die großen Reifen sind auch im Wald bei der Forstarbeit praktisch", sagt Lutshezharnõi. Niemals kämen er und die anderen Männer aus Kallaste auf die Idee, im Supermarkt Fisch zu kaufen. Sein Essen holt Mann sich hier aus See und Wäldern. Und genau deshalb bestellt sich auch niemand im Autohaus einen Geländewagen von der Stange. Die Autos hier sind echte Handarbeit. Und die kann zuweilen ganz schön anstrengend sein, wie Sechsrad-Spezialist Aleksander Goidin an diesem Nachmittag zu spüren bekommt. Sowohl sein dreiachsiger Mega-Omega als auch der Mercedes 220 D-4WD machen schlapp. Dummerweise warten mitten auf dem Eis zwei Angel-Touristen aus Litauen, die Goidin am Morgen dort abgesetzt hat. Vier Kilometer vom estnischen Ufer entfernt – und zwei Kilometer von der russischen Grenze, die den Peipussee in zwei Hälften trennt. Es dämmert, und Goidin muss noch vor Einbruch der Dunkelheit raus zu seinen Fahrgästen. Mit seinen Monstertrucks ist er auch so etwas wie ein Taxiunternehmer, und so jemand hält Wort!

Mit den Ballonreifen ist man auch bei brechendem Eis sicher

Gehen selbst bei Eisbruch nicht ganz unter: Die großen Reifen schützen die Trucks vor dem Verschwinden.

Benzin oder Diesel? Der Chauffeur riecht an einem Benzinkanister, kippt den Inhalt in den Tank eines weiteren Reifenmonsters auf seinem Hof. Schnell eine frische Batterie eingebaut, den Motor angeschmissen, das Navi eingestöpselt, los geht's. Die Route zu den Anglern ist gespeichert, eine violette Linie führt auf dem Display quer durch das Wasser. "Die Fahrt kann sehr ungemütlich werden", hat Goidin vor dem Start gewarnt – und so ist es dann auch. Das Gefährt mit der alten Datsun-Kabine hüpft mehr, als dass es rollt. EU-Estland wird immer kleiner, bald ist die Küste außer Sicht, zwei Kilometer weiter beginnt Putins Riesenreich. Regenwasser steht fünf Zentimeter hoch auf dem Eis, der Untergrund wird brüchiger. Spalten zwischen den Schollen sind gut einen Meter breit, jetzt wird klar, warum die Reifen der Wagen so riesengroß sein müssen. Ob die Pneus ihm im Notfall genügend Auftrieb geben, weiß Goidin nicht. "Mir ist das noch nie passiert, aber fast jeden Winter bricht einer ein", sagt er, den Horizont fest im Blick, "aber macht euch keine Sorgen, das komplette Auto verschwindet selten im Wasser, oft nur ein Teil davon." Wie beruhigend. Nach knapp einer Viertelstunde erreicht das Donut-Auto die Männer, sie klettern an Bord des fahrenden Fischkutters, und die wilde Fahrt geht zurück an Land.

Natürlich kämen die Monster aus dem Peipussee niemals durch irgendeinen TÜV dieser Welt. Doch die Polizei lässt Estlands Extrem-Schrauber gewähren. "Solange wir hier im Dorf bleiben, ist das okay für die", sagt Aleksander Goidin. Offizielle estnische Nummernschilder tragen die Ungetüme aus dem Eis nicht. Doch weil auch in Kallaste Ordnung herrschen muss, hat jeder Ballonreifen-Bolide ein eigenes, sauber durchnummeriertes Kallaste-Kennzeichen. Auf Aleksander Goidins Blech sind die Ziffern "007" eingeprägt. Krass, krasser, Karakat.

Autor: Claudius Maintz

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