Die japanischen Leucht-Laster

Autoszene Japan

— 14.12.2015

Die leuchtenden Laster von Ishinomaki

Japans Decotora-Laster führen ein Doppelleben. Tagsüber arbeiten manche hart als Lastesel. Nach Sonnenuntergang machen sie Party.

Als die Sonne im Meer versinkt, wird es nicht dunkel, sondern ganz hell, bunt und laut auf dem grauen Platz direkt an der Küste von Ishinomaki. 200 Motoren springen an, die Fahrer drücken sich durch die langen Knopfleisten in den Cockpits, legen Schalter für Schalter um, knipsen Lampe für Lampe an. Ihre Decotora-Lastwagen leuchten nun, glänzen, blinken, schimmern, funkeln. Die Leerlauf-Drehzahl steigt auf 2000 Touren, das Kunstlicht frisst Strom, trotz moderner LED-Technik. Eine leichte Pazifikbrise stemmt sich gegen schwere Schwaden aus Dieselruß.

Treffen gibt es fast an jedem Wochenende irgendwo in Japan

Astronaut: Teruhiko Ito besitzt einen Kipper, der mehr von einer Raumfähre als von einem Laster hat.

Die chromblitzenden Laster wirken unwirklich, wie aus einer Science-Fiction-Serie. Manche sehen im Halbdunkel aus wie Raumfähren aus fernen Galaxien, die gerade auf dem Mond gelandet sind. Teruhiko Ito erinnert in seinem grauen Overall sogar an einen Astronauten, er steuert einen der Laternenlaster, einen Kipper. Mitsubishi Fuso, 355 PS stark, doch Marke und Modell verschwinden hinter der Bling-Bling-Maske. Von Montag bis Freitag fährt der 38-Jährige Sand und Kies, wühlt sich durch schlammige Straßen, kämpft sich durch Staus, trotzt Schnee, Regen, Eis. Nur am Wochenende knipst Herr Ito seinem treuen Freund den Sonntagsanzug an, geschneidert aus mehr als tausend Lampen und etlichen Chromteilen. "Verkaufen würde ich den niemals", sagt Ito. Mit anderen Decotora-Fahrern hat er sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen. Diese Kleinstvereine gibt es im ganzen Land, am Wochenende organisiert einer von ihnen fast immer irgendwo in Japan ein Treffen.

Die Geschichte der Trucks geht auf eine Action-Komödie zurück

Farbenfroh: Eine Action-Komödie aus den 70ern inspirierte Japans Trucker zu fahrenden Kunstwerken.

Entstanden ist die leuchtende Lust am Laster in den 70er-Jahren. Damals startet eine zehnteilige Action-Komödie namens Torakku Yaro ("Lastwagen-Jungs"), in der ein junger Mann mit einem Glitzer-Lkw ganz Nippon durchleuchtet. Fischtransporter-Fahrer sind die ersten Nachahmer. Anders als heute gibt es damals weder spezielle Decotora-Werkstätten noch fertige Anbauteile. Alles Handarbeit! Aus dem Film stammt auch der Kipplaster von Hiroshi Ezure, der von 1977 bis 1979 umgebaut wurde – ein echter Star! Kein Wunder also, dass der Mitsubishi Fuso die Festival-Besucher in Ishinomaki magisch anzieht – obwohl es in dieser Nacht weitaus schillerndere Modelle zu bestaunen gibt. So wie den gut zehn Jahre alten Mazda Titan von Tadashi Murata. Zusammen mit Tochter Misato (25) ist der 47-Jährige an die Küste gekommen, passend zum Ereignis tragen beide Jacken aus glänzendem Stoff, martialische Manga-Motive (japanische Comics) zieren die Seitenwände ihres Gefährts. Tagelang hat ein Airbrush-Künstler an der rollenden Leinwand gearbeitet, die schon viele Menschen bewundert haben. "Zehn Treffen pro Jahr müssen es schon sein. Mindestens", sagen beide übereinstimmend.

"Der Truck ist mein zweites Zuhause", erklärt Koichi Doi, der zwölf Stunden pro Tag schuftet, Fisch zum Großmarkt karrt, 10.000 Kilometer pro Monat abspult. Im Führerhaus blinken Kronleuchter, die Sitze hat Doi mit wild gemustertem Stoff überzogen. Eine kleine Oase inmitten des Lasters, alles in allem rund 2500 Euro teuer. Vier Treffen besucht er mit seinem rollenden Lampenladen pro Jahr, bei Tetsuro Kojimi sind es sogar 20. Sein Mitsubishi Canter muss nicht mehr arbeiten, "er ist nur noch Hobby", sagt der 50-Jährige. Vor zehn Jahren hat er den Zweitonner gebraucht gekauft, seitdem mehr als 11.000 Euro in Chrom und Lampen investiert.

Für manche Besitzer ist ihr Lastwagen ein zweites Zuhause

Lebensraum: Koichi Doi bezeichnet den Truck als sein zweites Zuhause – das hat er wild gestaltet.

Fein säuberlich nach Größe sortiert, füllen die Lkw den Platz. Kipper neben Kipper, Kleinlaster neben Kleinlaster und so weiter. Alles muss seine Ordnung haben in Japan, überall. Am Rande des Spektakels gibt es Würstchen, süße Limonade und große Aufkleber. Auf einer Bühne stellt ein Moderator einige Lkw vor, doch um Platz und Sieg geht es an diesem Abend nicht. Eher ums Sehen und Gesehenwerden. Aufzufallen ist die große Kunst in diesem Farbenmeer, in dem knallrot beleuchtete Felgen oder blinkende Showtreppen anstelle von Trittbrettern gnadenlos untergehen. Je extremer, desto besser. So wie der Tiger-Truck von Tetsuro Kojimi. Das wilde Tier ziert die Hecktüren des Wagens, dahinter verbirgt sich ein kleines, holzgetäfeltes Wohnzimmer, in dem der 50-Jährige übernachten kann. Doch an diesem Abend fährt Kojimi nach Hause, am nächsten Tag ruft die Arbeit. Gegen 20 Uhr formen sich die Lichter auf dem Platz am Pazifik zu einem blinkenden Band, langsam schiebt sich der Glühwurm Richtung Autobahn, verzweigt sich schließlich ins ganze Land.

Autor: Claudius Maintz

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