Autotechnik

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— 05.06.2002

Alles über den Airbag

Reiche leben eben länger - das galt bis vor zehn Jahren. Seitdem bieten VV, Opel oder Ford den Airbag auch für preiswertere Autos an. Aufstieg, Technik und Überraschendes vom schnellsten Lebensretter der Welt.

So kam die Luft in den Sack

Geniale Lösungen sind immer einfach. Wie der Airbag. Denn was liegt näher, als ein Kissen zum Polstern zu benutzen? Schon 1951 hatte der Münchener Erfinder Walter Linderer den Einfall, einen aufblasbaren Luftsack zwischen Fahrer und Lenkrad zu klemmen – die Geburtsstunde des Airbags. Wann, wie und womit der Luftsack jedoch aufgepustet werden sollte, diese Fragen benötigten noch etwas länger zur Klärung. Allerdings stand relativ bald fest, dass es schnell gehen musste. Sehr schnell.

Wer je mit dem Mund eine Luftmatratze aufgeblasen hat, weiß, wie viel 60 Liter Luft sind: das Volumen eines Fahrer-Airbags. Nach ungefähr 20 Tausendstelsekunden muss er vollständig gefüllt sein, um Brust und Kopf des Fahrers weich aufzufangen. So schnell schafft das kein Kompressor. Deshalb begannen die Forscher, Verbrennungsgase zum Aufblasen zu benutzen. Zunächst versuchte man es mit militärischen Treibstoffen – Raketen-Sprit. Damit platzte aber nicht nur der Airbag, sondern oft auch das ganze Auto. Die Lösung war ein anorganischer Brennstoff namens Natriumacid, der sich auf den Punkt genau dosieren lässt – wichtig für optimales Entfalten.

Allerdings fiel das in Tablettenform im Gasgenerator des Airbags eingebaute Natriumacid bei der Einführung der Knalltüten vor mehr als 21 Jahren noch unters Sprengstoffgesetz. Deshalb lagen der Betriebsanleitung eines Airbagautos Vordrucke bei, auf denen bei einem Verkauf des Fahrzeugs der neue Besitzer unterschreiben musste, dass er auf den Lebensretter aufmerksam gemacht wurde. Schnee von gestern. Genau wie das turnusmäßige Auswechseln des Airbags nach zehn Jahren. Das empfehlen heute nur noch wenige Hersteller, die meisten gehen davon aus, dass der Airbag so lange hält wie das Auto, mindestens aber 15 Jahre. Wenn nichts dazwischenkommt. Deshalb zeigen wir Ihnen zahlreiche Tipps und Tricks, damit der Airbag immer zuverlässig über Ihr Leben wacht.

Timing ist das Geheimnis

Viel Zeit darf nicht vergehen, wenn der Airbag seinen Einsatzbefehl bekommt – nach 20 bis 30 Millisekunden muss der Luftsack auf der Fahrerseite voll aufgepustet sein. Auf der Beifahrerseite darf sich die Knalltüte etwas mehr Zeit lassen, da der Abstand etwas größer ist und der Kopf des Insassen später ins Kissen taucht. Am hektischsten geht es bei den Seitenairbags zu: Nur fünf bis sieben Tausendstel stehen zur Verfügung, um Schutzwirkung aufzubauen – weil die Knautschzone seitlich nur wenige Zentimeter beträgt. Deshalb werden dort sehr leistungsfähige Gasgeneratoren eingebaut, die das Volumen schnell auffüllen. Nach dem Einsatz ist der Airbag übrigens Schrott – er wird nicht etwa für seinen nächsten Einsatz neu gefaltet und verstaut.

Bei der Steuerung der Airbagsysteme kommt es auf jede einzelne Tausendstelsekunde an. Damit die Nasen der Insassen exakt dann in den prallen Luftsack eintauchen, wenn er voll entfaltet ist. Also nicht vorher, die Wirkung käme einem Boxhieb gleich; und nicht später, wenn der Airbag schon wieder erschlafft. Deshalb muss die Steuerelektronik ganz präzise auf das Knautschverhalten der Karosserie abgestimmt sein – was die Nachrüstung von Airbags in ältere Fahrzeuge so gut wie unmöglich macht.

Zu Beginn der Airbag-Ära hatten sich die Autobauer abgesprochen, den Luftsack nach zehn Jahren vorsorglich zu erneuern. Daran halten heute nur noch Fiat, Alfa, Lancia und Renault fest. Das Gros der Hersteller traut seinen Airbags inzwischen die gleiche Haltbarkeit wie dem Fahrzeug zu, schreibt keinen Wechsel mehr zwingend vor. Ausnahmen davon sind lediglich Mercedes, die vor Januar 1992 vom Band liefen, und alle Vorgänger der aktuellen Ford-Modelle: Fiesta bis einschließlich Modelljahr 2001, Mondeo, Galaxy und Transit bis Mj. 2000. Die Airbags dieser Fahrzeuge sollten nach 15 Jahren ersetzt werden. Kosten: Fahrer-Airbag etwa 300 bis 800 Euro, auf der Beifahrerseite 250 bis 1000 Euro. In ähnlicher Höhe liegen die Preise pro Seitenairbag, die in Sitz oder Türen montiert sind. Auch für die Nachrüstung älterer Fahrzeuge werden ähnliche Summen fällig. Voraussetzung ist allerdings, dass bereits ab Werk ein Airbag lieferbar gewesen wäre.

Furcht vor dem Luft-Schlag

Die größte Furcht haben viele Autofahrer vor einem unbegründeten Auslösen des Airbags. So was kommt vor, doch statistisch spielen die wenigen Fälle keine Rolle. Häufiger ist das Nichtauslösen. Wobei hier unterschieden werden muss zwischen tatsächlichem und vermeintlichem Versagen. Tatsächliches Versagen ist ebenfalls äußerst selten, häufiger geht der Airbag nicht los, weil der Unfall einfach nicht schwer genug war. Denn um Fehlauslösungen zu vermeiden, sind die Steuergeräte auf einen recht hohen Schwellenwert programmiert.

Bei weniger als 20 km/h Aufprallgeschwindigkeit oder wenn der Anstoßwinkel mehr als etwa 45 Grad von der Fahrzeuglängsachse abweicht, bleibt der Airbag drin. Dieser Fall ist oft problematisch für Rettungskräfte, wenn Personen eingeklemmt sind und es zu Kurzschlüssen in der Elektrik und verspäteten Auslösungen kommen kann. Dann sollte unbedingt die Batterie abgeklemmt und anschließend 30 Sekunden gewartet werden. Danach ist das Airbagsystem stromlos und eine Bergung gefahrlos möglich. Ist die Batterie nicht zugänglich, muss eine spezielle Airbag-Kralle benutzt werden, mit der die meisten Retter heute bereits ausgerüstet sind.

Der Airbag kann Leben retten – wenn man seine Risiken kennt und sich an bestimmte Grundregeln hält. So ist er kein Ersatz für den Sicherheitsgurt, wie viele noch immer glauben. Der Airbag kommt erst ab einer bestimmten Aufprallstärke zum Einsatz und dient auch dann nur als zusätzliche Sicherheit zum Gurtsystem. Aber auch der Umgang mit dem Lebensretter hat sich geändert. Argwohn und Vorsicht der ersten Airbag-Jahre sind längst der Normalität gewichen.

Heute werden wieder munter Aufkleber auf die Airbag-Hülle geklebt und das Armaturenbrett mit Cockpitspray eingenebelt. Solche Pflegemittel oder ungeeignete Reiniger können die Oberfläche verändern, sie härter machen und so die Sollbruchstelle der Airbags ungewollt verstärken. Mit einem Aufkleber auf der Bruchstelle wird die freie Entfaltung des Luftsacks gestört, er kommt zu spät und schlägt dem Insassen ins Gesicht. Oder er entfaltet sich nicht wie berechnet und schlägt den Kopf der Person gegen die Seitenscheibe. Deshalb: Vorsicht bei der Pflege, die empfohlenen Putzmittel werden in der Betriebsanleitung genannt.

Zukunft der Schutz-Technik

Droht uns eine Airbag-Invasion? Fast scheint es so. Im neuen Siebener von BMW wachen bereits bis zu zehn Airbags über die Sicherheit der Insassen. Und schon melden sich Bedenkenträger zu Wort, die um die Gesundheit der Autofahrer bangen: Was, wenn alle gleichzeitig losgehen? Der entstehende Überdruck im Auto ließe die Trommelfelle platzen. Theorie. In der Praxis überwiegt der Nutzen dieser Sicherheitstechnologie.

Legion sind mittlerweile die Menschen, die dem Airbag ihr Leben verdanken. Täglich werden es mehr. Doch der Airbag ist kein Allheilmittel. Sicher ist die endgültige Anzahl der Sicherheitssäckein einem Auto noch nicht erreicht, die Japaner forschen schon intensiv am Airbag für die Rückbank und an welchen, die beim Heckaufprall eingreifen. Doch das Hauptaugenmerk richtet sich in Zukunft mehr auf den Fußgängerschutz und die Unfallvermeidung. Laut Airbag-Hersteller Autoliv liegt das Todesrisiko eines Fußgängers bei einem Aufprall mit 40 km/h auf die Motorhaube bei 100 Prozent. Wird die Haube dagegen beim Anprall angehoben und die harten A-Säulen mit einem Airbag abgepolstert, sinkt das Risiko lebensgefährlicher Verletzungen auf unter 15 Prozent.

Noch besser wäre natürlich, es käme gar nicht zu einer Kollision. Hier setzen die Forscher vor allem auf die Satellitennavigation, mit deren Hilfe die Fahrzeuge sich schon bald untereinander verständigen und ihre Fahrer auf einen sich anbahnenden Crash aufmerksam machen können. Wie in der Fliegerei – dort ist das Anti-Kollisions-Radar schon Realität.

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