Ayrton Senna

Ayrton Senna Ayrton Senna

Ayrton Senna

— 03.04.2002

Jetzt stirbt auch die Erinnerung

1994 verunglückte der größte Rennfahrer aller Zeiten tödlich. Nun droht sein sportliches, spirituelles und materielles Vermächtnis zu verblassen.

São Paulo am Sonntagmorgen: Mit müden Knochen drapieren übernächtigte Händler mit Dreitagebärten die Waren an ihren Ständen. In ein, zwei Stunden erwarten sie 120.000 Fans, potenzielle Kunden. Sie sind bereit für das internationale Verkaufs-Rennen an diesem Grand-Prix-Wochenende. Aus den Sortimenten der großen Teams - Ferrari, BMW-Williams, McLaren-Mercedes - fehlt es ihnen an nichts. Im Gegenteil: Hinter den überquellenden Kiosken und sich biegenden Tapeziertischen warten weitere voll gepackte Kisten mit Schumacher- T-Shirts, -Minihelmen, -Overalls und vielem anderen auf Abnehmer.

Artikel unbedeutender Fahrer sind schon schwerer aufzutreiben. Und manche, deren Absatz noch vor wenigen Jahren an manchen Tagen halbe Monatslöhne abwarf, sucht man leider vergeblich. Fans von Ayrton Senna, dem größten Rennfahrer aller Zeiten, gucken nur acht Jahre nach dem Tod ihres Idols betroffen in die Röhre. Der dreifache Weltmeister aus Brasilien rast zwar noch durch die Köpfe seiner Anhänger aus der Vor-Schumi-Zeit. Aber der "Mann, der nicht stirbt", wie die "Bunte" einst den über den Tod hinaus anhaltenden Senna-Kult überschrieb, kommt scheinbar doch zur letzten Ruhe.

Monumente von ihm sind aufgestellt, enthüllt und verwittern längst schon wieder. Die Benzingespräche rund um die brüchigen Boulevards der brasilianischen Metropole - einige nach dem Superstar benannt - drehen sich vermehrt um neue Helden - wie Montoya oder Massa. Gedenkmessen, noch vor wenigen Jahren etwa am Imola-Wochenende oder in São Paulo die Regel, finden nicht mehr statt. Anhänger gibt es noch, Andenken kaum.

Anhänger gibt es, Andenken kaum noch

Schon voriges Jahr fand Claus - aus Nürnberg - einzig im Shop des Nobelhotels Transamerica einige ausgesuchte Senna-Produkte. Er war auf der Suche nach netten Erinnerungsstücken eigens für ein Souvenir vom dreifachen Weltmeister nach São Paulo gejettet. Und unten am Friedhof von Morumbi stemmt sich ein Händler nicht lizenzierter Senna-Artikel als letzte Bastion gegen das Vergessen. Er wird geduldet, nicht unterstützt.

Da liegt die Frage nach Sennas Vermächtnis nahe: Was ist geblieben von den 350 Millionen Dollar, die der ehrgeizige Perfektionist eingefahren hat? Was von der Senna-Foundation, die er kurz vor seinem Tod als soziale Institution ins Leben rief? Was von den vielen Geschäften, die unter seinem Namen florierten? Was von den erlesenen Produkten, mit denen sogar seine Merchandising-Linie Weltruhm erlangte? Was aus den Vertrauten, die seinen Geist wachhalten wollten?

Die Senna-Foundation - es gibt sie noch. Leiter der Organisation (AS-Instituto) ist Celso Lemos. Ein smarter Manager-Typ, der 1993 zum Senna-Clan stieß. Übrigens nicht unbedingt zur Freude des Stars selbst, sondern mittels Protektion von Sennas Bruder Leonardo und Sennas Cousin Fabio Machado. Lemos übernahm nach dem Tod des Chefs schnell die Macht im Imperium.

Und das, so ehemalige Mitarbeiter, "ist das Problem". Zwar pumpt die Foundation (20 Angestellte) immer noch angeblich zehn Millionen Mark jährlich in 30 soziale Projekte: für hungrige Kinder, für soziale Forschung, zur Resozialisierung jugendlicher Straftäter, zur Förderung sozial schwacher Kinder über Sport oder Kunst, durch Theater, Ballett, Malerei.

Marke Senna-S - für Fans unerschwinglich

Von den Erlösen aus dem Lizenzgeschäft mit dem roten Senna-S fressen Verwaltung und Löhne 20 Prozent. Lemos findet diese Marge normal. Seine Philosophie lautet: "Die Marke Senna muss eine Edelmarke sein und bleiben. Wir wollen, dass unsere Kunden das Produkt der Qualität wegen kaufen. Die einfachen Fans", räumt er ein, "haben sowieso nicht das Geld dafür."

Nun weiß Claus aus Nürnberg - und mit ihm Tausende Senna- Fans -, warum er lange nach einem Senna-Sticker oder einem -Anhänger suchen kann. Im Angebot ist allenfalls Luxus: feinste Schreiber, edle Brillen, bombastische Uhren. Schon vor langer Zeit hatte Jorge Mussi, Inhaber eines Ladens in São Paulo, geklagt: "Alle Vorschläge, die ich Lemos gemacht habe, auch erschwinglichere Gedenkartikel anzubieten, stießen auf taube Ohren."

Aber es geht um mehr als eine Produktpalette. Der tief gläubige Senna wollte mit seinen Projekten und Einnahmen nicht nur Brot weiterreichen, sondern vor allem Ideale. Aber Lemos, meinen Clan-Kenner, ist "halt nur ein Geschäftsmann, der Senna nicht mal kannte. Ihm fehlen persönliche Beziehung und Zugang zu Sennas Ideen."

Kein Wunder also, dass der mit viel Brimborium angekündigte Senninha-Comic mit dem kleinen Senna als rasendem Helden und moralischer Leitfigur (als Video und Buch) nur noch sporadisch im Handel erscheint. Die bislang letzte Ausgabe verschwand vor Monaten nach endlosem Hickhack und Verlagswechseln sowie mehrfach veränderten Erscheinungsintervallen und stellt wohl bereits ein Sammlerstück dar. Nachschub? Woher?

Das Senna-Imperium bröckelt

Es passt ins Bild, dass beim Brasilien-Grand-Prix 1999 eine kleine Festivität mit Multimedia-Show zu Ayrton Sennas Ehren und Erinnern im Kommerz endete: als Verkaufsstand. Sennas Familie - man kann das verstehen - wehrt sich nicht mehr gegen das stetige Schwinden der Präsenz ihres Sohnes. Bruder Leonardo gilt als Partylöwe.

Geschäftlich hat er sich längst abgewendet - vom Volk und vom Bruder. Er will lieber superreichen Landsleuten computergestylte Eigenheime im Bill-Gates-Stil verkaufen. Vater Milton, früher die ordnende Hand im Betrieb, fehlt es an Kraft und Interesse für das Tagesgeschäft.

Mutter Donna Neyde hat sich zwar anfangs gegen Lemos' Führung aufgelehnt. Da war sie selbst noch entschlossen gegen die Trauer angetreten - mit dem Ziel, ein Museum mit Erinnerungsstücken, Fotos, Zeitungsausschnitten, lieb gewonnenen oder wichtigen Habseligkeiten ihres Jungen auf die Beine zu stellen. Ein steinernes Dokument für die Ewigkeit. "Die Leute sollen später noch sehen, wer und was Ayrton Senna da Silva war."

Der Film - vergessen?

Das Material wurde mühsam gesammelt, abgewogen, ausgewertet, datiert und sortiert. Nun schlummert es fein säuberlich verpackt hinter dicken Mauern im Hochhaus des Senna-Imperiums. Niemand kann sich daran erfreuen. Niemand den süßen Schmerz der Erinnerung in sich aufleben lassen. Als überzeugter Vertreter dieser Senna-Memorial-Idee stärkte der Ex-Fanclub-Präsident Adilson Carvalho Sennas Mutter immer wieder den Rücken. Und lief bei Lemos auf: "So was braucht Zeit", sagt der Boss.

Acht Jahre... in denen die kommerzielle Abteilung des AS-Instituto unter Senna-Cousin Fabio Machado hochfliegende Projekte mit brasilianischen Telefonnetzbetreibern plante, von denen nichts blieb. Donna Neyde hat aufgegeben. Fast genauso lange schon ist ein Film über Sennas Leben und Wirken geplant. Lautstark angekündigt. Hollywood hat die Rechte. Nur die Pflicht, etwas draus zu machen, verspürt offenbar niemand. Die Hauptrolle soll Antonio Banderas bekommen. Warum so ein Weichspüler?

Immerhin: Man kann die von Sennas Nichte betreute Homepage (www.senna.com.br) besuchen - die einzige offizielle von insgesamt 44.000 Webseiten - mit zahlreichen von Fans gepflegten Foren. Nur lesen - jedenfalls auf Englisch - kann man sie nicht.

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