Bayerns BAB-Mäh-Maschinen

Der Schäfer von der Autobahn Der Schäfer von der Autobahn

Bayerns BAB-Mäh-Maschinen

— 18.07.2002

Der Schäfer von der Autobahn

Ein Esel, 30 Ziegen und 670 Schafe: Das sind die Mäh-Maschinen der Autobahndirektion Bayern. Ihr Auftrag: grasen für den Umweltschutz.

Billiger als ein Gartenbauunternehmen

Alles kahl. Bis auf eine Distel. Wo vor einer Stunde noch Löwenzahn und Brennnesseln wucherten, wächst kein Grashalm mehr. Das Auge sucht den Mann mit dem Rasenmäher und findet ihn nicht. Auf den Nachbarfeldern stechen Polen Spargel, hockt ein kleines Mädchen, das Erdbeeren pflückt. Raps, raps, raps. Es raschelt und knirscht. Raps, raps, raps. Ein Geräusch wie bei einem Buschfeuer. 670 Schafe, 30 Ziegen und ein Esel rupfen Löwenzahn, Klee und Büsche aus einer Wiese an der Autobahn 99 bei München.

Bernhard Fischer (35) ist Deutschlands erster Autobahnschäfer. Ein Mann wie aus der Werbung: Typ Naturbursche, blaue Augen, kräftige Arme, Hirtenstock, breitkrempiger Hut. Der Schäfer aus dem Bayerischen Wald hütet seine Viehherde im Auftrag der Verkehrsdirektion Südbayern. Grasen für den Landschaftsschutz. Das gab’s noch nie. "Vielleicht macht unser Modell Schule", sagt Siegfried Pimpi (41) von der Autobahndirektion Südbayern. "Die Randflächen lassen sich schlecht mähen. Einen Schäfer zu beauftragen ist dreimal billiger als ein Gartenbauunternehmen", sagt er. Umweltfreundlicher sowieso.

"Prinz, geeeh!", feuert Fischer seinen Hirtenhund an. Prinz, ein niedlicher Zottel mit schwarzbraunem Fell, springt aus dem Kornfeld und treibt die Schafe auf die Böschung. "Mistviecher san’s!" Der Hund kennt kein Pardon mit den Schäfchen. Auch nicht mit trächtigen Muttertieren. Die Letzten beißen die Hirtenhunde: Max, Mori, Leika oder eben Prinz. Fischers wichtigste Wegbegleiter. "Vor denen haben die Schafe Respekt", sagt der Schäfer. Und vor den vorbeifahrenden Autos fürchten sie sich. Gut so. Denn die Herde wandert auf einem schmalen Grat – hinter Leitplanken und zwischen Kornfeldern. Zwanzig Kilometer in zwei Monaten, das macht 0,014 km/h und 70 Hektar Arbeit – so viel wie 75 Fußballfelder. Immer entlang der Autobahn bis zum Kreuz Langwied und wieder zurück.

Feierabend und dann Schäfchen zählen

Ein merkwürdiger Kontrast: Links Porsche, Audi, Honda; und rechts vom Lärmschutzwall eine Herde, die unterwegs ist für den Umweltschutz. In ihrem Wuschelfell tragen die Schafe Samen und Früchte huckepack. Körnchen, die sich in der Wolle verfangen haben. Bis sie runterfallen. Dann freuen sich die Landschaftsschützer, weil die Tiere Blumen und Gräser säen und öde Monokulturen keine Chance haben. Biotopvernetzung nennen Fachleute das. Doch nicht jeder hat Verständnis dafür. "Im Stau schau'n die Leit b'sonders grantig, wenn ich mit meine Viecher über die Straße muss", erzählt Fischer. "Dann müssen’s halt früher losfahren."

Die Züge der Deutschen Bahn können das nicht. Die müssen pünktlich kommen. Wie Fischer und seine Herde über die Gleise, sonst sind die Tiere in Gefahr. Zwei Zugtrassen muss der Hirte mit seinen Tieren überqueren. "Vorher ruf ich mit dem Handy bei der Bahn an." Fischer hievt ein Schild auf seine Schulter und postiert es am Straßenrand. In dem roten Dreieck: eine Kuh. Eine Kuh? Darunter die Aufforderung: "Hunde bitte anleinen". "Schilder mit Schafen kennt die Straßenverkehrsordnung nicht."

Manchmal kommen Dorfbewohner auf einen Plausch vorbei. "Ich mag nicht immer ratschen. Ich liebe die Ruhe." Und das sanfte Rauschen der Autobahn. Im Spätsommer marschiert der Schäfer 180 Kilometer nach Hause in den Bayerischen Wald, wo seine Frau und die drei Kinder auf ihn warten. "Das ist das größte Problem. Aber meine Frau hat ja gewusst, worauf sie sich einlässt." Fischer packt ein, treibt mit einem kräftigen "wuit, wuit, wuit" und seinen Hunden die Schäfchen zusammen. Ab ins provisorische Nachtquartier, nur einen Steinwurf entfernt von der Autobahn. Der Hirte nimmt den Elektrozaun von seinem dunkelroten Nissan Pickup und pfercht die Schafe ein. Feierabend. Nach zwölf Stunden auf den Beinen. "Jetzt was Warmes. Tagsüber reicht’s nur für eine Brotzeit", sagt Fischer. Der Schäfer klettert in seinen Campingwagen. Kochen, essen – und was dann? Schäfchen zählen.

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