Beifahrer im Subaru Impreza WRC

Beifahrer im Subaru Impreza WRC Beifahrer im Subaru Impreza WRC

Beifahrer im Subaru Impreza WRC

— 27.01.2006

150 Sekunden Vollwaschgang

Nur die Harten kommen in den Garten: Jochen Knecht, Redakteur von AUTOMOBIL TESTS, setzte sich für autobild.de neben Petter Solberg. In dessen Dienstwagen. Abenteuer Wildnis im Subaru Impreza WRC.

Am Anfang steht die Verzichtserklärung

Wenn man das Angebot bekommt, als Beifahrer in einem Rallye-Auto mitzufahren, überlegt man sich die Antwort nicht wirklich zweimal. Zumindest nicht, wenn das Ereignis noch in weiter Ferne liegt. Inzwischen sitze ich allerdings im Konferenzraum eines spanischen Hotels und frage mich, welcher Teufel mich damals geritten hat. Zeitgleich versucht mir ein lustiger kleiner Japaner alles über den neuen Subaru Impreza zu erklären. Auf Englisch. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Die Sache wird erst interessant, als Ex-Rallye-Weltmeister Petter Solberg zum Mikrofon greift.

Petter grinst. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn der blonde Norweger grinst eigentlich immer. Petter erzählt vom gescheiterten Versuch, seinen Weltmeistertitel zu verteidigen und grinst. Petter erzählt von seiner Familie und grinst. Petter erzählt von dem kleinen Mißgeschick, das seinem Teamkollegen Stephane Sarazin einen Tag zuvor bei der Rallye Catalunya passiert ist und grinst. Ich grinse nicht. Denn das "kleine Mißgeschick" des Franzosen endete damit, daß von seinem Auto nur noch der verkohlte Überrollkäfig übrig blieb. "His car burned out properly", referiert Solberg. Während ich mich noch frage, ob ein Auto eigentlich auch nicht "anständig" ausbrennen kann, soll ich ein Formular unterschreiben, das Subaru von der Verantwortung für meine körperliche Unversehrtheit freispricht.

Ganz ehrlich, sowas ist wahnsinnig vertrauenerweckend, wenn einem gleichzeitig ein schmächtiger Norweger freudestrahlend erzählt, wie sich der Dienstwagen seines Kollegen in Flammen auflöst. Am Ende siegen jedoch Neugier und Vernunft. Immerhin sind außer mir noch gut 70 ausländische Kollegen im Raum, die ebenfalls eine Runde im Rallye-Auto mitfahren sollen. Selbst bei einer Ausfallquote von geschätzten zehn Prozent sind meine Chancen, das Abenteuer unbeschadet zu überleben, also gar nicht so schlecht.

Rennstrecke im katalanischen Nichts

Wenig später stehe ich an einer kleinen Rennstrecke, die eine spanische Sicherheitsfirma ins katalanische Nichts gebaut hat. Wo sonst geschundene Seat von Nachwuchs-Personenschützern durch die Hügel geprügelt werden, stehen jetzt diverse blaue Zelte, Transport-Lkw und zwei Dixie-Klos. Mittelpunkt des kleinen Zeltlagers sind aber die beiden Rallye-Impreza, die unter blauen Pavillons von diversen Technikern, Ingenieuren und Fotografen belagert werden. Die drei Werksfahrer läßt der Trubel um ihr Arbeitsgerät noch relativ kalt.

Stephane Sarrazin fachsimpelt mit einem ständig nickenden Japaner, Chris Atkinson steht etwas verloren zwischen einigen russischen Journalisten, und Petter Solberg versucht seinen vierjährigen Sohn Oliver davon abzuhalten, seinem ferngesteuerten Mini-Impreza mit einem riesigen Drehmomentschlüssel den letzten "Service" zu verpassen. Kurz darauf ist es vorbei mit der Familienidylle. Herr Papa sitzt jetzt hinter dem Steuer seines World-Rallye-Cars und ruft per Knopfdruck weit über 300 Pferde zur Arbeit.

Wie stark der Boxermotor tatsächlich ist, der in den Tiefen des Impreza-Motorraums sein Unwesen treibt, ist Betriebsgeheimnis. Im Internet finden sich Angaben zwischen 300 und 650 PS – und keine der Zahlen wird vom Norweger oder einem seiner japanischen Vorgesetzten ernsthaft dementiert. Bevor allerdings die schreibende Zunft auf den Beifahrersitz darf, muß der Ex-Weltmeister, der laut eigener Aussage "die Schnauze voll davon hat, Zweiter zu werden", sein etwas verbeultes Arbeitsgerät (auch Solberg hatte im Rahmen der Spanien-Rallye einen Unfall) auf Betriebstemperatur bringen.

Helm auf zum "Gebet"

Unter fiesem Geröchel rollt der Impreza rückwärts auf die Strecke. Daumen hoch vom Mechaniker und schon bricht die Hölle los. Mit wildem Gebrüll stemmt sich der serienmäßig eigentlich recht biedere Mittelklasse-Japaner gegen den Asphalt und ist wenige Sekunden später hinter der ersten Kurve verschwunden. Zurück bleibt ein fieses Pfeifen im Ohr und die Erkenntnis, daß dieses japanisch-norwegische Gespann definitv schneller ist als der Verschluß einer Hobby-Digitalkamera ...

Während Petter Strecke und Reifen warmdriftet, bittet mich eine Subaru-Mitarbeiterin in ein kleines Umkleide-Zelt. Nach und nach verschwindet der Stuhl vor mir unter einem blauen Rennoverall, einer Sturmhaube und einem Helm. Die aufkommende Panik unterdrückend, zwänge ich mich in die Rennkluft und verfluche jeden Abend, den ich auf dem Sofa statt auf der Hantelbank verbracht habe. Beim abschließenden Blick in den Spiegel wird klar: Es gibt Menschen mit Köpfen, die sind wie gemacht für Helme. Ich gehöre nicht dazu.

Doch die Zeit für Eitelkeiten ist begrenzt. Schon schiebt mich Miss Subaru mit Nachdruck unter den Pavillon, wo Petter gerade von der ersten Journalistenrunde zurückkommt. Ein paar Handgriffe später hat mein russischer Vorgänger wieder festen Boden unter den Füßen und verabschiedet sich hastig in Richtung Mobilklo. Das kann ja heiter werden.

Ohne meine Initiative abzuwarten, schieben mich zwei Subaru-Mechaniker durch die winzige Öffnung, die der Überrollbügel auf der Beifahrerseite läßt. Wie durch ein Wunder knalle ich nur einmal mit dem Helm gegen eine schräge Verstrebung, bevor ich mit einem lauten Schnaufer in den Sitz plumpse. Petter grinst.

Physik? Gilt hier nicht

Schon fingern helfende Hände an den dicken Hosenträgergurten herum und zurren mich unsanft in der überraschend bequemen Sitzschale fest. Inzwischen ist auch mein Helm mit der Bordsprechanlage verbunden und Petter begrüßt mich mit einem herzlichen "Nice to meet you!". Bevor ich dazu komme, noch ein paar elementare Fragen zu klären ("Wie komme ich nach einem Unfall aus diesem Gurt und – viel wichtiger – wiw aus dem Auto raus?", "Wie kann ein Beifahrer den Weg ansagen, wenn er so schräg im Auto sitzt und eigentlich nur den Himmel sieht?"), rollen wir bereits auf unseren Startplatz. Ohne hinzusehen, findet Petter mit der rechten Hand einen Drehschalter auf der Mittelkonsole und ändert damit, wie ich später erfahre, die Einstellungen der Differentiale an Vorder- und Hinterachse.

Eine leichtes Kopfnicken, wieder dieses unverschämte Grinsen und eine kaum sichtbare Handbewegung hinter dem Lenkrad – schon scheint die Physik außer Kraft gesetzt. Bevor mein Gehirn überhaupt kapiert, was geschieht, quetschen mich die Fliehkräfte der ersten Rechtskurve bereits in die ausgeprägten Seitenwangen der Sitze. Während mein Körper damit beschäftigt ist, zwischen der Flut von Sinneseindrücken die lebenswichtigen Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, reißt Petter die Gänge durch. Dabei nimmt er weder den Fuß vom Gas, noch die Hände vom Lenkrad – ein sequentielles Getriebe macht’s möglich. Schon wieder ein Rechtsknick, wieder scheinen die Fliehkräfte an jedem Muskel im Körper zu zerren.

Mit einer schnellen Bewegung schaltet Kollege Solberg einen Gang runter und kommt mit Vollgas ums Eck. Daß dabei die Hälfte des Wagens neben der Strecke unterwegs ist, stört weder ihn noch seinen Dienstwagen. Der Impreza schießt wie von einem übermächtigen Gummiband gezogen durch die katalanischen Hügel. Ein paar Kurven später verliert die Fahrt langsam ihre Schrecken. Muskeln, Gehirn und Lunge haben sich langsam an das Gefühl gewöhnt, wie Wäsche im Vollwaschgang hin- und hergeworfen zu werden. Es bleibt Zeit, den Meister bei der Arbeit zu beobachten.

Solberg verdient sein Geld mit dem Spaß

Trotz des welligen Asphalts und der eigentlich zu engen Piste sitzt Petter fast schon entspannt hinterm Lenkrad. Ohne Hektik, dafür aber mit einer unglaublichen Geschwindigkeit fegen seine kleinen Füße über die Pedale, während gleichzeitig Arme und Hände die Richtung vorgeben – jetzt ist auch klar, warum es durchaus sinnvoll sein kann, vor dem Gewinn der Weltmeisterschaft als Tanzlehrer gearbeitet zu haben. Sollte irgendjemand mal Rallye ins Olympische Turnprogramm aufnehmen wollen – kein Problem, ich bin dabei!

Richtig schlimm wird es erst wieder vor der ersten 180-Grad-Kehre. Das Eck mit dahinter liegendem Felsblock kommt für meinen Geschmack viel zu schnell auf uns zu. Erst eine gefühlte Ewigkeit später geht Petter für den Bruchteil einer Sekunde scharf in die Eisen, zupft kurz am Lenkrad und wuchtet mit einem Zug am lang ins Cockpit ragenden Handbremshebel den Impreza-Hintern um die Ecke. So ein kontrollierter Drift ist eigentlich nicht Solbergs Sache, läßt sich bei solch engen Kurven aber nicht vermeiden. Der Norweger bevorzugt das Vorwärtskommen ohne Reibungsverluste. Nur wer die Kraft auf die Straße bekommt, kann auch schnell unterwegs sein. Schon bei der zweiten Spitzkehre läßt mich der abrupte Richtungswechsel relativ kalt.

So bleibt Zeit für Details. Für die Knöpfe im Fußraum zum Beispiel, mit denen der Beifahrer bei voller Fahrt Hupe, Scheibenwischer und Tripcomputer bedienen kann – während er seinem Fahrer die nächsten Kurven "vorbetet". Oder für das herrliche Zwitschern des Turboladers, dessen Ablaßventil bei jedem Gangwechsel den überschüssigen Druck abbaut. Oder aber für Petter Solbergs Grinsen. Der Mann ist unfaßbar ...

Endlos viele Kurven später fliegen wir über die Zielgerade. Erst kurz vor der Einfahrt zum Service-Punkt steigt Solberg voll auf die Bremse. Während ich aus dem Sitz in die Gurte geschleudert werde, tänzelt der Impreza nach links und rechts und rollt mit letztem Schwung unter den Pavillon. "Du bekommst Geld für den Spaß", frage ich Petter kurz vor dem Aussteigen. "Worauf du Gift nehmen kannst", kommt wie aus der Pistole geschossen. Das Grinsen ist allerdings einem Lachen gewichen.

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.