Bentley Arnage T 6.75 Twin Turbo

Bentley Arnage T 6.75 Twin Turbo Bentley Arnage T 6.75 Twin Turbo

Bentley Arnage T 6.75 Twin Turbo

— 22.03.2002

Das fliegende Schloss

Dieser Bentley überragt alle: Luxus-Limousinen mit purer Größe, Sportwagen mit gewaltigem Motor, und alle zusammen beim Image.

456 PS und zwei Turbolader

"Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich einen Bentley um die Rennstrecke jage, hätte ich ihn ausgelacht." Was wundert den Mann nun mehr - der Bentley, den er gerade quer stellt, oder seine Rolle dabei? Und was kann einen Derek Bell überhaupt noch verwundern? Der Mann ist fünffacher Le-Mans-Sieger, Formel-1-Kommentator, ausgezeichnet mit einem Orden, eine Institution. Und nun - "auf meine alten Tage", sagt er lachend – Bentley-Berater. Für Le Mans, bis dort der Sieg kommt.

Aber vorher die Pflicht: PR-Termin für den neuen Bentley Arnage T. Das T steht beim bisher stärksten Bentley für 456 PS, für zwei Turbos – und für Track. Also Rennstrecke. Deshalb spielt Bell, mit seinen 60 Jahren Falte für Falte ein Gentleman, auf dem Rundkurs den Chauffeur. Tritt das 2,5-Tonnen-Monstrum auf 220, jagt auf Kurven zu, lobt die Bremsen, nagelt im Scheitelpunkt das Gaspedal aufs Blech, lässt die Turbos blasen, das Heck kommen (natürlich ist ESP abgeschaltet) und erklärt nebenher seelenruhig, dass "der renovierte Arnage jetzt 57 Prozent weniger rollt". Danke, danke dem zusätzlichen Stabilisator hinten, dem stärkeren vorn, dem strafferen Fahrwerk und überhaupt Derek Bells langer Renn-Erfahrung. Mein Magen dankt.

"Der Arnage ist kein wirklich sportliches Auto." Wieder so ein Satz, den PR-Chefin Sarah Perris ihm am liebsten um die Ohren hauen würde, der aber viel sagt über die derzeitige Lockerheit im Hause Bentley. Die Marke steht vor dem bewegendsten Jahr ihrer Firmengeschichte, und die Stimmung in Crewe prickelt wie frischer Champagner im Glas.

Wagemut und Understatement

Bentley hat Rolls-Royce bei der Produktion klar überholt. Vorbei die Zeiten, als Käufer spotteten, ein Bentley werde nicht "just in time" gebaut, also zeitgenau nach den Regeln moderner Produktion, sondern "just in case" – falls ihn überhaupt jemand wolle. Im Herbst erscheint der "kleine" Bentley, der die Produktion bis 2006 von derzeit 1500 auf 9000 Fahrzeuge katapultieren soll. Und am Neujahrstag 2003 wird die Marke sozusagen neu geboren. Frei. Nach 72 Jahren losgelöst von Rolls-Royce, deren Produktion nach Goodwood umzieht.

Als sichtbares Zeichen trägt der Arnage dann im Türfalz erstmals wieder ein Typenschild von Bentley Motors und nicht, wie jetzt noch, eines von Rolls-Royce. Wie viele Bentleys zuvor wurde auch der Arnage als Rolls-Royce geboren, heißt dort seit 1997 Silver Seraph und steht für "klassisches Dahingleiten in höchstem Luxus". Bentley dagegen, so Verkaufschef Adrian Hallmark, verkörpert "exklusiven Wagemut mit Understatement". Ich vermute eine Prise trockenen britischen Humors, bei 5,39 Meter Länge von Understatement zu reden.

Nun ja, gegenüber einem Rolls-Royce fehlt die geflügelte Lady, die "Spirit of Ecstasy" auf dem Kühler, dazu mancher Chromschmuck; den Grill prägt statt Tempelsäulen ein sportliches Waffel-Piqué. Und der modellgepflegte Arnage T trägt doch tatsächlich ein kleines Spoilergebiss vorn und eine verschämte Lippe auf dem Heckdeckel – das kommt dabei heraus, wenn Bentley in den Volkswagen-Windkanal darf.

Künftig mit VW-Einfluss?

Oder muss. Denn sicherlich hat VW-Chef Piëch auch diesen Boliden höchstpersönlich abgenommen. Das klingt in Adrian Hallmarks freundlichen Worten so: "Wir freuen uns, im VW-Konzern Zugang zu Ressourcen, Zulieferern und Entwicklern zu bekommen." Direkter VW-Einfluss wird klein geredet, in Crewe sollen gerade mal 15 Leute aus Wolfsburg sitzen, der wichtigste allerdings ganz oben: Demnächst lenkt VW-Forschungs-Chef Franz-Josef Paefgen, zuvor bei Audi, Bentleys Geschicke.

Wenn die Wolfsburger überhaupt beim Arnage T hineingefunkt haben, dann mit viel Geschick. Die Wirkung eines Bentley ist unverändert umwerfend. Wenn du einsteigst, bist du ein anderer Mensch. Kleiner. Fasziniert. Beeindruckt vom Zusammenspiel polierter Hölzer, blinkendem Metall und dicker Teppiche. Alles erscheint schwer und solide, selbst der Blinkerhebel macht beim Einrasten "klonk", wie ein zuschlagendes Schlosstor.

Die massiven Lüftungsdüsen erinnern an fälschlich eingelochte Bocciakugeln, die Luftwege verschließen schwere Hebelchen wie aus dem Orgelbau. Deutsche Bentley-Käufer sitzen serienmäßig vor einem Armaturenbrett aus gedrilltem Aluminium, in der Luft liegt die einmalige Duft-Mixtur aus Bauernhof und leicht öliger Auto-Werkstatt – ein Bentley kommt quasi mit Connolly-Leder auf die Welt. Ansonsten herrscht Stille. Absolute Ruhe, selbst nach dem Anlassen. Von Volkswagen ist im Arnage T jedenfalls nichts zu spüren – der Bentley ist das harte, gusseiserne Männerspielzeug geblieben. Nur mittlerweile Euro-3-tauglich.

Der leise Sportwagen

Was den Charakter des Bentley ausmacht, ist sein einmaliger Motor: Der V8 lag schon auf dem Schrotthaufen, bis Bentley-Fahrer den BMW-Zwölfzylinder aus dem Rollys-Royce als zu sanft empfanden und die Marke zu diesem technischen Dinosaurier zurückkehrte: eine unten liegende Nockenwelle, Stößelstangen, dazu eine scheinbar veraltete Viergangautomatik. Den VW-Oberen mag bei diesem Relikt grausen, aber ihr großes Teilelager hält kaum adäquaten Ersatz bereit.

Bislang leistete der 6,75-Liter-Riese 406 PS, jetzt, nach einer umfangreichen Motorkur, 456. Aber es geht nicht um wie viel, sondern ums Wie. Und um 875 Newtonmeter. Wann immer man das Gaspedal durchtritt, erklingt nur das tiefe Rauschen eines Tannenwaldes, das langsam übergeht in das gewaltige Murren eines großen, mächtigen Tieres. Mehr nicht. Seit den Dreißigern folgt Bentley der Ruf, "the silent sports car" zu bauen. Das mit der Stille stimmt jedenfalls, und jeden Zweifel am "sports car" beseitigt ein Blick aus dem Fenster.

Denn der Arnage, dieses noble Clubzimmer, schießt los, als sei er ein BMW M5 oder Porsche 911. Aus jeder Drehzahl katapultiert das Drehmoment den Wagen mit einer Vehemenz nach vorn, die man diesem Mittelgebirge niemals zugetraut hätte. Der Arnage enthüllt sein zweites, böses Gesicht – das wollen Bentley-Fahrer immer wieder erleben, nicht das Dahinsegeln wie im Rollie. Die Limousine durchpflügt die Atmosphäre mit der schweren Mechanik einer Lokomotive, Ettore Bugatti nannte die britischen Sportler einmal "die schnellsten Lastwagen der Welt". Das war in den Zwanzigern.

Von damals muss die Lenkung übrig geblieben sein, die dem sportlichen Anspruch wenig Festigkeit entgegensetzt. Die Kunden werden sich ohnehin eher dem Personal Commissioning zuwenden, dem Ausstaffieren nach eigenem Gusto. Ach ja, kurz noch der Preis: 263.068 Euro. Das ist so viel, dass es diejenigen nicht schert, die die Summe niemals hinlegen können, und die nicht, die sie leichten Herzens zahlen. Wer Bentley kauft, hat bereits S-Klasse, Porsche und Range Rover in seiner Garage. Der Arnage ist kein Auto, sondern ein Lebensstil. Ein ziemlich flotter.

Technische Daten und Ausstattung

Technische Daten V8-Zylinder, vorn längs eingebaut • zwei Abgas-Turbolader • Hubraum 6750 cm3 • Leistung 336 kW (456 PS) bei 4100/min • maximales Drehmoment 875 Nm bei 3250/min • Viergang-Automatikgetriebe • Heckantrieb • Beschleunigung 0-100 km/h in 5,8 s • Höchstgeschwindigkeit 270 km/h • Länge/Breite/Höhe 5400/1932/1515 mm • Leergewicht 2585 kg

Serienausstattung Connolly-Leder • Wilton-Teppiche • Klimaautomatik • sechs Airbags • ESP • Navigationssystem • Sitzheizung • elektrisch verstellbare Sitze • Audiosystem • Alarmanlage • Abschleppschutz • Preis 263.068 Euro

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