Bentley Continental/Aston Martin Virage: Vergleich — 17.08.2011

Kronjuwelen

Zusammen leisten Bentley Continental und Aston Martin Virage über 1000 PS. Und: Beide Gentleman-Racer werden von fetten Zwölfzylindern befeuert. Welcher hat den stärkeren Charakter?

Wie neu ist neu? Man muss schon genau hinschauen, um unser zwölfzylindriges Coupé-Duo als aktuelle Ware zu identifizieren. Bentley Continental GT gegen Aston Martin Virage, das erinnert nämlich aus vielen Blickwinkeln an die Erstaufführung aus dem Jahr 2004, als der Aston Martin DB9 mit dem Urmodell des Bentley W12 um die Gunst der Schönen und der Reichen buhlte. Für 2011 haben sich die Protagonisten zwar neu eingekleidet, doch der Duke aus Cheshire und der Earl aus Warwickshire sind in den letzten sieben Jahren kaum gealtert. Im Gegenteil: Wer mit diesen besonders noblen Vertretern ihrer Art eine Landpartie unternimmt, der könnte glauben, die Zeit sei stehen geblieben.

Übersicht: Alle News und Tests zum Bentley Continental GT

Dynamisch profiliert: Der Virage spiegelt die Urfrom des sportlichen Coupé wieder.

Ein Aston sieht immer aus wie ein Aston. Dem Virage haben sie zwar einen leicht prolligen LED-Lidstrich über die Xenon-Augen gezogen, und die blassweiß verglasten Rückleuchten strahlen so fahl wie der Teint scheuer Schlossherren, doch die Silhouette hat Doppelgänger Potenzial. Das Interieur ist im bewährten My-Car-is-my-Castle-Stil gehalten – edles Leder, soweit das Auge reicht; ein hübsch gemachtes, aber veraltetes Instrumentarium; eine rundum auf Tuchfühlung bedachte Architektur und ein durch keine Assistenzsysteme getrübtes Elektronik-Selbstverständnis. Auch ein Bentley muss immer auftreten wie ein Bentley. Dem Conti GT haben sie zwar ein neues Blechkleid auf den kaum veränderten Korpus geschneidert, aber die stilistische Weiterentwicklung ist nicht der Rede wert, und der modische Hüftschwung wirkt ebenso aufgesetzt wie der vom Mulsanne ausgeborgte Limousinen-Heckabschluss.

Übersicht: Alles News und Tests zum Aston Martin Virage

Überholprestige auf breiter Front: Der Kühlerschlund des Bentley Continental muss nicht lange um freie Bahn bitten.

Der neue, deutlich funktionellere Armaturenträger setzt auf den bewährten Oberklasse-Habitus mit zweifarbigem Leder, Holz oder Pianolack und Applikationen aus gebürstetem Metall. Erster Eindruck hier wie dort: noch mehr Luxus, noch mehr Leistung, noch mehr Prestige. Aber keine bahnbrechende Technik, kein großer Schritt in Richtung schöne grüne neue Welt. Natürlich hat auch die böse alte Welt ihre charmanten Seiten – zum Beispiel in Form von Leistung und Drehmoment im Überfluss. Hier schlägt der W12-Biturbo den V12-Sauger nach Punkten. Der Bentley schmiert bis zu 700 Newtonmeter Drehmoment auf die optionalen 21-Zöller, verteilt 575 PS an alle vier Räder und pfeilt auf Wunsch mit 318 Sachen durch die imaginäre Lichtschranke. Dem Aston Martin fehlen nicht nur 78 PS, sondern auch 130 Nm zu seinem Glück. Doch weil der Flachkühler 535 Kilo leichter ist als der trotzig im Wind stehende Hochkühler, erleben wir den 0-bis-100-km/h-Sprint als 4,6 Sekunden kurzes totes Rennen. Nur durch braves Mitschwimmen kommt man mit den versprochenen 15,0 (Virage) bis 16,5 Litern (Conti) tatsächlich 100 Kilometer weit

Racer versus Gleiter

Der Bentley ist ein Meister der virtuellen Geschwindigkeit: sauschnell und dabei unschuldslammfromm, von turbinenhafter Mühelosigkeit und trotz aller Explosivität fast aufreizend gelassen. Der Aston Martin lässt uns dagegen fast distanzlos teilhaben am linearen Prozess der Kraftentfaltung, der untrennbar mit hohen Drehzahlen und mit einem Soundtrack verbunden ist, der süchtig macht. Geschaltet wird bevorzugt über zwei Carbonsicheln am Lenkrad. Während der Continental GT die nächsthöhere Getriebestufe mit der Lässigkeit eines Dandys durch die Gasse schlenzt, knallt der Virage die Zähnräder mit dem Spann volley durch das Ölbad. Keine Frage – wer die Unmittelbarkeit des Geschehens hören und fühlen will, der dürfte am rascher getakteten und schärfer abgeschmeckten Aston Martin mehr Gefallen finden. Doch wer den Vorwärtsdrang lieber aus der Tiefe des Raumes schöpft und über einen unsichtbaren Gummizug mit dem Horizont verbunden sein möchte, der wird sich wohl eher in das Wesen des Bentley verlieben. Hier wie dort animieren Drucktasten zum Ausleben der fahrdynamischen Talente. Der Virage ändert im Sportmodus die Taktik für Motor, Getriebe und Gaspedal vom Querpass- zum Steilpass-Spiel. Gleichzeitig variiert die Dämpferkennung das Ansprechverhalten der Radaufhängung von demi-sec zu brut.

Hintergrund: So testet AUTO BILD

Auch der Continental GT kann auf Wunsch schneller schalten, flinker einlenken, straffer ansprechen und sich weniger ostentativ in die Kurve legen. Der W12 ist luftgefedert, keramikgebremst (Aufpreis) und allradgetrieben. Seine Lenkung wirkt artifiziell, sein Handling ist leicht kopflastig, sein Komforttalent lässt zu wünschen übrig, und seine Stopper packen so gierig zu wie Hasso der Kettenhund. Das am Limit nicht immer leicht beherrschbare Kraft-Weg-Parallelogramm versprüht in Verbindung mit der luxuriösen Ausstattung und dem extrovertierten Auftritt durchaus einen gewissen Charme. Der V12 hat Stahlfedern, Heckantrieb und Keramikbremsen (Serie). Die Lenkung wirkt zackiger, der Verzögerungsapparat reagiert verbindlicher. Doch Grip und Traktion kämpfen mit den Tücken des Reibwerts, und das Handling ist im Grenzbereich für die Quertreiberei anfälliger als die nur ganz leicht heckbetonte Körperhaltung des Gegenspielers aus der benachbarten Grafschaft.
Technische Daten Aston Martin Bentley
Motor V12 W12, Biturbo
Einbaulage vorn längs vorn längs
Hubraum 5935 cm³ 5998 cm³
kW (PS) bei 1/min 365 (497)/6500 423 (575)/6000
Nm bei 1/min 570/5750 700/1700
Antriebsart Hinterrad Allrad
Getriebe 6-Gang sequenziell 6-Stufen-Automatik
Leistungsgewicht 3,6 kg/PS 4,0 kg/PS
Beschleunigung von 0–100 km/h 4,6 s 4,6 s
Höchstgeschwindigkeit 299 km/h 318 km/h
Preis in Euro 189.995 183.974

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Kommentare zum Artikel (71)

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Görtz
22.08.2011, 12:31Uhr

"Bandscheibenfeindliche Ladekante"? Mensch Schreiberling! Machst du jeden morgen drei Kniebeuge! Wirst sehen, kriegst die Sporttasche da rein!

Und in "Richtung schöne grüne neue Welt" kommt man mit Luxuscoupés leider auch nicht, es sei denn man verkauft sie und investiert den Erlös in einem Biobauernhof.

Schema F kann man bei solchen Tests einfach nicht anwenden, das spielt in dem Segment überhaupt keine Rolle. Bitte mehr Wesentliches und weniger Phrasen!

Hm
22.08.2011, 11:54Uhr

eigentlich hatte ich mich für den Aston entschieden, aber ihr habt mich voll überzeugt. Ich nehm beide!

e fef
21.08.2011, 14:43Uhr

@hal

ich konnte schon mehr a7 als den neuen cls in natura sehen.

Phil
21.08.2011, 08:39Uhr

wer das glück hat sich zwischen den beiden autos entscheiden zu können wird wohl nicht lange überlegen müssen. wem luxus wichtiger ist, der wird sich für den bentley entscheiden und die sportfans greifen zum aston martin.

Lego
20.08.2011, 23:56Uhr

@Rolandus: Der Bentley teilt sich die Plattform mit dem Phaeton, d.h. bedient er sich genauso am Konzernregal. Man nehme zwei VR6 mit ca. 3l Hubraum aus dem Golf und fügt diese zusammen, dann bekommt man einen W12 mit ca. 6l Hubraum. Aber auch der Aston V12 basiert auf einem Volumenmotor, es ist eine "Weiterentwicklung" vom Ford 3,0-l-Duratec-V6..

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