Flying Spur Speed vs. Quattroporte S

Bentley Continental Flying Spur Speed Maserati Quattroporte S Bentley Continental Flying Spur Speed Maserati Quattroporte S

Bentley Continental Flying Spur Speed vs. Maserati Quattroporte S

— 12.11.2008

Zwei Lichtgestalten

Wo sie auftauchen, scheint die Welt für einen Augenblick stillzustehen. Bentley Continental Flying Spur Speed und Maserati Quattroporte S ziehen jeden in ihren Bann – auf ganz persönliche Art und Weise.

Wie schön, zu Zeiten der Weltkrise, der Sorge, der drohenden Armut, noch einmal in Bentley und Maserati sitzen zu dürfen. So etwa könnte es sich anfühlen, die letzte Zigarette vor der Hinrichtung zu rauchen. Und entsprechend neugierig wird man beäugt, mit diesem Blick, in dem der Verdacht lauert, einer der dubiosen Krisengewinnler zu sein. Von wegen Traumjob Tester. Seltsam fühlt man sich in einem Auto, das so weit entfernt von den eigenen Möglichkeiten ist. Und das nach Verrat an der Sozialgemeinschaft riecht. Es ist keine gute Zeit, sich mit einem 202.062 Euro (Bentley) oder 123.350 Euro (Maserati) teuren Automobil unters Volk zu mischen.

Sein Latino-Charme macht den Quattroporte S einzigartig

Fangen wir deshalb mit dem Preiswerteren an: Quattroporte heißt schlicht "vier Türen." Doch kombiniert mit dem Namen Maserati, wird daraus die Hochzeit von Sportsgeist mit Familiensinn und Mode mit Hightech. Heraus kommt ein duftend ledertapeziertes, heiser bellendes Engelsgesicht, einer der schnellsten Viertürer des Planeten und ein Charakterkopf von einem Auto. Denn allen Konkurrenten – auch dem Bentley – fehlt etwas Grundlegendes gegenüber dem Wagen mit dem Dreizack: der Latino-Charme. Das Theatralische. Der vom Edeldesigner Pininfarina hingegossene Quattroporte ist eine Art rollender Zirkus mit Raubtieren, die unter der Haube brüllen. Jetzt – in der Version S – stecken noch mehr Furien hinter dem Kühlergrill, der passenderweise wie ein Käfig aussieht und hinter dem vielleicht eine Tigertatze hervorlugen sollte. 430 PS sind dahinter nach dem Upgrade eingesperrt. Die stammen aus 4,7 Litern made by Ferrari. Das heißt: niente Turbo, alles tapfer ersaugt. Dazu ist Drehzahl vonnöten.

Der Maserati ist ein Sportwagen im Limousinen-Gewand

Hat sich nur in die Familien-Welt verirrt: Eigentlich ist der Maserati ein Sportwagen.

Der rote Bereich beginnt bei 8000 Touren, und die 32 Ventile sowie vier Nockenwellen fabrizieren ungefähr den Brunftschrei der gesamten Serengeti. Der Quattroporte wird damit zum Tempo-280-Wagen für die ganze Familie. In dem sitzen Oma und Opa hinten auf verstellbaren, ledernen Fauteuils, lauschen dem Urschrei der Wildnis und sehen die Welt nur noch unscharf als Wischeffekt. Das Platzangebot ist gar nicht schlecht, wie Businessclass einer gängigen Airline, allerdings nichts im Vergleich zum Bentley – denn in dem fliegt man First. Wobei man nicht vergessen darf, dass der Quattroporte im Grunde ein Sportwagen ist, der sich in die Familienwelt verirrt hat. Womit wir beim Bentley und seinem gänzlich anderen Habitus wären. Bei ihm findet man sich in einer opulenten 5,30-Meter-Limousine wieder, die zum Jux mit den Sportwagen Katz und Maus spielen kann. Der viertürige Flying Spur wird im neuen Spitzenmodell Speed zum King of the Road. Speed heißt bekanntlich Geschwindigkeit, denn das Riesenschiff fährt unerhört schnell. Es ist die schnellste Serien-Limousine dieses Planeten.

Auch beim Atmosphärischen hält sie die Poleposition. Atmet man in ihr zum ersten Mal tief ein, dann denkt man: Aaahh, so einen Duft-Wunderbaum möchte ich in meinem Auto auch haben. Diese Gerüche nach Leder, Holz, Wolle, ein Paradies für Supernasen – tierisch. Wirklich, denn vegetarisch ist ein Bentley nicht. Elf der schönsten skandinavischen Schwarzbunten müssen ins Gras beißen, um einen voll ausgestatteten Flying Spur zu tapezieren. Besuchen wir den Maschinenraum des Vergnügungsdampfers. Das sechs Liter große W12-Biturbo-Triebwerk hat die Größe eines mittleren Marktplatz-Denkmals und sitzt wie eingegossen unter der Haube. Wir konnten keinen Kubikmillimeter ungenutzten Raums entdecken. Die High Society ist heute nicht mehr so verpäppelt, dass sie das Ticken der Breitling-Uhr als das Lauteste an Bord wünscht. Sie will den vollen Charme einer Steinzeitkeule spüren und durchaus auch etwas hören.

Die Gegner des Flying Spur Speed kommen von Lamborghini und Ferrari

Dickschiff mit Dampf: Beim Flying Spur haben auch waschechte Sportler das Nachsehen.

Da vorn unter der Haube, die wie der Bug eines Supertankers in die Fahrrinne der Autobahn ragt, schreit es beim Gasgeben barsch, während es beim Lupfen in den Auspufftöpfen dumpf und archaisch wummert und die Besatzung in wohliger Resonanz erbebt. Erinnern Sie sich, dass man früher bei Rolls-Royce/Bentley niemals die Motorstärke angegeben hat? Man sagte hochnäsig: "genügend". Heute sagt man "750 Newtons". Da Isaac Newton Brite war, unterstellen wir mal, dass er sich postum freut, weil das nach ihm bezeichnete Drehmoment in einem Auto seiner Heimat derart schöne Ziffern zustande bringt. Man bedenke, der Bentley rangiert mit 2,5 Tonnen in der Klasse kleinerer Lastwagen, stiebt aber nach vorn wie ein gut gelaunter Porsche Turbo. 610 PS, 4,8 Sekunden bis 100, Topspeed 322 km/h (die magischen 200 Meilen pro Stunde), Allrad. Selbst der Maserati Quattroporte S ist wie alle anderen S-Klassen (Mercedes, Audi S8) für den Speed-Fahrer nur eine Petitesse am Rande, eine Fußnote in seiner Überholstatistik. Wenn es da draußen überhaupt Gegner gibt, dann sind es für den Mann von Welt im Bentley verschwitzte Zweisitzer von Lamborghini oder Ferrari.

Beim Verbrauch des Bentley sollte man ein Auge zudrücken können

Darf es ein bisschen mehr sein? Der Bentley schluckt auch mal 25 Liter im Schnitt.

Allerdings sollten wir auch kurz über einen Verbrauch reden, der den Tankwart tanzen lässt. Ich genehmigte mir beim Versuch, Mann von Welt zu sein, rund 25 Liter (offizieller Mix 16,6 Liter), wobei ich öfters sämtliche 610 Pferde aus dem Stall ließ. Der Tankeinfüllstutzen sollte gemäß der Flüssigkeitsmengen vielleicht eine Nummer größer sein. Aber er sieht dann doch genauso aus wie der vom Polo. Damit sind wir bei Volkswagen, dem Vater dieses erstaunlichen Automobils. Der Flying Spur basiert auf dem Phaeton, was die interessante Frage aufwirft, weshalb man im Bentley sofort als Chef im Ring anerkannt wird und alle anderen bereitwillig die Demutshaltung einnehmen, sich aus allem Kräftemessen heraushalten, während der Phaeton geradezu zum Armdrücken herausfordert. Die Symbole der Macht wirken eben noch immer. Der Name Bentley allein gehört sicher dazu, dann die imposante Karosserie, aber vor allem untermauert er seinen Chefanspruch mit motorischen Fakten, die keine Zweifel zulassen.

Wie fühlt sich das Fahren in Maserati und Bentley an, wenn man die karge Realität auf dem eigenen Konto mal tagträumend ausblendet? Großartig, Wolke 7, sofern man einen Hang zur Selbstdarstellung besitzt. Man wird stets rundum betrachtet. Zum Betrachten laden auch die Cockpits der beiden Luxusliner ein. Der Quattroporte kultiviert im Vergleich das schlichtere Ambiente, paart Klavierlack dezent mit dunklem Leder, lässt zwischendurch aber auch Kunststoff durchblitzen. Beim Bentley wirkt dagegen alles aus dem Vollen gefräst, opulenter und souveräner. Da erinnert nichts an VW, alles ist very British, indeed. Zur Verteidigung des Maserati seien die knapp 80.000 Euro Preisdifferenz angeführt. Dafür gäbe es zum Beispiel einen VW Phaeton, der ja im Grunde nichts anderes ist als ein abgespeckter Bentley. Aber das wissen nur die wenigsten.

Autor: Bernhard Schmidt

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