Bentley Continental GT (2011): Fahrbericht

Bentley Continental GT Bentley Continental GT

Bentley Continental GT (2011): Fahrbericht

— 07.12.2010

Wenn ich einmal Scheich wär'

Wozu auf Kamelen reiten, wenn der Sprit nur 20 Cent pro Liter kostet? AUTO BILD-Redakteur Martin Puthz unterwegs im Oman – eine Wüstentour im neuen Bentley Continental GT mit 575 PS.

Deutschland hat den Winter-Blues. Kälte kriecht unter die Jacke, Dunkelheit drückt aufs Gemüt. Auch die Fahrt zur Tanke taugt nicht, um die Stimmung aufzuhellen: Einsfünfundvierzig für den Liter Super – Scheich müsste man sein! Dann könnte man den Sprit gleich aus der Quelle zapfen. Morgens auspennen. Sich mittags mit der schönsten aller Nebenfrauen in der Sonne aalen. Und statt VW was richtig Feines fahren. Bentley zum Beispiel. Da trifft es sich gut, dass die Briten in der Wüste gerade ihren neuesten Sportwagen vorstellen. Aber mit dem englischen Tweed-Sakko kann ich unmöglich in Oman einschweben. Zu heiß, zu steif, zu kariert. Was trägt hier der Mann von Geld? Eine Dishdasha, diese blütenweiße Kreuzung aus Bettlaken und Beduinenzelt. Ab zum Kostümverleih, Mutter näht mir noch schnell ein AUTO BILD-Logo an die Brust: Jetzt kann ich endlich mal den Edel-Araber spielen – mit Goldklunkern und Brilli-Uhr. Und richtig Gas geben. Bei Sultans, da gibt's den Liter Sprit für 20 Cent. Leute, da würd' ich sogar meinen Scheibenwischermotor mit Benzin betreiben!

Sonderedition: Bentley Continental Flying Spur Arabia

Offiziell ist der neue Continental erst ab 2011 zu haben. Aber als Scheich bekommt man schon vorher eine Probefahrt.

Neun Stunden später lande ich in Muscat. Holla, ist das heiß hier. 35 Grad, aber nicht im Schatten, denn hier stehen keine Palmen. Sonnencreme vergessen? Kein Problem. In meinem Wüstenschiff sind selbst die Holzpaneele vor UV geschützt. Gestatten: Bentley Continental GT, zweite Generation. Erst ab Februar 2011 zu haben. Aber als Scheich bekommt man schon vorher die Gelegenheit zu einer Probefahrt. Bevor die Karawane aufbricht, drehe ich die erste kurze Runde um das Auto. Bei 4,81 Meter Länge und zwei Meter Breite wird daraus ein längerer Spaziergang. Komisch: Obwohl angeblich kein Blechteil unverändert blieb, sieht der Conti aus wie früher.

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Bei Vollgas ist der Teufel los: 700 Newtonmeter katapultieren den Bentley nach vorne.

Was neu ist, entdeckt erst der zweite Blick. Den markentypischen Barock zerschneiden jetzt scharfe Bügelfalten. "Superforming" nennt man das Verfahren, mit dem die Engländer die Alu-Bleche pressen. Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Der Muskel-Wagen von der Insel kann sich das figurbetonte Outfit leisten. Ich nicht, deshalb die luftig fallende Dishdasha. Dabei können wir uns die Hand reichen, der Conti und ich. Wir schleppen beide zu viel Hüftgold mit uns rum. Zwar geben Bentleys Entwickler voller Stolz zu Protokoll, ihren GT um 65 Kilo abgespeckt zu haben. Das ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn erschreckende 2,3 Tonnen sind immer noch übrig. So viel wiegen sonst nur die Gelände-Großkaliber, mit denen omanische Scheichs von Düne zu Düne hüpfen. Für Sandkastenspiele dieser Art ist der Bentley weder geeignet noch gedacht.

Allradantrieb hat er zwar auch. Aber eher, um auf regennasser Straße nicht den Brummkreisel zu spielen – das passt, denn anders als in Dubai oder Abu Dhabi pflegt man im Oman doch eher den dezenten Auftritt. Und fährt deshalb lieber Bentley als Rolls-Royce. Langsam wirds heiß unter dem Scheich-Gewand. Also nichts wie rein in die gekühlte Lack-und-Leder-Lounge. Schlüssel rum – und los! Der Zwölfzylinder hustet angriffslustig; ein Gasstoß lässt die Wüstenmäuse angsterfüllt zurück in ihre Löcher flitzen. Die 21-Zoll-Walzen geben einen kurzen Warnpfiff von sich, dann reißen 700 Newtonmeter an den Antriebswellen und katapultieren den Bentley mit der Schubkraft einer Lok gen Horizont. Die Endrohr-Ellipsen entfesseln derweil ein Klanggewitter, bei dem die Jagdfalken des Nachbarscheichs erschrocken von der Stange fallen.

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Eingebettet in poliertes Walnussholz, zeigt ein Breitling-Chronometer die Zeit an.

Innen bekomme ich davon lediglich ein leises Murmeln mit. Sanft wie Scheherazade flüstern die zwölf Kolben ein Märchen aus Tausendundeiner Motoren-Nacht. Sie erzählen vom VW-Triebwerk, das von den Briten in den Adelsstand erhoben wurde. Und jetzt noch mehr Power hat. 15 Pferdestärken, um genau zu sein. 575 Rösser legen sich beim neuen Conti in die Zügel. Es müssen zur Hälfte Brauereigäule sein. Und zur Hälfte Araberhengste. Lässig-ansatzlosen Anfahr-Bums vereint der Zwölfzylinder mit turbinenartigem Drehwillen und eleganter Spurtkraft. Taucht der Scheich seinen rechten Fuß in den hochflorigen Lammfellteppich, bebt der Asphalt.

Nach zwei Wimpernschlägen fliegt die Tachonadel über die Zahl 100. Und nur eine knappe halbe Minute später wäre die Höchstgeschwindigkeit erreicht. 318 km/h klingen nach Fata Morgana, sind aber ebenso ernst gemeint wie das lokale Speedlimit von 120. Nach der Zahl der Radarkameras zu urteilen, ist das Eintreiben von Bußgeldern nach dem Öl-Export die wichtigste Einnahmequelle für Omans Herrscher, Sultan Qaboos. Also lieber piano. Man muss die Gastfreundschaft ja nicht gleich überstrapazieren. Außerdem macht so ein Bentley auch bei moderatem Tempo Spaß.

Einmal volltanken kostet im Oman rund 18 Euro

Kein Witz: Volltanken kostet im Oman 18 Euro. Da tut's nicht weh, wenn der Zwölfzylinder 25 Liter säuft.

Könnte man während der Fahrt den Tankdeckel öffnen, wäre selbst jetzt noch ein kleiner Strudel sichtbar. Sechzehneinhalb Liter? Die offizielle Verbrauchs-Angabe verbuchen wir mal unter "britischer Humor". Aber geschenkt. Da der Sprit fast gratis aus den Schläuchen sprudelt, darf der Conti sich hier ruhig ein Extra-Schlückchen gönnen. Ehrensache, dass man ihn im Orient mit richtigem Benzin betankt. Zwar verträgt der Bentley neuerdings auch Alkohol. Aber der ist in Arabien sowieso tabu. Sollen doch die Ökos in Europa klimafreundlichen E85-Sprit einfüllen. Das Wort "CO2-Abdruck" halten Wüstensöhne für eine Sandalenspur in der Oase. Außerdem gehört der Kampf gegen den Treibhauseffekt nicht zu den vordringlichen Lebenszielen eines Scheichs. Genauso wenig wie das Wort "downsizing" in seinem Sprachschatz vorkommt.

"Downsizing": Ende 2011 erhält der Continental einen V8 von Audi

Bentley-Eigner – egal ob mit Turban oder Tweedjackett – drehen gern das große Rad. Dennoch will die britische Motorenschmiede demnächst (auch) kleinere Brötchen backen. Neben dem Sechsliter-W12 erhält der Continental Ende nächsten Jahres einen Achtzylinder. Allerdings nicht die hauseigene Sechsdreiviertelliter-Dampfmaschine. Das neue Aggregat, das im Vergleich zum W12 40 Prozent (!) weniger verbrauchen soll, stammt aus dem Giftschrank der Konzernschwester Audi, wo es mit 450 PS den nächsten RS 6 befeuern wird. Wer nun die Nase rümpft wie über einen neureichen Verwandten, der ungebeten in die Adelsparty platzt, sollte nicht vergessen: Nur weil Bentley seit zwölf Jahren zum VW-Konzern gehört, ist die Marke überhaupt noch am Leben. Da Markenboss Franz-Josef Paefgen britischer denkt als Prinz Charles, schimmern die Blutsbande nach Wolfsburg nur dezent durch.

Im luxuriösen Cockpit des Conti herrscht gediegene Club-Atmosphäre

Lack und Leder: Acht Kühe mussten für die Innenverkleidung des Bentley ihre Haut lassen.

Den Luxuskokon tapezieren die handschuhweichen Häute von acht glücklichen Kühen, für die Holzvertäfelungen müssen hektarweise Wälder abgeholzt worden sein, und eine kleine Uhr der Schweizer Edelmarke Breitling zerstreut jedes Gefühl der Gewöhnlichkeit. Der herausnehmbare Aschenbecher ist ein bleischweres Stück Eisen, aus dem andere Marken einen ganzen Kleinwagen bauen. Vom 30-Gigabyte-Navisystem mit Google-Earth-Optik können sich zwar auch Phaeton- und A8-Fahrer den Weg aus der Metropole Muscat in Omans einstige Hauptstadt Nizwa weisen lassen. "Pomp and Circumstance", der Briten liebster Marsch, spielt jedoch exklusiv für Bentley-Fahrer ein Soundsystem von Naim, des feinsten Hi-Fi-Lieferanten Ihrer Majestät der Queen. Die Massagetechnik der Sitze, die manufakturmäßig im Rautenmuster gesteppt sind, stammt zwar von Audi, aber das ist wurscht, wenn man sich die ganze Nacht in seinem Harem verausgabt hat.

Ach ja, die Ausgaben. Palastdiener, reich' mir die Portokasse! 184.000 Euro rufen die Briten für den neuen Continental auf. Da kauf ich doch gleich zwei. Otto Normalverdiener muss sich bei solchen Tarifen natürlich erst einmal eine Beruhigungs-Shisha anzünden. Im Oman gäbe es fürs gleiche Geld 15 Kamele. Die wären zwar ebenfalls fähig, in Windeseile 90 Liter wegzuschlabbern, sind aber lahmer und nicht luftgefedert, dafür landestypisch. Also nehm' ich beides, Conti und Kamele. Schließlich ist Mann nur einmal Scheich.

Technische Daten Bentley Continental GT • Zwölfzylinder, Biturbo, vorn langs • Hubraum 5998 cm³ • Leistung 423 kW (575 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 700 Nm bei 1700/min • Allradantrieb • Sechsstufenautomatik • 0–100 km/h in 4,6 s • Spitze 318 km/h • L/B/H 4806/2227/ 1944 mm • Tankinhalt 90 Liter • Verbrauch (EU-Mix) 16,5 Liter Super plus/100 km • CO2-Ausstos 384 g/km.

Autor: Martin G. Puthz

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