Bentley Continental von 1954 und 2005

Bentley Continental von 1954 und 2005

— 30.06.2005

Eiliger Erbadel

Die schnellsten Viersitzer ihrer Zeit: Fnfzig Jahre liegen zwischen dem Bentley Continental R von 1954 und dem Continental GT von heute.

So teuer wie drei Einfamilienhuser

"Ich bin der Knig der Welt!" Erinnern Sie sich? Dieser Gefhlsausbruch entstammt einem wohlbekannten Katastrophenfilm, in dem Leonardo di Caprio auf dem Deck der Titanic steht und voller Euphorie das Meer anbrllt. Das hier ist nicht die Titanic, aber ein durchaus schiffshnliches Gefhrt. Und nicht weniger euphorisierend als ein Ozeanriese. Der Bentley Continental R war 1954 der schnellste und teuerste Viersitzer der Welt. Sein Preis entsprach dem dreier Einfamilienhuser der moderne Nachfahre Continental GT ist mit gut 167.000 Euro preislich vergleichsweise mavoll positioniert.

Vom alten Continental wurden nur 208 Stck gebaut, was seinen heutigen Wert von rund 125.000 Euro erklrt. Sechs Zylinder, 165 PS aus fnf Liter Hubraum, Aluminium-Karosserie das reichte 1954 fr den Auto-Olymp. Wer jetzt die Leistungsdaten belchelt, hat diesen Wagen noch nicht gefahren. ffnen wir die Fahrertr. Sie schliet noch immer mit tresorhnlicher Przision. Man nimmt Platz auf etwas formlosem Gesthl erstaunlich bodennah sitzt man hier, weil der Rahmen unter der Karosserie nutzbare Hhe frit, wie bei den Pickups unserer Zeit. Der Blick fllt auf ein drres Lenkrad mit riesigem Durchmesser, auf einen Chippendale-Schrank von Armaturenbrett und eine sanft gewellte Motorhaubenlandschaft von unendlicher Weite.

Zwei Schalter auf "On", dann der erwartungsvolle Druck auf den Starterknopf. Sanft und tief wummernd nimmt der Motor seine Arbeit auf. Fr ein Auto der 50er Jahre ist der Reihensechser unglaublich leise. Prsent ist er trotzdem man sprt ihn mehr, als da man ihn hrt, so tief sind die Frequenzen. Wie bei einem guten Bassisten, der im Auditorium smtliche Krper bis zum Brustkorb aufwrts in Schwingungen versetzt und niemand wei, wie ihm geschieht.

Der Puls einer anderen Zeit schlgt noch

Die manuelle Schaltung entspricht dem damaligen Standard-Bentley Mark VI und ist ein Kuriosum: Obwohl es sich um einen Rechtslenker handelt, sitzt der Schalthebel ebenfalls rechts zwischen Sitzflche und Tr. Der Platz dort ist nicht ppig, aber Kontinentaleuroper mssen wenigstens nicht links schalten. Der erste Gang als einziger von vier Gngen nicht synchronisiert flutscht przise wie der Verschlu einer Leica. Der riesige Oldtimer setzt sich in Bewegung. Was jetzt kommt, ist ein Erlebnis, von dem der Schreiber dieser Zeilen noch lange zehren wird: der Puls einer anderen Zeit.

Dabei kann der Gentleman-Expre auch heute noch problemlos im Straenverkehr mithalten. Aber 13 Sekunden von null auf 100 km/h, das ist natrlich kein Supercar-Wert mehr. Egal. Lassen wir uns umarmen von der Grozgigkeit dieses aristokratischen Gefhrts. Kein anderes Auto schttelt 165 PS derart lssig von der Kurbelwelle. Die Leistungsentfaltung erinnert an ein Cruiser-Motorrad: Gleich nach Leerlaufdrehzahl produziert der Motor einen gewaltigen Schwall an Drehmoment, auf dem sich herrlich surfen lt. Im vierten Gang zieht er ab 1500 Touren lochfrei durch. Im Klartext heit das: Morgens kommt der vierte Gang rein, abends wieder raus.

Sanft pulsierend rollt der majesttische Stromlinien-Wagen ber die Landstrae. Das Tempo limitieren nur die musealen Diagonalreifen. 120 km/h sind ohne schweiige Ohrlppchen drin, trotz einer kleinen Unwucht vom Stehen im Wolfsburger Automuseum Zeithaus. Mit diesen Reifen und einer Servolenkung der frhen Bauart ist die Lenkprzision naturgem nicht mit der heutiger Fahrzeuge zu vergleichen was den Eindruck noch verstrkt, mit einer eleganten Motoryacht die Wogen des Lebens zu zerteilen.

Beide sind gro, schwer und opulent

Welch ein Werkzeug hatte in Hnden, wer sich damals ein solches Gefhrt leisten konnte! 185 km/h, und das auf leeren Straen! Ein Kontinent, lssig durchquert an nur einem Tag. Es mu die Gefahr bestanden haben, am Steuer eines Continental grenwahnsinnig zu werden. Das Interieur mit den simplen Bakelit-Zugknpfen wirkt trotz der umfnglichen Runduhrensammlung mit ldruckmesser etc. weit bescheidener als die Karosse. Ein kleines rundes Zusatz-Fupedal bedient eine zentrale Fettpresse, die alle wichtigen Fahrwerkslager schmiert. Damals ein auergewhnlicher Komfort, heute von Oldtimer-Fans eher gefrchtet: Wehe, wenn Dreck das System zusetzt.

Exotisch auch der winzige Blinkerschalter unterm Armaturenbrett: sieht aus wie nachtrglich angeschraubt. Groartig dagegen Details wie die Krckstock-Handbremse oder die Fensterheber, die das Seitenfenster nach zwei Umdrehungen komplett herauf- oder heruntergefahren haben. Beides wirkt wie fr die Ewigkeit gebaut und funktioniert noch nach 50 Jahren mit respektgebietender Przision. Dabei ist dieser Wagen keine einbalsamierte Trailer-Prinzessin. Das Zeithaus fhrt damit Oldtimer-Rallyes wie Silvretta oder Sachsen Classic. Dieser Wagen lebt. Jede Unregelmigkeit im Lack, jeder Ri im Leder verleiht ihm nur noch mehr Wrde.

Und der Neue? Verbieten sich da nicht Vergleiche? Nach Gemeinsamkeiten mu man nicht lange fahnden: Beide beschwren den Geist der lokomotivenhnlichen Vorkriegs-Bentleys. Beide sind gro, schwer und opulent. Beide sind deutlich mehr Auto, als man zum schieren Schnellfahren braucht. Bnde spricht die "St.-Moritz-Taste" in der Fahrertr des Neuzeit-Continental: Da im Promi-Skiort berdachte Parkpltze Mangelware sind, lassen sich mit einem Tastendruck Frontscheibe und seitliche Doppelverglasungen in drei Minuten abtauen.

Motorentechnik mit Stirnrdern

Sogar in technischen Details finden sich Gemeinsamkeiten: Nockenwellenantriebe per Kette oder Riemen lehnte Bentley-Eigner Henry Royce schon 1931 ab. Er bevorzugte solide Stirnrder, denen er mittels Verwendung eines speziellen Harzes akustische Manieren beibrachte. Die Volkswagen-Ingenieure nutzen heute beim monstrsen W12-Motor just den gleichen Nockenwellenantrieb reiner Zufall oder zwingendes Ergebnis auf der Suche nach der besten Lsung?

Alt gegen neu zu fahren, ist bei diesen Autos ein Fall von verkehrter Welt. Oldtimer-Fans greifen meist zum Alteisen, weil sie ein direkteres, ursprnglicheres Fahr-Erlebnis suchen, als ihnen moderne Autos bieten knnen. Hier ist es umgekehrt: Der neue Continental bietet den direkteren Fahreindruck, auch wenn er bei Richtungswechseln sein immenses Leergewicht von 2,4 Tonnen nicht verhehlen kann. Wer die Lenkprzision des neuen auf seinen 19-Zoll-Rdern mit 40er-Querschnitt mit der des alten auf seinen Diagonalreifen vergleicht, kann 50 Jahre Fahrwerks- und Reifen-Entwicklung buchstblich erfahren.

Wobei auch der Continental-GT-Fahrer nicht stndig der Verfhrung erliegen sollte, die hohen Fahrleistungen auf dicht befahrenen Straen auszureizen. Es ist doch eine groe Masse abzubremsen. Ohnehin ist auch beim zeitgenssischen Bentley nicht das Tempo das Faszinosum. Allein die Luftzufuhr mittels Zugknpfen im Stil von Orgel-Registern zu bedienen, ist ein sinnliches Vergngen das ist es, worum es eigentlich geht. Das war im Jahre 1954 so, und das ist anno 2005 nicht anders.

Weltentrcktes Fahrerlebnis

Schon das Anlassen des Continental GT wieder mittels Startknopf lt keinen Benzinfreak kalt. Ein tieffrequentes Beben und Brabbeln, da sich die Nackenhaare aufrichten. Am schnsten klingt er, wenn man ihn zwischen 2500 und 3000 Touren hochwummern lt. Dann geben die Trompeten von Crewe ein durchdringendes Konzert. Bei hheren Drehzahlen wirds wieder leise. Und das bleibt er sogar bei 280 km/h. Bei diesem Tempo liegt der GT noch immer satt und schwer wie eine Katamaran-Fhre auf spiegelglatter See. Lenkkorrekturen nicht notwendig.

Die Mixtur aus deutschem Ingenieurs-Kalkl und britischem Stil funktioniert schon ziemlich perfekt beim Bentley der Neuzeit. Auch wenn er sich ein paar Detailschwchen leistet: Die ovalen Auspuff-Endrohre sind Attrappen, die Drehknpfe der Fumattenhalter gehen gern verloren, und der Zndschlssel stammt vom Golf geschenkt! Dafr gefallen Sitze und Sitzposition besser als bei den Bentleys der Rolls-Royce-ra.

Vor allem haben die Autos mit dem geflgelten B wieder Sound: Gbe es einen Grammy fr solche Kompositionen, wre er hier fllig. Nicht umsonst hat Bentley fast 6000 Continental GT allein 2004 verkauft ein Verkaufserfolg gegen den Trend im ansonsten schwchelnden High-End-Segment. Das weltentrckte Fahrerlebnis aber bietet der alte Continental: Erhaben. Distinguiert. Nicht aus dieser Zeit. Nicht von dieser Welt. Kniglich eben.

Autor: Rolf Klein

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