Fahrbericht Bentley EXP 10 Speed 6

Bentley EXP 10 Speed 6: Fahrbericht

— 31.03.2015

So fährt das Bentley-Coupé

Raus, raus, raus! Von der Messe ins wahre Leben. Und ab 2019 in Serie? Wir durften eine exklusive Fahrt im Bentley EXP 10 Speed 6 unternehmen.

Was war das denn? Auf dem Genfer Salon 2015 haben wir uns verblüfft die Augen gerieben und viel länger am Bentley-Stand ausgeharrt als ursprünglich geplant. Zeigten die Briten da doch tatsächlich ein rattenscharfes zweisitziges Sportcoupé, das selbst neben Aston Martin DB9 oder Mercedes-AMG GT nicht hätte übersehen werden können. Wir haben den EXP 10 Speed 6 aus seinem behüteten Konzept-Kokon mitten hinein ins wahre Leben entführt. Sechs Stunden Freiheit für eine der schönsten Studien aus Genf – ein Erlebnisbericht.

Die erste Reaktion auf den Bentley ist ein Wow!

Atemberaubendes Design: Luc Donckerwolke hat dem Bentley ein grandioses Blechkleid gezeichnet.

Das Design aus der Feder von Luc Donckerwolke hinterlässt auf der Straße noch mehr Eindruck als im grellen Scheinwerferlicht der Messe. Atemberaubend! Doch allein wie sich der grüne Hingucker anhört, raubt einem schier den Verstand. Fast schon majestätisch der Anlassvorgang: per Kippschalter-Klack die Zündung aktivieren, dann den Startknopf drücken, für einen Moment dem lustvollen Ansaug-Wabern und Auspuff-Grollen lauschen – und erst danach den Gang einlegen. Der 450-PS-Motor stammt wie das Fahrwerk und der Allradantrieb vom Audi RS 5, doch im englischen Einzelstück klingt er plötzlich herrlich kehlig-kernig. Nein, dieser Treibsatz wurde noch von keinem TÜV der Welt auf akustische Sozialverträglichkeit getrimmt. Einen ähnlichen Gänsehaut-Effekt dürfte schon der 1929 und 1930 in Le Mans siegreiche Original-Speed 6 ausgelöst haben. Natürlich ist der damals eingesetzte 6,5-Liter-Reihensechszylinder längst Geschichte. Bentley hätte zwar Zugriff auf den V6 aus dem Konzernbaukasten, doch im Serienfahrzeug wäre alles andere als ein V8 eine faustdicke Überraschung.

Unter dem Blech steckt Technik aus Ingolstadt

Den Studien-Antrieb spendiert der Audi RS 5, vom Band läuft der EXP 10 dann mit Porsche-V8.

Dabei handelt es sich dem Vernehmen nach um eine von Porsche entwickelte Neukonstruktion mit vier Liter Hubraum und einem nach oben weit offenen Leistungsspektrum. Zu den Besonderheiten der künftigen V-Aggregate gehören ein effizienteres Brennverfahren, eine variable Expansions-Sauganlage und eine mehrstufige Aufladung. Da der kleinere und leichtere EXP 10 kaum weniger kosten soll als der Continental GT V8, gelten schon für das Grundmodell rund 500 PS als ausgemacht. Doch, ach: An diesem bedeckten Märztag ist Rollen statt Rasen angesagt. Zum einen fehlt die Straßenzulassung, zum anderen mangelt es an Bodenfreiheit, denn zwischen die 21-Zoll-Pirelli-Slicks – 305/40 vorn, 335/40 hinten – und die Radhäuser passt kein Blatt Papier. Die Lenkung spricht zwar direkt an und liegt gut in der Hand, doch Einschlagwinkel und Wendekreis erinnern eher an eine Straßenbahn als an einen Sportwagen. Um die handgeschnitzten Reifen zu schonen, packen die vom Audi R8 ausgeborgten Carbon-Keramik-Bremsen nur vorsichtig.

Im Serientrimm wird das Design der Funktion angepasst

Das wird in der Serie leider nicht so bleiben: An der Front wird in Sachen Fußgängerschutz noch optimiert.

Was muss sich ändern bis zur Serienfreigabe? Der Wagen soll einen etwas längeren Radstand bekommen, mehr Platz im Innenraum und statt der nach oben öffnenden Glasheckscheibe einen konventionellen Kofferraumdeckel. Auch an der Front wird noch gearbeitet – um die verschärften Fußgängerschutz-Anforderungen zu erfüllen; sicher auch um Scheinwerfer und Blinker weltmarkttauglich zu gestalten. Die vereinzelt geäußerte Kritik der Konzernspitze am Design (zu sehr Aston Martin und Jaguar, zu wenig Bentley) ist nur schwer nachzuvollziehen, wenn das gute Stück in freier Wildbahn seine Kreise zieht. Denn im Vergleich zum Conti GT wirkt der Speed 6 deutlich flacher, dynamischer und schon rein optisch viel leichter. Um 2019 entsprechend rank und schlank an den Start zu gehen, braucht es wieder Schützenhilfe von Porsche. In Weissach legen sie derzeit letzte Hand an einen neuen modularen Baukasten namens MSB, in dem sich vom Zweisitzer bis zum Mulsanne-Nachfolger alle zukünftigen Bentley bedienen dürfen.

Die Fahrleistung bewegen sich auf hohem Sportwagen-Niveau

Die Fahrleistungen stimmen: In unter vier Sekunden ist das Coupé auf Tempo 100, 320 km/h sind drin.

MSB kann zwar auch Allradantrieb, doch zum Coupé mit den publikumswirksam nach oben wegschwingenden Türen würde der puristische und leichtere Hinterradantrieb vermutlich besser passen. Im Lastenheft fest verankert ist der optionale Plug-in-Hybrid, für den man über der Hinterachse und zwischen den Rädern Platz schaffen will, um den kräftigen E-Motor samt Hochleistungs-Batteriepaket möglichst raumökonomisch zu verstauen. Ob die vorn am Verbrenner angeflanschte Automatik acht oder neun Fahrstufen hat, wird die Zukunft zeigen. "Der EXP10 ist unsere Vision eines leistungsstarken und luxuriösen zweisitzigen Sportwagens", erklärt Entwicklungsvorstand Rolf Frech. "Das Ziel dieses Autos müsste sein, in seinem Segment nicht nur in puncto Design und Handwerkskunst, sondern auch fahrdynamisch Maßstäbe zu setzen." Wenn man davon ausgeht, dass der nächste Conti GT unter zwei Tonnen wiegen und der Speed 6 nochmals leichter sein wird, erscheinen eine Beschleunigung von null auf 100 km/h in knapp unter vier Sekunden und eine Spitze von 320 km/h absolut machbar. Der Preis? Rund 170 000 Euro – ohne allzu viel Ausstattung.

Im Innenraum setzt sich die die Begeisterung fort

Alles, was geht: Die Studie zeigt sich markentypisch opulent und edel ausgestattet.

Doch genau diese Ausstattung ist es, die bei der allerersten Ausfahrt begeistert. Das braune, rautenförmig abgesteppte Leder harmoniert perfekt mit dem dunkelgrünen Lack; das klassenübliche Chrom-Make-up wird durch kecke Kupfer-Akzente aufgewertet; die für einen Bentley obligatorischen Holzapplikationen finden sich nicht nur am Doppeldecker-Armaturenbrett und am Schaltknauf, sondern als großflächiges Waffelmuster gefräst auch auf beiden Türtafeln. Als moderne Kontrastelemente fungieren der in Fahrtrichtung nach oben gebogene Touchscreen in der Mittelkonsole und die beiden frei programmierbaren Rundinstrumente, die erst nach Anlassen des Motors von der Waagerechten in die Senkrechte surren – mehr Show in einem Showcar geht kaum. Wir haben mit dem EXP10 ganze Krähenkolonien in die Flucht geböllert. Das rief die Sicherheitsleute auf den Plan, änderte aber nichts am breiten Grinsen, mit dem der Testfahrer abends eingeschlafen ist.

Geträumt hat der Glückspilz von (s)einem Speed 6 in Gespenstergrau mit Brunello rotem Leder, vom auf Anhieb siegreichen GT3-Flügelmonster und von einem Roadster, so schön, dass die Sonne partout nicht untergehen wollte.
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Bentley lebt! Und das nicht zu knapp. Die Macher des Speed 6 haben ganze Arbeit geleistet, denn das Coupé bringt alles mit, was die Marke ausmacht – Stil, Power, Luxus und Top-Technik. Die Engländer nennen so ein Projekt „a no-brainer.“ Auf Deutsch: nicht lange nachdenken, einfach machen. Also bitte!

Stichworte:

Sportcoupé Studie

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