Bentley Flying Spur vs. Rolls-Royce Ghost

Bentley Flying Spur/Rolls-Royce Ghost: Test

— 29.10.2013

Ludwigs Lust

Rolls-Royce Ghost und Bentley Flying Spur buhlen um einen Stellplatz in König Ludwigs Wagenburg. Eine fiktive Zeitreise mit Monarch und zwei Luxuslinern.

Er hätte diese noblen Luxusliner geliebt. Versunken im beheizten Massagesitz und umschmeichelt von handschuhweichem Leder, wäre er hinter zugezogenen Vorhängen von Schloss zu Schloss gereist. Verwöhnaroma ja, Aufsehen nein. Denn Ludwig II. (1845 bis 1886) war ein scheuer König und voller Berührungsängste. Aber er kannte sich mit Prunkwagen aus. Das Marstallmuseum im Schloss Nymphenburg, bei Einheimischen besser bekannt als Wagenburg, beherbergt eine Flotte aufgebrezelter Kutschen, Jagdwagen und Zweispänner, gegen die selbst Bentley Flying Spur und Rolls-Royce Ghost keinen Stich machen. Trotzdem gehören die beiden noblen Wagen zu den exklusivsten Luxuslimousinen, die man für Geld kaufen kann.

Überblick: Alle News und Tests zum Rolls-Royce Ghost

Luxus auf vier Rädern für das ganz dicke Konto: Der Rolls-Royce kostet mindestens 265.251 Euro.

Der Rolls-Royce Ghost schmälert das Konto um mindestens 265.251 Euro, der Bentley Flying Spur ist ab 191.590 Euro zu haben. Das Faszinierendste an diesen beiden Kaleschen ist weder Leistung noch Drehmoment – und schon gar nicht der Hubraum oder die Zahl der Zylinder. Was beiden Modellen einen Ehrenplatz auf den Podesten der Begehrlichkeiten sichert, ist vielmehr die unterschiedliche Interpretation von Luxus. Bauhaus trifft Barock, wobei der Ghost für die formale Strenge steht und der Flying Spur für Opulenz. Wir bitten Majestät, Platz zu nehmen. Ghost fahren heißt, mit zwei Fingern genießen. Die genügen, um den spindeldürren Volant zu greifen, präzise Einlenkpunkte zu setzen und das Dickschiff durch den Verkehr zu lotsen. Der Rolls ist ein gelassener Verdränger, er setzt auf fülliges Drehmoment, das bei 1500 Touren mit 780 Nm anschiebt. Der Bentley wirkt weniger steif und formell. Die Vier-Augen-Limousine fährt sportlicher, dynamischer, engagierter, mitteilsamer, flinker. Das bessere Auto? Gemach. Natürlich ist die Top-Traktion des Allradantriebs ein Vorteil, speziell im Winter. Doch sobald der Grenzbereich naht, wäre ein eindeutigeres Fahrverhalten von Vorteil. Auch der Federungskomfort ist keineswegs königlich. Bentley hat zwar speziell für dieses Modell einen besonders geschmeidigen 19-Zoll-Reifen entwickelt, der in Verbindung mit weicheren Federn, dünneren Stabis und dickeren Aufhängungsgummis das zittrige Ansprechverhalten des Vorgängers vergessen machen soll.

Überblick: Alle News und Tests zum Bentley Flying Spur

Nicht ganz königlich: Der Abrollkomfort der Bentley lässt mit seinen 21-Zöllern zu wünschen übrig.

Doch weil das gute Stück aussehen soll wie ein echter King of the Road, war der Testwagen mit knochentrocken abrollenden 21-Zöllern besohlt. Ludwig, der für seine Sophie eine 500.000 Gulden teure Hochzeitskutsche bauen ließ, wäre vermutlich trotzdem ein Bentley Boy gewesen. Er hätte die schimmernden Holzfurniere geliebt, die Chromrähmchen gestreichelt, den Kreuzstich des Nahtbildes geschätzt und mit der herausnehmbaren Fernbedienung im Fond herumgespielt. Ausgesprochen königlich ist auch die Beinfreiheit im Separee hinter den breiten C-Säulen, wo selbst der 1,93 Meter große Monarch bequem Platz gehabt hätte. Das Rolls-Interieur ist moderner, aber keinen Deut weniger nobel. Im Gegenteil: Der Sitzbezug fühlt sich noch edler an, die Verarbeitung wirkt noch perfekter, die Oberflächen noch wertiger. Metall und Glas relativieren gekonnt die Dominanz von Holz und Leder. Nur schade, dass sich die kleinen Instrumente so schlecht ablesen lassen. Der Ghost ist aus jeder Perspektive zweifelsfrei ein Rolls, vom lässigen Wählhebel über das Retro-Lenkrad bis zu den Schaffell-Teppichen für den sommerlichen Barfußtrip. Der Bentley könnte dagegen auch ein mit Amphetaminen behandelter Jaguar XJ sein oder ein für China konditionierter Hyundai Equus.

Der Bayernkönig war ein Technik-Freak. Er finanzierte das erste Elektrizitätswerk der Welt, seine Schlösser waren mit Zentralheizung, Telefon und Aufzügen ausgestattet. Ludwig wäre fasziniert gewesen von der Zwölftonmusik der zwei englischen Luxusschlitten: Hier, im Bentley, der in Wolfsburg geborene Sechsliter-W12 mit 625 PS und 800 Nm, dort, im Rolls-Royce, der in München aufgewachsene 6,75-Liter-V12 mit 570 PS und 780 Nm. Der Flying Spur nimmt dem Ghost von null auf 100 km/h zwar nur drei Zehntel ab (4,6 zu 4,9 Sekunden), doch auf der Autobahn wirft Emily schon bei 250 km/h das Handtuch – während ihr Herausforderer es erst bei 332 km/h gut sein lässt.

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Welcher passt am besten zum Schloss? Man kann getrost sowohl Rolls-Royce als auch Bentley nehmen.

Ein König will zwar stets von Bediensteten umgeben sein, doch im Ghost bräuchte Ludwig kaum selbst Hand anlegen: Spurverlassenswarnung, Totwinkelassistent, Headup-Display, Nachtsichtgerät – alles dran, zumindest gegen Aufpreis. Das Fahrer-Assistenzsystem im Bentley heißt Harry oder James, trägt meist dunkle Anzüge samt Käppi und genießt eine Vertrauensstellung. Warum so Lowtech? Weil es sich beim 2014er Flying Spur nicht um ein komplett neues Auto handelt, sondern um eine geschickt verpackte große Modellpflege. Wir mäandern von Schloss Linderhof, wo Ludwig II. den Bau eines großen byzantinischen Palastes geplant hatte, über die Grenze nach Österreich an den Plansee, wo der Architekt Julius Hofmann für den Märchenkönig ein chinesisches Sommerschloss errichten sollte. Doch dazu kam es nicht mehr – dem mit 15 Millionen Gulden hoch verschuldeten Chef-Bayern war nämlich schlicht das Geld ausgegangen. Auch den Besitzern der zwei elitären Viertürer droht finanzieller Aderlass, und zwar spätestens nach 400 km, wenn der nächste Boxenstopp fällig ist. Unter 20 Litern tickt im RR nicht einmal die geräuschlose Uhr, unter 25 Litern macht Sir Bentley bestenfalls Dienst nach Vorschrift. Dafür fließen nachts auf der freien Autobahn schon mal 30 Liter und mehr durch die Einspritzdüsen.

Apropos nachts: Der als Mondkönig bekannte Ludwig (weil er oft erst nach Einbruch der Dunkelheit zum Leben erwachte) hätte sich vermutlich über das nur durchschnittliche Abblendlicht der Luxuskutschen mokiert, die ohne Unterstützung von Leuchtdioden auskommen müssen. Und bei der Bewertung der Bentley-Navigation zeigt der königliche Daumen klar nach unten: mäßige Grafik, schmutzempfindlicher Touchscreen, viel zu langsamer Datenaufbau, instabile Smartphone-Anbindung. Bitte nachbessern – Ihre Majestät wollen sich nicht verirren.

Technische Daten Bentley New Flying Spur: W12, Biturbo, vorn längs • Hubraum 5998 cm³ • Leistung 460 kW (625 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 800 Nm bei 1700/min • Allradantrieb • Achtstufenautomatik • Länge/Breite/Höhe 5299/1924/1488 mm • 0–100 km/h 4,6 s • Spitze 320 km/h • EU-Mix 14,7 l SP • CO2 343 g/km • Preis: 191.590 Euro

Technische Daten Rolls-Royce Ghost: V 12, Biturbo, vorn längs • Hubraum 6592 cm³ • Leistung 420 kW (570 PS) bei 5250/min • max. Drehmoment 780 Nm bei 1500/min • Hinterradantrieb • Achtstufenautomatik • Länge/ Breite/Höhe 5399/1948/1550 mm • 0–100 km/h 4,9 s • Spitze 250 km/h (abgeregelt) • EU-Mix 14,0 l S • CO2 327 g/km  • Preis: 265.251 Euro
Georg Kacher

Georg Kacher

Fazit

Flying Spur und Ghost sind unterschiedlicher als erwartet. Der Bentley hat mehr Innenwirkung und gewinnt die Dynamikwertung, der Rolls-Royce ist das homogenere Gesamtkunstwerk. König Ludwig, bei seinem sorglosen Umgang mit Geld, hätte vermutlich entschieden: Ach, ich nehme einfach beide.

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