Benzintourismus

Tanken im Grenzbereich Tanken im Grenzbereich

Benzintourismus

— 16.08.2002

Tanken im Grenzbereich

Billig-Sprit aus Luxemburg ist beliebt wie nie. Discount-Zapfer reisen sogar aus bis zu 150 Kilometer Entfernung an.

Diesel 62,4 Cent, Super 78,8

Wasserbillig. Nein, kein Witz: Der Ort westlich von Trier heißt wirklich so. Wasserbillig liegt gleich hinter der Grenze in Luxemburg. Ein Paradies. Denn sein Name ist Programm. Hier ist das Benzin billig wie Wasser. Fast zumindest: Diesel 62,4, Super 78,8, so steht es groß an den Preistafeln der Tankstellen. Geringere Mineralöl- und fehlende Ökosteuer machen es möglich.

"In Deutschland tanke ich nur in Notfällen", sagt Stephan Löwen (34) aus Wittlich. Gerade hat er seinen Audi 80 voll laufen lassen. 59,70 Liter zeigt die Säule. Preis: 47,04 Euro. Das ist günstig. Günstiger jedenfalls als in Deutschland und seinen anderen Nachbarländern. Kein Wunder, dass der Tanktourismus nach Luxemburg boomt. Nicht nur in Wasserbillig. Auch Grenzorte wie Schengen und Remich werden am Wochenende zum Sprit-Mekka. Neben dem Billigbenzin versorgen sich die Tank-Touristen mit Sekt, Kaffee und Zigaretten. Auch auf diese Artikel sind die Abgaben geringer.

"98 Prozent unserer Kunden sind Deutsche", sagt Peter Schlüschen von Lux-Oil in Wasserbillig. Schlüschen lebt in Trier und betreibt in der Pfalz mehrere Dea-Tankstellen. "Doch ohne unser Geschäft in Luxemburg wären wir schon tot." Sein Laden in Wasserbillig brummt. 17 Säulen hat die Lux-Oil. Sie ist nur eine von zehn Stationen auf dem 400 Meter langen Tank-Strich. Aral, Dea, Texaco, Shell, Q8 und freie Tankstellen buhlen um die steuergeplagte Kundschaft. Schlüschen: "Dazu braucht man Kreativität." Auf 500 Quadratmetern bietet er 50 Zigarettenmarken, 200 Weine und 100 Sorten Schnaps. Und damit die Kunden nicht zur Konkurrenz abwandern, gibt es Zugaben für Großeinkäufe.

Hamstern verboten, aber jeder macht's

Das ist an der E 44 Luxemburg–Trier nicht nötig. Hier geht’s nur ums Benzin. Esso hat einen riesigen Benzin-Bahnhof errichtet. Für dieses Jahr prognostiziert die Station 100 Millionen Liter Spritabsatz – Europarekord! Zum Vergleich: An einer Durchschnitts-Tanke fließen nur 3,5 Millionen Liter durch die Hähne. Gleiches Bild auf der Autobahn-Südseite: Total macht hier etwa 150.000 Liter pro Tag. Zehn Fahrspuren, 20 Säulen mit je vier Spritpistolen sind gleichzeitig in Betrieb. Und selbst diese 80 Zapfstellen sind an den Wochenenden noch zu wenig.

Golf und Astra, Porsche und Corvette, VW Bulli und Land Rover – an den beiden Mega-Anlagen bilden sich Schlangen von Autos mit deutschen Kennzeichen. Die meisten tragen TR und SB. Neben Wagen aus Trier und Saarbrücken stehen auch welche aus Bitburg und sogar Koblenz. Die Sparfüchse reisen aus bis zu 150 Kilometer Entfernung an. "Ich weiß überhaupt nicht, was Sprit in Deutschland kostet", sagt Paul Dreher (56) aus Kaiserslautern und macht seinen Ford Scorpio voll. "Einmal pro Woche tanke ich hier." Dann befüllt er noch drei Fünfliterkanister. Er murmelt was von Rasenmäher und verstaut die brisante Fracht im Kofferraum. "Bitte kein Foto." Denn Benzin auf diese Weise zu hamstern ist in Luxemburg verboten, aber gängige Praxis. Zu verlockend ist die Ersparnis.

Lkw-Fahrer Bernd Berck (46) hat seinen Mercedes Actros für Luxemburg-Touren extra mit einem 400-Liter-Zusatztank nachgerüstet. 1000 Liter fasst das 430-PS-Monster jetzt. Macht eine Ersparnis von 220 Euro pro Tankfüllung­ Diesel. Logisch, dass bei dem extremen Preisgefälle östlich der Grenze nichts mehr geht. Von 25 Tankstellen in Trier gibt es nur noch zehn. Ein schwacher Trost: Die EU-Kommission will die Mineralsteuer angleichen. Ab 2006 soll sie europaweit mindestens 36 Cent pro Liter­ betragen.

Ob das die Dea in der Aachener Straße rettet? "Viele Kunden tanken für fünf Euro, um nach Luxemburg zu kommen", sagt Betriebsleiter Stefan Nitsche (37). Mit Sorge blickt er auf die nächste Ökosteuererhöhung. Wenn die kommt, droht auch den restlichen Stationen der große Zapfenstreich.

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