Berufsziel Stuntman

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— 17.02.2003

"Ich bin Azubi bei den Höllenfahrern"

Jeden Abend riskieren die "Hollywood Helldrivers" für eine gute Show Kopf und Kragen. Einer von ihnen heißt Christian, ist 16 – und Stunt-Lehrling.

Eine Welt für ganze Kerle

Vielleicht ist es nur dieser nasse, bitterkalte Wind, der über den Marktplatz weht und bis unter die Haut kriecht. Vielleicht ist es auch nur die frühe Dämmerung, die diesen Ort schon am Nachmittag in so ein schauriges Halbdunkel taucht. Oder vielleicht ist es doch der alte Opel Kadett, der da vorn steht – ohne Rücklichter, ohne Scheiben, aber mit mindestens 20 Beulen.

Es muss jedenfalls einen Grund haben, dass sich der Körper so verspannt und der Geist auch. Es ist eine raue, ungeschminkte Welt, die hier für zwei Tage im Hamburger Süden gastiert. "Hollywood Helldrivers" heißt diese Welt, und es ist eine Welt für ganze Kerle. Wahrlich. Christian zum Beispiel, das ist so ein ganzer Kerl. Auch wenn er erst 16 Jahre alt ist – und bei den Höllenfahrern nur der Azubi.

Moment. Höllenfahrer? Azubi? Um das erst mal aufzuklären: Die Hollywood Helldrivers sind eine Mischung aus Auto-Artisten, Stuntmännern und Zirkustruppe. Sieben Monate am Stück tingelt die 35-köpfige Mannschaft aus Dinslaken quer durch Deutschland, immer von Marktplatz zu Marktplatz – und immer nach demselben Prinzip: Autos crashen, Autos überschlagen lassen, Autos auf zwei Rädern fahren, Autos mit den Monstertrucks "Big Chief" und "Heavy Metal" platt walzen. Kurz gesagt: tollkühne Kerle in ihren fliegenden Kisten. Und eben mit einem tollkühnen Azubi.

Wie der Vater, so der Sohne

"Ich kenne die Helldrivers von klein auf, schon mein Vater hat früher bei ihnen gearbeitet", erzählt der blonde, durchtrainierte Junge. Seit er mit der Schule fertig ist, reist er selber mit und lässt sich zum Stuntfahrer ausbilden. Ein staatlich anerkannter Ausbildungsgang ist das zwar nicht – aber ungemein lehrreich.

"Ich habe schon gelernt, ein Auto auf zwei Rädern zu fahren, ich kann Überschläge, und letztens in Flensburg haben wir das Aussteigen während der Fahrt geübt." Trainiert wird immer zwischendurch, wenn halt gerade mal ein paar Minuten übrig sind. Denn abends, da ist Showtime. Auch für Christian.

Steffen und Helmut, zwei Typen mit Schnauzer und Haaren bis in den Nacken, haben heute Abend vor den gut 100 Zuschauern die erste Nummer: In ihren beiden Kadett rasen sie über die Piste, Stoßstange an Stoßstange, über Rampen und im wilden Zickzack. Ist für einen Stuntman wahrscheinlich nicht so furchtbar schwierig, sieht aber verdammt waghalsig aus.

"Es gibt gefährlichere Jobs"

Dann kommt Christians Einsatz: Nur mit einem Sturzhelm geschützt, klammert er sich am Dach des einen Kadett fest, der scheinbar ohne Kontrolle und immer haarscharf am Unfall vorbei über den Platz schleudert. Angst? Kennt Christian nicht. Oder er zeigt sie nur nicht: "Eigentlich bin ich ganz cool. Nervös werde ich nur bei Sachen, die ich vorher noch nie gemacht habe."

Die Motorrad-Nummer zum Beispiel ist schon Routine: Stuntfahrer Billy Gordon springt dabei mit seiner Motocross-Maschine über bis zu sechs am Boden liegende Menschen. Der letzte in der Reihe ist immer Christian. Wenn Billy sich vertut, erwischt es den Azubi. Nur vertut sich einer wie Billy halt nicht. "Es gibt gefährlichere Jobs", sagt er nach getaner Arbeit lässig.

Nachdem Steffen, der Typ mit den langen Haaren, einen vierfachen Überschlag vorgemacht hat, darf auch Christian ran und das Auto weiter eindellen. Ganz ungefährlich ist so ein Überschlag aber doch nicht: Weil keiner weiß, ob an den von Schrottplätzen und Gebrauchtwagenhökern angekauften Autos nicht im falschen Moment etwas bricht, fährt Juniorchef Roberto "Miguel" Harms (32, früher Kaufmann für Großküchen) bei den Überschlag-Manövern grundsätzlich parallel nebenher.

Knochenbrüche gehören dazu

"Wenn was schief geht und das Auto auf die Zuschauer zurast, ramme ich es einfach weg." Bei allen Wagen ist das Öl abgelassen und nur ein halber Liter Benzin im Tank – damit nichts brennt oder in den Boden versickert. Ein Knochenjob ist sie, die Arbeit bei den Helldrivers, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Tourmanager Ricardo (61) ist dafür ein anschauliches Beispiel.

30 Jahre lang hat der Mann Stunts gefahren, unter anderem für den Roadmovie-Klassiker "Auf dem Highway ist die Hölle los" von 1980. Einfache Knochenbrüche sind für ihn schon gar kein Thema mehr: "Da steigt man aus, schüttelt sich und macht in zwei Wochen weiter." Nur von seinem dreifachen Beckenbruch erzählt Ricardo schon mal ausführlicher.

Ein Leben voller Frakturen erwartet Christian also, und das für einen vergleichsweise kargen Lohn. Genaue Zahlen sind zwar Geschäftsgeheimnis, Juniorboss Harms verrät jedoch: "Man kann davon leben, aber reich wird man nicht gerade. Man muss schon ein wenig verrückt sein für diesen Job." Vielleicht ist Christian das wirklich ein bisschen. Vielleicht fasziniert ihn aber auch einfach nur das Wissen, dass er schon dazugehört – zu dieser rauen Welt für ganze Kerle.

Autor: Alex Cohrs

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