Besser bauen

Die Straße der Zukunft Die Straße der Zukunft

Besser bauen

— 09.07.2004

Die Straße der Zukunft

In einer Halle simulieren Ingenieure der BASt innerhalb von vier Wochen den Schwerverkehr von 25 Jahren. Ihr Ziel: weniger Schäden.

Weltuntergangs-Sirene in Halle 9

Es klingt, als würde in Halle 9 der Weltuntergang ausgerufen: Rau, fast ein bisschen heiser krächzt die Alarmsirene, und das in einer Tonlage, die man sonst nur aus Agentenfilmen kennt. Sie wissen schon, dieses ohrenerschütternde Blöken, das immer ertönt, wenn ein Bösewicht die Luken einer Raketenabschussbasis öffnet, um die Welt in Schutt und Asche zu legen. Ein Ton, bei dem man sofort unter den Tisch kriechen möchte.

Auf einmal flackern zusätzlich gelbe Warnlichter auf, und vom anderen Ende der Halle ertönt die Hupe eines Lkw. "Alles klar", ruft Rolf Rabe in sein Funkgerät, "du fährst jetzt bitte mit 4,3 km/h durch!" Als sich der 40 Tonnen schwere Mercedes-Benz Actros wie gewünscht in Bewegung setzt, dreht sich der Diplom-Ingenieur um und fragt mit breitem Grinsen: "Sie haben sich doch nicht erschreckt, oder? Gehört alles zum Sicherheitskonzept."

Man merkt schon: Was hier in Halle 9 der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach passiert, ist ein sorgsam durchdachtes Projekt inklusive eigens ausgearbeiteten Sicherheitskonzepts und Weltuntergangs-Sirene. Ein Projekt, das uns alle angeht: Hier in Halle 9 wird die Straße der Zukunft erforscht.

38 Meter Modellstraße im Maßstab 1:1

Es ist so: Was wir in Deutschland über Straßenbau wissen, beruht fast ausschließlich auf Erfahrungen. Diese wurden über Jahrzehnte von Experten gesammelt und in den "Richtlinien für die Standardisierung des Oberbaus von Verkehrsflächen" (RStO) niedergeschrieben. Knapp 50 verschiedene Straßentypen sind in dem Wälzer verzeichnet, und wer hierzulande eine Straße bauen will, muss sich daran halten.

"Einige wichtige Grundlagen sind 20 bis 30 Jahre alt", sagt Dr. Peter Reichelt, Leiter der Abteilung Straßenbautechnik bei der BASt. "In der Zwischenzeit hat sich fast alles verändert: Verkehrsaufkommen, Lkw-Typen, Belastungen – das alles muss neu erforscht und ausgemessen werden, damit die Straßen den neuen Anforderungen entsprechend gestaltet werden können."

Dafür hat die Bundesbehörde in Halle 9 eine 38 Meter lange Modellstraße im Maßstab 1:1 gebaut. Der Aufbau der acht wichtigsten Straßentypen ist hier nachgebildet, die gesamte Strecke mit 190 Messinstrumenten bestückt. Druck, Dehnung, Temperatur – das alles (und mehr) wird erfasst.

Im Straßenbau dauert's ein bisschen länger

In der Praxis sieht das so aus: Etwa 50-mal pro Tag fahren vier repräsentative Lkw-Typen über die Modellstraße. Geschwindigkeit, Beladung, Reifendruck und Reifentyp sind genau festgelegt. Über einen Monitor im Cockpit kontrolliert der Fahrer, ob er genau entlang den Sensoren rollt, die richtige Geschwindigkeit hält er über den Drehzahlmesser. In dem Moment, in dem der Lkw über einen Sensor fährt, erscheinen auf den beiden Monitoren in der Messstation blaue und rote Kurven.

"Man sieht hier, wie die Schichten der Straße belastet werden. Die roten Kurven sind die auftretenden Dehnungen, die blauen Kurven sind die Druckspannungen", erklärt Rabe. Gut 1200 dieser Überfahrten werden die Forscher bei verschiedenen Temperaturen (die sie über Infrarotstrahler und Kühlrippen beeinflussen) messen. Danach wollen sie die Straße mit einem Impulsgeber sechs Millionen Mal belasten, so in vier Wochen den Verkehr von 25 Jahren simulieren.

Allerdings: Bis die vielen Daten (700 Megabyte pro Tag) ausgewertet und in neue Verfahren umgesetzt sind, werden noch Jahre ins Land ziehen. "Es geht hier um viel Geld, da kann man nicht mal eben eine neue Richtlinie auf den Markt werfen", sagt Dr. Reichelt und fügt hinzu: "Bei Nutzungszeiten von 30 Jahren wird die Einführung neuer Entwicklungen schrittweise über sieben bis zehn Jahre vollzogen. Im Straßenbau dauert es deshalb immer ein bisschen länger." Zumindest das, liebe Forscher, hätten wir Autofahrer euch im Grunde auch so sagen können ...

Autor: Alex Cohrs

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