Blaubes Pflanzenöl-Tagebuch

Blaubes Salatöl-Tagebuch Blaubes Salatöl-Tagebuch

Blaubes Pflanzenöl-Tagebuch

— 08.06.2006

Ende mit Schrecken

Aus, Schluß, vorbei, das war's: Nach schwerem Schaden wurde der Salatöl-Golf V nun im VW-Werk auseinandergenommen.

Ein heftiger Schlag unter der Haube

"Wie lange geht das gut?", fragte ich vor noch gar nicht allzu langer Zeit im letzten Zwischenbericht. Womit ich den Betrieb eines Serien-Golf TDI jüngster Generation mit reinem Pflanzenöl meinte. Jetzt haben wir – nach spektakulärem Exitus – die Antwort: fünf Wochen und 4239 Kilometer.

Blick in den Rückspiegel. Ab Juni 2000 fuhr ich meinen alten Golf II GTD mit Rapssaft. Durch 44 Folgen der Kultserie "Blaubes Salatöl-Tagebuch". Zum 20. AUTO BILD-Geburtstag erschien das Revival der stets augenzwinkernden Schmierenkomödie (Von Alicante nach Aldi). Mit einem neuen TDI, aber ohne Glauben an die Machbarkeit. Doch der Golf V fraß brav das Lebensmittel, lief flinker und ruhiger als mit Diesel. Und so entschieden wir: Es geht weiter. Bis zum bitteren Ende. Um zu klären: Wann und woran verendet die moderne Technik?

Ende Februar 2006 geschah das erste Malheur: Der Kurzstreckenverkehr killte die Vorförderpumpe. Nach der Reparatur für rund 290 Euro rannte der Golf wieder. Damit schloß mein letzter Zwischenbericht. Jetzt geht es weiter mit den Neuigkeiten. Wenige Tage nach der Reparatur tritt ein spürbarer Leistungsmangel auf. Gefühlte 80 statt gewohnter 105 PS. Dennoch summt der Pumpe-Düse-Diesel geschmeidig wie zuvor. Bis zum 7. März: Überholspurt in Hamburg-Niendorf, Vollgas, plötzlich – bei 3500 Touren – ein heftiger Schlag unter der Haube. Stoppen, Deckel auf ... nichts. Der Motor läuft, wirkt aber zugeschnürt und kraftlos. Turbolader kollabiert?

Im Schrittempo und mit Rauchfahne geht es zur 300 Meter entfernten Werkstatt von Ralf Lange. Der Experte für klassische Alfa nimmt den Golf hoch, Motoröl tropft aus dem Abgasrohr. Ich: "Turbo?" Er: "Turbo." Vermutlich Wellenbruch durch mangelnde Schmierung. Ein Defekt, der das Finale der Salatöl-Odyssee für den TDI markiert?

Der Turbo drehte komplett durch

Wochen vergehen. Endlich kommt von Volkswagen grünes Licht: Transport ins Werk Salzgitter, Zerlegung, Diagnose. Zum Ortstermin treten die VW-Männer als Mannschaft an. Mechaniker, Qualitätssicherer, Motorenentwickler, Versuchsingenieure. Wir starten mit dem Turbolader. Ausbauen, reingucken ... niemand zu Hause. Erst nach weiterer Demontage rollen die Teile – Turbinen- und Verdichterrad – aus einem völlig verölten Katalysator. Tatsächlich, der Turbo. Eins zu null für Alfa-Mann Lange.

Doch VW-Diesel-Entwickler Ludger Lohre gleicht aus: "Schäden durch unzureichende Schmierung sehen anders aus. Dies ist eindeutig ein Defekt durch zu hohe Turbo-Drehzahl." Für mich kein logischer Zusammenhang mit dem Salatöl. Und was ist mit dem Rest der Technik? Die Prüfung zeigt, daß die Maschine selbst die Salatöl-Tortur offenbar unbeschadet überstanden hat. Wie es um ihre Peripherie steht, müssen spätere Analysen ergeben.

Jetzt liegen sie vor. Und zeigen, daß ich mit ein paar Zeitbomben unterwegs war. Der Luftmassenmesser ist durch meine Startpilot-Einsätze ruiniert. Und die Schmierfähigkeit des Öls ist meßbar reduziert, weil sich durch die langen Kaltstartversuche viel Pflanzenöl dazugesellt hat. Mögliche Folge: Zerstörung der Pleuel- oder Kurbelwellenlager.

Als maßgebliches Opfer führt Entwickler Lohre indes die hochpräzisen Pumpe-Düse-Elemente an: "Hier sind bereits klare Kavitationsschäden erkennbar." Also Einschüsse durch die im zähflüssigen Salatöl enthaltenen Sauerstoffmoleküle? "So in etwa."

Das lohnt nicht: rund 5500 Euro Kosten

Am faszinierendsten finde ich jedoch seinen Vortrag zum Turbolader: Unverbranntes Salatöl hat die beweglichen Luftschaufeln verklebt, ergo die Verstellmechanik der variablen Turbinengeometrie (VTG-Lader) gelähmt. Folge: Der Turbo rotierte erheblich schneller als vorgesehen, durch die Fliehkraft floß das Aluminium des Verdichterrads nach außen. Irgendwann brach es und wütete in der ganzen Nachbarschaft umher. Für mich unvorstellbar – aber ich war ja auch stets eine Niete in Physik.

Im Rechnen hingegen nicht: Vorförderpumpe rund 290 Euro, Luftmassenmesser etwa 160, Ersatz der eingeölten Abgasanlage inklusive Kat gut 1300, Turbolader fast 1500, vier Pumpe-Düse-Einheiten mehr als 2100 – macht beinahe fünfeinhalbtausend Euro an Arbeit und Teilen, die einer Kraftstoffersparnis von zirka 150 Euro gegenüberstehen. Keine runde Bilanz, solange man sich nicht an einen Umrüster wendet, der die moderne Technik professionell modifiziert.

Hier endet mein TDI-Salatöl-Test. Unser Dank gilt den VW-Leuten, die von Anfang an dagegen waren und dennoch mitgespielt haben. Unser Golf V ist tot, künftig halten wir lieber wieder an der klassischen Dieselsäule. Zumindest mit dem modernen Gerät. Aus Liebe zum Automobil.

Anbieter und deren Vertragspartner finden sich unter www.biotanke.de.

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