Blitzer im deutschen Camp in Afghanistan

Blitzer im deutschen Camp in Afghanistan

— 25.09.2009

Hier wird scharf geschossen

Heimatgefühle am Hindukusch: Bürokratie hemmt die Mission der deutschen Soldaten in Afghanistan. Sie müssen im Camp sogar damit rechnen, in eine Radarfalle zu geraten.

Es ist ein Kampf gegen den Terror, es ist Krieg. Jederzeit müssen unsere ISAF-Soldaten mit tödlichen Treffern der Taliban rechnen. Wer dann unversehrt ins Camp heimkehrt, sollte weiter wachsam sein. Geschossen wird nämlich auch aus den eigenen Reihen. Mit der Laserkanone. Kein Witz: Im deutschen Lager in Afghanistan wird geblitzt! TV-Moderator Michel Friedmann hat es bei einem Besuch in Mazar-e-Sharif gesehen: "Ein Objektschützer erzählte mir, er habe gerade ein Knöllchen bekommen. Für zu schnelles Fahren – hier in Afghanistan."

2500 Soldaten auf engstem Raum

2500 Soldaten befinden sich im Camp Marmal auf einem mal zwei Kilometern - da sind Verhaltensregeln nötig.

Schräg findet Friedmann diese Maßnahmen: "Die Soldaten befinden sich dort in einer Steinwüste, die kaum bevölkert ist. Da fragt sich so mancher, was das denn soll." Oberstleutnant Jörg Langer, Sprecher für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan: "Es geht um die Sicherheit der Soldaten. Die Camps sind dicht besiedelt und schlecht beleuchtet." Reinhold Robbe, der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, pflichtet dem bei: "Schnelles Fahren wirbelt Staub auf. In Kabul besteht der zu einem sehr hohen Prozentsatz aus Fäkalien. Das kann in hohem Maße gesundheitsgefährdend sein. Außerdem befinden sich im Camp Marmal im Schnitt rund 2500 Soldaten auf einer Fläche von ein mal zwei Kilometer mit dichtem Straßennetz. Ohne Regeln käme man da natürlich nicht klar." Das leuchtet ein.

Zehnfaches Bußgeld als Erziehung

Aber müssen die Sanktionen gleich so heftig ausfallen? 300 Euro habe ein Soldat in Mazar-e-Sharif für überhöhte Geschwindigkeit bezahlt, die in Deutschland nur 30 Euro kosten würde, weiß ein ARD-Korrespondent zu berichten. Erzieherische Maßnahmen heißt das im Bundeswehr-Jargon. Und die liegen im Ermessen des Disziplinar-Vorgesetzten. "Das Gehalt des Betroffenen darf das Bußgeld aber nicht überschreiten", so Oberstleutnant Langer. Wie viele Blitzer im Einsatz sind und wie oft sie benutzt werden, will er nicht sagen. Was die Einnahmen betrifft, dafür sei das Verteidigungsministerium zuständig. Das wiederum konnte keine Zahlen nennen. Immerhin: Einen Bußgeldkatalog oder Flensburg-Punkte gibt es nicht.

Schutzbrillen privat gekauft

Michel Friedmann hält die Sanktionen für fragwürdig. Besonders in Anbetracht der aktuellen Debatte um die mangelhafte Ausrüstung deutscher Soldaten. Kein Geld für richtige Schutzbrillen – aber für Radarfallen? Das passt nicht zusammen. Friedmann: "Ich würde mir wünschen, dass man unsere Soldaten mit ihren nötigen Utensilien genauso intensiv behelfen würde, wie mit Radarfallen." Knapp 100 Euro kostet eine gute Schutzbrille. Die Soldaten müssen sie von ihrem Privatgeld kaufen. Das Blitzgerät, durch das Michel Friedmann guckte, stammt aus den 90er-Jahren und kostete laut Hersteller neu rund 8000 Mark. 50 Stück habe die Bundeswehr damals bestellt – also Geld im Wert von 2000 Schutzbrillen ausgegeben.

Keine Schutzgitter ohne Genehmigung

Hohe Kosten verursacht auch die Entsorgung von Altreifen, die regelmäßig zurück nach Deutschland geflogen werden. "Offensichtlich wegen möglicher Regressansprüche", erklärt der Wehrbeauftragte Robbe. "Dabei könnten die Afghanen die Reifen gut gebrauchen." Ein weiteres Beispiel deutscher Gründlichkeit: Im Kongo haben die Soldaten Gitter vor die Scheiben ihres Jeeps geschweißt – zum Schutz vor Steinschlag. Weil es dafür keine technische Erlaubnis gab, musste alles wieder abgebaut werden. Diesen Bürokratie-Terror will Robbe mit einem neuen Einsatzgesetz beenden. Zur Sicherheit der Nation – auch am Hindukusch. 

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