BMW 218i Active Tourer im Dauertest

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BMW 218i Active Tourer: 100.000-Kilometer-Dauertest

— 24.09.2017

Wenn Träume platzen

BMW traute sich mit dem Active Tourer ins Golf-Revier – doch im AUTO BILD-Dauertest über 100.000-Kilometer enttäuschte der Kompakte.

Es klang wie ein guter Plan. Die wendig-wuseligen Gene des Mini nehmen, dazu einen modernen Dreizylinder, und alles verpacken in ein so vielseitiges Auto, wie es die Marke noch nie gesehen hat – mit dem Active Tourer startete BMW das große Abenteuer, als Edelmarke hinabzusteigen ins Haifischbecken der Kompakten. Frontantrieb! Van! Verrat!, wetterten die Fans, während andere fürchteten, was im Dauertest von AUTO BILD tatsächlich eintrat: Der kantige Neuling legte – wie vor 20 Jahren die A-Klasse von Mercedes – einen enttäuschenden Fehlstart hin.

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Sympathie-Titel "die bessere B-Klasse" für den Active Tourer

Video: BMW 2er Active Tourer (2021)

Familien-Van kommt neu

Dabei ging der 218i Active Tourer Sport Line exakt zum Sommeranfang 2015 doch so strahlend in Platinsilber-Metallic auf seine 100.000 Kilometer. 136 PS und Handschaltung (die nehmen nur ein Drittel aller Käufer) versprachen Pep unterm Hochdach, während Extras wie Navi-Plus, elektrisch verstellbare Sitze und Dynamische Dämpfer Control den Preis bis auf 40.610 Euro trieben – und uns die Möglichkeit gaben, die Zusatzausstattung ausgiebig zu testen. Zunächst fand der große, variable Innenraum viel Beifall. "Reichlich Platz für Eltern, zwei Kinder und Gepäck, leichte Isofix-Handhabung", notierte Redakteur Olaf Leichert bei Kilometerstand 9860. "Endlich muss die Generation Hochsitz nicht mehr in SUV steigen." Tut sie doch, der X1 ist weit beliebter. Ein großer Kinderwagen passt nicht in den Kofferraum (468 bis 1510 Liter) des Active Tourer, dafür hat BMW den längeren Gran Tourer mit bis zu sieben Sitzen im Programm. Die sauber austarierte Sportlenkung (250 Euro extra) machte so viel Spaß wie sonst nur die Vans von Ford. Trotzdem scharrten die Vorderräder beim scharfen Anfahren, ein "Frontkratzer", wie gusseiserne BMW-Fans nölen, hat nun mal keine filterlose Lenkung wie ein Hinterradantrieb. Immerhin sorgte die variable Dämpfung für einen bekömmlichen Restkomfort. Straffe Sitze, ein lebendiger, gut gedämpfter Dreizylinder – der Active Tourer eroberte sich den Sympathie-Titel als "die bessere B-Klasse".
Mehr zum Thema: Die Dauertest-Rangliste mit allen Testergebnissen

Mit dem Navi geht's ab in den Stau

Das Navi versteht es, zu nerven. Und wozu die Ablage in der Mittelkonsole? Dadurch liegen die Klimaregler zu tief.

Doch mit zunehmender Laufleistung fand sich erste Kritik im Fahrtenbuch. Die A-Säule steht so breit im Sichtfeld, dass der Fahrer beim Einbiegen nach vorn rutscht, um sehen zu können. Das Navi führte Testredakteur Dirk Branke zuverlässig in den Montagmorgen-Stau ("Laut Anzeige war alles frei!"), die breiten grünen Balken der neuen Kartendarstellung verdecken zu viel. Und die Spracherkennung verstand zwar nicht die Ansagen von Klassik-Autor Frank Meyer, aber das Wummern des offenen Fensters: "Sie wollen nach Woof?" Ab Tempo 100 wurden die Windgeräusche ärgerlich. Auch die anfangs für den Seitenhalt so gelobten Sitze passten nicht allen: "Ich krieg Rücken, zudem steht das Lenkrad nicht mittig, sondern nach links versetzt", klagte Andreas Borchmann, der die Federung auf Langstrecken zu straff fand. Dass der Regensensor wohl nur drei Stufen kennt (aus, schnell und superschnell) – geschenkt. Aber dass der Van mit den vielen Ecken und Winkeln schwer zu reinigen ist, ist für Familienautos ein No-Go. Und dass die Fußmatten schon nach 40.000 Kilometern fusseln, passt nicht zu Preis und Premiumanspruch. Da hat BMW allzu sichtbar gespart.
Überblick: Alles zum 2er Active Tourer

Durchschnittlich 8,5 Liter gönnte sich der 218i 

Anfangs gefiel der Dreizylinder mit Temperament und Laufkultur. Aber von einem BMW erwartet man insgesamt mehr.

Damit kommen wir zu einem Kernwert der Marke: dem M in den Bayerischen Motoren Werken. Der 1,5-Liter läuft auch im 3er, bei Mini und sogar im exotischen Image-Hybriden i8. Ein echter Massenmotor also, der im Dauertest eine ähnliche Sympathie- und Qualitätskurve hinlegte wie das ganze Auto: anfangs hui, später pfui. So gefielen uns bei Testbeginn die (für diese Bauweise) erstaunliche Laufkultur und sein flottes Temperament, zumal vom vermeintlich fehlenden Zylinder dank guter Dämmung wenig zu hören war. Nur im Leerlauf klinge der neue Drilling "jämmerlich", so Autor Martin Puhtz. Und mit dem Sparen war es nicht weit her. Unter acht Litern ging im Alltag wenig, am Ende schluckte der 218i durchschnittlich 8,5 Liter. Warum dann überhaupt einen Dreizylinder, wenn der Sparzwerg in der Praxis versagt? AUTO BILD erlebte das gleiche Lied wie bereits bei Ford, Opel oder VW: tolle Normverbräuche, aber Echtwerte wie gleich starke Vierzylinder. Entscheidend fürs Urteil war die subjektive Sicht der Tester: für einen Dreizylinder ganz ordentlich, für einen BMW ... na ja. "Zähes Hochdrehen wegen der großen Schwungmasse und eine unsinnige Motorsteuerung", resümierte Nordschleifen-Experte Mario Pukšec. "Warum regelt der Motor bergab selbst ab?"

Defektes Kurbelwellenlager bei 36.331 Kilometern

Bitter: Unser Dauertester bekam nach neun Monaten einen Austauschmotor, der auch nicht klaglos lief.

Der Vorwurf, es stecke zu wenig BMW im Active Tourer, bekam im Dauertest weitere Nahrung. Das Getriebe hakelte beim Einlegen des zweiten und dritten Gangs, die Kupplung verlangte über die ganze Distanz den Tritt eines Ackergauls. 265 Newton Auslösekraft maßen die Techniker bei der Abschlusszerlegung, normal wären 193 N. Da hatte der Active Tourer seinen Super-GAU schon erlebt. Denn zum typischen Leerlauf-Jammern kam nach 30.055 Kilometern erstmals ein Klötern, das sich bald verschärfte: "Bei kaltem Motor und getretener Kupplung klingt der Motor wie ein Presslufthammer", so Fahrer Stefan Mallach. Ab in die Werkstatt, die bei 36.331 Kilometern ein defektes Kurbelwellenlager feststellte. Bei den Bayerischen Motoren Werken! Grund: zu viel Spiel, das bei warmem Motor verschwand und daher zunächst nicht aufgefallen war. Seit April 2015 verbaut BMW ein stärkeres Lager. Unser Dauertester aus der frühen Produktion bekam nach neun Monaten einen Austauschmotor, der auch nicht klaglos lief. Zweimal fiel der Dreizylinder nach dem Start ins Notprogramm und riet: "Bitte Werkstatt aufsuchen". Eine Anzeige, die beim Neustart seltsamerweise verschwand.

Am Ende reicht's beim Active Tourer nur für eine 4

Dafür wurden bei der Wartung nach 55.431 Kilometern mehrere Fehler aus dem Bordspeicher ausgelesen. Und kurz darauf das Steuergerät neu programmiert sowie das Motoröl ausgetauscht gegen die Viskosität 0W20 – beides auf Weisung aus München. Wen wundert's, dass das Vertrauen nachhaltig erschüttert war? So platzen Träume. Bei BMW der vom reibungslosen Start des Kompakten. In dieses Bild passen der Spurwarner, der trotz gesetztem Blinker piepte, und unser Abschlussbefund. Denn wie gewohnt zerlegte AUTO BILD auch den 250. Dauertestwagen bis zur letzten Schraube. Der DEKRA-Sachverständige Marcus Constantin maß dabei den Verschleiß und hielt die Schäden fest. Zu wenig Kältemittel in der Klimaanlage oder ein feuchter Ladeluftschlauch mögen Peanuts sein, doch die verfärbte Kupplungsdruckplatte zeigt schon starke Abnutzung. Sie hätte beim Motortausch mit gewechselt werden müssen, sagt BMW. Und der Rost, den wir an hinterer Tür und Heckklappendämpfern gefunden haben? "Rein oberflächlich", heißt es aus München. Korrosion und sichtbare Schäden über die Lebensdauer könne das Werk ausschließen. Was wir gefunden haben, schadet der Marke wie dem Active Tourer, der im Dauertest nur eine 4 bekommt. Deutlich schlechter als die 1, mit der BMW 130i und der 528i abgeschlossen haben. Premium aus Bayern? Nicht bei diesem Kompakten! In der Bildergalerie erfahren Sie, was während des Tests außerdem aufgefallen ist.

BMW 218i Active Tourer: 100.000-km-Dauertest

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Wertung: BMW 218i Active Tourer
Fehlerpunkte max.
Zuverlässigkeit
Liegenbleiber 0 x 15 0
Motor-/Getriebeschaden 1 x 15 15
Defekte Antriebs-/Funktionsteile 0 x 5 0
Zusätzlicher kurzer Werkstattbesuch 1 x 3 3
Zusätzlicher mehrtägiger Werkstattaufenthalt 2 x 5 10
Defekte und Sonderarbeiten (Radio/Navi/Flüssigkeiten etc.) 0 x 2 0
Defekte Kleinteile (Lampen etc.) 0 x 1 0
Langzeitqualität (aus Demontage)
Karosserie (Konservierung, Lack, Teppiche, Verkleidungen) 0–5 2
Motor (Leistung, Dichtigkeit, Ablagerungen, Laufspuren) 0–5 0
Getriebe (Dichtigkeit, Abrieb, Zustand, Kupplung) 0–5 3
Abgasanlage (Zustand, Kat, Aufhängung, Abschirmbleche) 0–5 0
Fahrwerk (Achsen, Federung, Lenkung, Befestigung) 0–5 0
Elektrik (Kabel, Stecker, Steuergeräte, Sicherungen) 0–5 0
Alltagswertung /Fahren
Ergibt sich aus den Eintragungen im Fahrtenbuch 0–10 6
Gesamtpunkte 39
Note: 4
0 Punkte: 1+; 1–4 Punkte: 1; 5–8 Punkte: 1-; 9–12 Punkte: 2+; 13–16 Punkte: 2; 17–20 Punkte: 2-; 21–24 Punkte: 3+; 25–28 Punkte: 3; 29–32 Punkte: 3-; 33–36 Punkte: 4+; 37–40 Punkte: 4; 41–44 Punkte: 4-; 45–48 Punkte: 5+; 49–52 Punkte: 5; 53–56 Punkte: 5-; ab 57 Punkte: 6.

Autor:

Manfred Klangwald

Fazit

Der Active Tourer ist kein echter BMW. Und damit meinen wir jetzt nicht Frontantrieb und Dreizylinder – das halten wir aus. Wir reden von der mäßigen Qualität. Dem Motor drohte ein kapitaler Schaden, Kupplung und Schaltung arbeiten nicht markenlike. Hier wurden der eigene Anspruch und die hohen Erwartungen der Käufer kaputt gespart.

Autoren: Manfred Klangwald, Joachim Staat

Stichworte:

Kompaktklasse

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