BMW 745i

BMW 745i BMW 745i

BMW 745i

— 18.02.2002

Ein Auto voller Rätsel

Mit dem neuen Siebener wollte BMW alles anders machen - und verwirrt damit selbst gestandene Auto-Tester.

Alles auf Knopfdruck

Für den neuen Siebener reicht mein Führerscheinwissen nicht mehr aus. Ich brauche zusätzlich eine daumendicke Bedienungsanleitung, Fantasie - und einen sehr geduldigen Einweiser. Der erklärt mir nun seit 20 Minuten das Flaggschiff der Bayern. Die vielen Hebel, den Startknopf, die Menüs im Bordcomputer. Am Ende der Vorführung will Uli, unser Fotograf, aus dem Fond steigen. Geht nicht. Kindersicherung. Zweifel beim Einweiser: "In welchem Menü ist noch mal die Kindersicherung abgelegt?" Wir öffnen von außen. Kindersicherung ist gar kein Programm, sondern ein Hebelchen in der Fondtür. Ganz profan. Wie immer.

Aber sonst ist eben fast nichts mehr wie immer. Ein Auto voller Rätsel. Der neue Siebener verunsichert selbst erfahrenste Autofahrer. Und die vielleicht besonders, weil der BMW sie in eine unbekannte Welt entführt. Die Unsicherheit beginnt schon beim Einstieg: Der Schalthebel ist weg. Einfach weg. Wo sonst der vertraute Knüppel steckt, warten nun zwei Dosenhalter. Die Feststellbremse: auch weg. Ersetzt durch einen Schalter links vom Lenkrad. Das Zündschloss: weg. Der Zündschlüssel wird in einem Schacht versenkt, man startet per Knopfdruck. Meine Güte, werde ich dieses Wunderauto überhaupt fahren können?

Vor die Freude am Fahren hat BMW das Studium der Elektronik gesetzt. Als ich schließlich die ersten Meter rolle, erwartet das aufgewühlte Selbstbewusstsein ständig einen plötzlichen Absturz wie am Computer. Doch bald funktioniert der Siebener wie ein normales Auto - erstaunlich reibungslos.

Souveräner 4,4-Liter-V8-Motor

Beim Wenden lerne ich das silberne Schalthebelchen hinterm Lenkrad schätzen: viel bequemer als blindes Tasten zur hakeligen Schaltgasse. Und erst die Parkbremse: Auf Knopfdruck steht das Auto ruckfrei, wie festbetoniert. Einmal in Fahrt, schwebt der Siebener, wie man es von einem Auto der 140.000-Mark-Klasse erwartet: als gehöre das Luxus-Gerät gar nicht mehr zu dieser Welt. Angefeuert von einem souveränen 4,4-Liter-V8, leichtfüßig und lautlos.

Ausstattung und Komfort

Am lautesten ist zunächst das Summen der Sitzverstellung, weil ich unter zahllosen Einstellmöglichkeiten der Komfortsitze (4009 Mark extra) noch unterwegs die passende Position suche. Alles, einfach alles an diesem BMW ist neu: Elektronik, Fahrwerk, Motoren, die Sechsgangautomatik. "Wir wollen in allen Punkten den Maßstab setzen", gibt sich Entwicklungs-Vorstand Dr. Burkhard Göschel kämpferisch. Dieses Auto ist die Macht-Demonstration eines stolzen Herstellers, der seine Wurzeln und Werte verwässert.

Alles wurde bedacht: In US-Modellen gibt es Knie-Airbags, weil Amis sich nicht so gerne anschnallen. Der Monitor ist wintertags beheizt, damit er sofort klare Bilder liefert. Und alle drei Tage ruckt der neuartige Scheibenwischermotor ein Stückchen an, um die Wischerblätter zu wenden und so Verschleiß vorzubeugen. Irre. Ums Fahren geht es auch, aber auf diesem Gebiet erlaubt das Niveau der Nobelklasse eh nur noch kleinere Fortschritte. Die Testwagen waren ausgestattet mit Dynamic Drive (gleicht Wankbewegungen aus, 4890 Mark extra) und der Elektronischen Dämpfer-Control (EDC, 2249 Mark extra), die die Wahl lässt zwischen "komfortabel" und "sportlich".

"Zwei Autos in einem" nennt Göschel dieses Chamäleon. Und wie fährt der BMW nun? Ja, da waren sich selbst erfahrene Autotester abends uneins, weil manche den Auswahl-Klick im Menü "Einstellungen" nicht gefunden hatten. Einfach rätselhaft.

Wegweiser für die künftige BMW-Linie

So viel steht fest: In "Komfort" kann das Riesenschiff auf Bergstraßen nicht verhehlen, dass es 80 Kilo Luxus-Speck zugelegt hat. Erst "Sport" macht Federung und Lenkung so knackig, wie wir es von BMW gewohnt sind. Tuning-Tipp unter Siebener-Fahrern: Der "echte BMW" liegt nun im Bordcomputer unten links, Leiste EDC. Hoffentlich holt ihn BMW da bald heraus. Einfach als Update, denn dank iDrive - dem Controller-Knubbel mit den vielen Funktionen - ist der Siebener gerüstet für modernere Programme. Demnächst könnte "Sport" ganz anders aussehen. Was unglücklicherweise nicht fürs Design gilt.

Mit dieser Karosserie, dem "Wegweiser für die künftige BMW-Linie", müssen die Münchener nun sieben Jahre leben. Ich leider auch. Die Blinker überm Scheinwerfer erinnern mich an die Augenbrauen von Theo Waigel - bei den Testwagen verschämt getarnt durch weiße Blinkleuchten. Wo ist der Charme geblieben, der den Siebener von 1987 zum "deutschen Jaguar" adelte? Göschel: "Wir mussten einen Schnitt wagen." Ich finde, in die falsche Richtung. Dieser BMW erinnert mich jedenfalls an die plumpe vorletzte S-Klasse.

Deren Schicksal könnte er teilen - als geschmacklicher Fehlgriff und kaufmännischer Erfolg. Denn rund 70 Prozent dieses BMW, der "etwas darstellen soll", gehen nach Amerika und Asien, wo die Kunden ihren Luxus unverblümt, vielleicht protziger zur Schau stellen. Die warten eher auf den 760i mit zwölf Zylindern (ab März 2002) als auf die Diesel mit drei und vier Litern (Herbst 2002). Noch so ein Rätsel. Der Erfolg ist dem Siebener sicher, meine Bewunderung nicht.

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