BMW 760Li

Fahrbericht BMW 760Li Fahrbericht BMW 760Li

BMW 760Li

— 02.12.2002

Der lange Siebener: ein großer Wurf?

Länge läuft: Mit Zwölfzylinder und langem Radstand spielt der Siebener jetzt auch ganz oben in der Nobel-Liga mit.

Standesgemäßer V12 ab Frühjahr 2003

Als Dwayne vor mir steht, verdunkelt sich die Sonne Südfloridas. Schwarz, 2,06 Meter groß und alles andere als zierlich, verfügt der ehemalige Center der Miami Hurricans über eine beeindruckende physische Präsenz. Doch wir haben den Sieger der Big East Basketball-Conference 2000 nicht eingeladen, damit er uns beeindruckt oder gar in den Schatten stellt. Nein, der Lange soll für uns ein nicht minder Respekt einflößendes Auto testen: den neuen Lulatsch von BMW, den 760Li.

Im Frühjahr rollt er bei uns aufs Spielfeld. Und soll bei seinem Gegner, dem Mercedes S 600 (der lange Phaeton startet Anfang 2003, der A8 W12 erst im November), für ähnliche Unruhe sorgen wie der US-Basketballer unterm Korb der Konkurrenz.

Die körperlichen Voraussetzungen dafür scheint der neue Münchner Superstar mitzubringen: Unter der Haube ein standesgemäßer V12, die Karosserie noch mal um 14 Zentimeter gewachsen. Zudem sieht der Stretch-Siebener besser aus als sein kürzerer Bruder, gewinnt durch die längere Dachlinie enorm an Eleganz. Unser erster Form-Check in und um Miami lässt also auf eine durchaus erfolgreiche Spielzeit hoffen.

Satte 14 Zentimeter mehr Kniefreiheit

Wie bei einer lichten Länge von 5,17 Meter nicht anders zu erwarten, beherrscht der 760Li die Kunst der Raumaufteilung ähnlich perfekt wie die Harlem Globetrotters. Die zusätzlichen 14 Zentimeter kommen im vollen Umfang den hinteren Passagieren zugute – Basketballspielern oder sonstigen Größen. Nach dem Training die Glieder recken oder einfach mit Freunden relaxen – im langen Siebener ist das überhaupt kein Problem.

Damit die Liga der Langen und Reichen gleichzeitig möglichst bequem sitzt, stellen die BMW-Bosse auch hinten elektrisch verstell- und beheizbare Komfortsitze auf. Fast schon ein bayerischer Maybach. Für die nötige Diskretion bei geheimen Vertragsverhandlungen ist ebenfalls gesorgt. Auf Knopfdruck surren vor die hinteren Scheiben dunkle Rollos.

Natürlich geizt der Top-Siebener, der mit exakt 116.000 Euro gut 10.000 Euro unter dem S 600 bleibt, auch sonst nicht mit Ausstattung. Das allgemeine Wohlbefinden der betuchten Klientel steigern erweiterte Holz-, Alcantara- und Lederumfänge, Autotelefon, Hi-Fi-Sound und elektronischer Pfadfinder, Zuziehhilfe für alle Türen – und natürlich zwölf Zylinder.

Explosiver Antritt und lustvolle Drehfreude

Was die mit dem rund 2,2 Tonnen schweren Stretch-Siebener anstellen, ist schon beachtlich. Der Antritt der 445 PS erfolgt derart explosiv und leichtfüßig wie Michael Air Jordan zu seinen besten Zeiten. Dabei überrascht uns der Zwölfender mit fast schon lustvoller Drehfreude, die erst bei 6500 Umdrehungen ein Ende findet.

Wer es nicht selbst erlebt hat, traut dem großvolumigen Motor solche Spritzigkeit ebenso wenig zu wie 2,06-Meter-Mann Dwayne den 100-Meter-Sprint unter elf Sekunden. Beides ist aber Fakt. Dennoch bleibt der 760Li in seiner Performance deutlich hinter einem Mercedes S 600 zurück. Wobei dieser Vergleich nicht wirklich sportlich fair ist. Schließlich greift die Stuttgarter Nobelkarosse gleich mit zwei Turboladern, satten 500 PS und kaum vorstellbaren 800 Nm an.

Wer den 760Li tatsächlich dafür auswechseln möchte, dass er 5,6 Sekunden bis Tempo 100 und damit 0,8 Sekunden mehr als der S 600 braucht, sollte seine Maßstäbe überdenken. Vor allem bei gemütlicher Gangart verrät der 6,0-Liter-V12 seine perfekten Umgangsformen. Laufruhig, lässig, luxuriös – der Vierventiler läuft so geschmeidig und geräuscharm, als würde er nicht mit Benzin, sondern mit Strom betrieben.

Im Schnitt 13,6 Liter auf 100 Kilometer

Nur wenn es sein muss und der Coach per Gaspedal volle Leistung fordert, erlaubt sich der Alu-Athlet, der gerade mal 280 Kilo auf die Waage bringt (der Mercedes-V12 wiegt 263 Kilo), ein kehliges Fauchen. Was offen gestanden alles andere als unangenehm klingt.

Technisches Neuland betreten die Münchner Automobilbauer bei der mittlerweile dritten Zwölfzylinder-Generation mit der Benzindirekteinspritzung. Was andere Hersteller – taktisch oft unklug – als spritziges Sparkonzept verkaufen wollen, setzt BMW hauptsächlich zur Leistungssteigerung ein. So verzichten die Bayern auf Mager- oder Schichtladebetrieb, was ihnen gleichzeitig De-Nox-Katalysatoren und schwefelfreien Kraftstoff erspart.

Damit der V12 dennoch nicht zum Säufer wird und politisch korrekte 13,6 Liter auf 100 Kilometer erreicht, greift BMW auf die Eigenentwicklung Valvetronic zurück. Wer den Super-Siebener richtig fliegen lässt, jagt den Gedanken vom sparsamen Luxusliner allerdings mit Vehemenz durch den Auspuff. Darf sich dafür aber auf ein außergewöhnlich dynamisches und sicheres Tänzchen freuen.

Fahrverhalten und Technische Daten

Als müsste Dwayne plötzlich zum Zehnkampf antreten, haben wir den 760Li über die Rennstrecke von Homestead in Florida getrieben. Ein harter und sicher nicht artgerechter, dafür aber sehr aufschlussreicher Test. Ergebnis: Trotz enormer Größe und stattlichen Gewichts flitzt der Bajuware ausgesprochen flott und fahraktiv um die Ecken. Dank Wankstabilisierung (Dynamic Drive), elektronisch kontrollierter Dämpfer (EDC) und üppiger 18-Zoll-Räder bewahrt der Siebener dabei stets die Haltung. Trotz seiner sportlichen Einstellung gewährt der 760Li jederzeit cheftauglichen Fahrkomfort. Ein Kompliment gilt dabei auch der Bremse, die kompromisslos zupackt wie ein Basketballer beim Rebound und selbst mehrere schnelle Runden fadingfrei meistert.

Als sich die Sonne an diesem Abend ganz regulär verdunkelt, wird unser kurzes Gast-Spiel in der Neuen Welt abgepfiffen. Und diesmal, nach vielen hundert Meilen am Steuer und im Fond des Langen aus Bayern, zeigt sich sogar Dwayne mächtig beeindruckt...

Technische Daten Zwölfzylinder-V-Motor • Hubraum 5972 cm3 • Leistung 327 kW (445 PS) bei 6000/min • maximales Drehmoment 600 Nm bei 3950/min • 6-Gang-Automatikgetriebe • Heckantrieb • Einzelradaufhängung • innenbelüftete Scheibenbremsen • ESP • Reifen 245/50 R 18 W • Kofferraum 500 l • Tank 88 l • L/B/H 5169/1902/1492 mm • Radstand 3130 mm • Spurweite v/h 1578/1582 mm • Leergewicht 2150 kg • Zuladung 520 kg • Anhängelast gebr./ungebr. 2100/750 kg • Spitze 250 km/h (abgeregelt) • 0–100 km/h 5,6 s • Verbrauch 13,6 l SP (Werksang.) • Preis 116.000 Euro

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.