BMW-Motorsportdirektor Gerhard Berger

BMW-Motorsportdirektor Gerhard Berger im Interview BMW-Motorsportdirektor Gerhard Berger im Interview

BMW-Motorsportdirektor Berger im Interview

— 03.06.2002

"Mercedes zu schlagen macht Spaß!"

Der Österreicher Gerhard Berger verhalf BMW zu einem frischen Image. Einen Wechsel zur deutschen Konkurrenz schließt er nicht aus.

"Wir sind noch zu unerfahren"

Den Job als Motorsportdirektor eines Formel-1-Teams verbindet man mit Yacht-Partys in Monte Carlo und Gala-Diners in Barcelona. Herr Berger, räumen Sie mit diesem Klischee auf? Gerhard Berger: Gerne. Das war genau die Herausforderung in meinem Job. Als Rennfahrer einer Ära, in der viel Zirkus betrieben wurde, entspringe ich diesem Klischee und muss nun die Disziplin aufbringen, ins Büro zu gehen und in irgendwelchen Meetings Probleme zu diskutieren, die auf den ersten Blick alles andere als spannend sind.

Behagt Ihnen die Arbeit am Schreibtisch? Ja. Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu. Ich identifiziere mich sowohl mit der Marke BMW als auch mit den Personen, die hier beschäftigt sind. Allerdings ist der Job eine Fortsetzung meiner aktiven Karriere. Meine Arbeit frisst mich auf, ermöglicht mir kaum Freizeit. Aber der Erfolg entschädigt für den Aufwand.

BMW-Williams belegt Platz zwei der Konstrukteurs- und Fahrerwertung. Nach knapp der Hälfte der Saison - wie sieht Ihr Fazit aus? Die Saison hat sich für uns ideal entwickelt. Was den Motor angeht, haben wir eine Messlatte gelegt. Uns ist der Spagat gelungen, ein aggressives Triebwerk zu bauen und trotzdem die Zuverlässigkeit gegenüber dem Vorjahr zu verbessern.

Wo gibt es Verbesserungsbedarf? Wir müssen an der Aerodynamik arbeiten und weiter an der Zuverlässigkeit, damit solche Ausfälle wie in Monaco, als Montoyas Wagen einen Brand im Ansaugbereich hatte, nicht mehr passieren. Wir streben eine noch engere Zusammenarbeit mit Williams an. Und wir müssen unseren Reifenpartner noch stärker in die Pflicht nehmen.

Ist es für BMW-Williams ein Nachteil, dass Michelin mit McLaren-Mercedes einen weiteren Kunden bekommen hat, der Ressourcen verbraucht? Nein. Dank McLaren wissen wir zum Beispiel, dass Ralf Schumacher in Monte Carlo kein Reifenproblem hatte, sondern wir Schwierigkeiten hatten mit dem Auto, weil die McLaren auf den Michelin tadellos unterwegs waren. Zwei Teams sorgen für einen größeren Input. Bridgestone hat aber wesentlich mehr Erfahrungswerte als Michelin. Die Regenreifen sind noch nicht so weit entwickelt, wie sie sein sollten. Regnet es in Kanada, haben wir gegen Ferrari keine Chance.

Wird sich an der Dominanz Ferraris mittelfristig etwas ändern? Die Kette der Italiener hat momentan nur starke Glieder. Wobei ihre Vorteile nicht in einem höheren Budget oder besseren Ressourcen liegen. Sie haben über viele Jahre ihre Mitarbeiter so organisiert, dass sie 98 Prozent des Möglichen erreichen. Wir sind noch zu unerfahren. In manchen Bereichen erreichen wir 100 Prozent, gar 110 Prozent, dann wieder nur 75 Prozent - wie bei den Reifen. Das ist eine Frage der Zeit.

Rückzug nicht ausgeschlossen

2004 läuft die Partnerschaft mit Williams aus. Bis zum Herbst soll eine Entscheidung über die weitere Zusammenarbeit getroffen sein, heißt es. Nein, wir steigen erst Ende der Saison in die Diskussion ein. Eine Entscheidung fällt Anfang des neuen Jahres.

BMW ist in der Lage, eigene Autos zu bauen. Gibt es also schon eine Tendenz? Nein. BMW hat das Potenzial, aber unsere Partnerschaft funktioniert sehr gut. Bei Williams sind pure Racer, wir bauen Serienautos. Das sind zwei Welten, die sich perfekt ergänzen. Und wir sind erfolgreich. Wenn man etwas ändert, muss man sich das gründlich überlegen.

Die Frage ist doch: Warum soll man etwas vom Glanz abgeben, wenn man es auch allein schaffen kann? Wir profitieren auch vom Ruhm Williams' - bei den Racing-Fans zum Beispiel.

BMW hat Mercedes als deutsches Spitzenteam abgelöst. Wo liegt das Problem bei den Silberpfeilen? Ich kann auch nur spekulieren: Reifen, Chassis, Motor. Die hatten diese Saison viele Probleme.

Als BMW-Mann müssten Sie ob der Schwäche der Konkurrenz ein gutes Gefühl haben. Das wäre zu kurz gesprungen. Wir gehen fair miteinander um. Mercedes ist zwar auch im Kerngeschäft unser Hauptkonkurrent, und wenn wir sie schlagen, macht das natürlich Spaß. Aber wir haben Respekt vor den Leistungen von Mercedes in der Vergangenheit.

Bei so viel Harmonie: Können Sie sich vorstellen, dass Sie 2003, wenn Ihr Vertrag bei BMW ausläuft, zu Mercedes wechseln? Wie heißt es? Man soll nie nie sagen. Im Ernst, ich fühle mich bei BMW sehr wohl.

Könnten Sie Mercedes nicht ein lockeres, frischeres Image verpassen? Ich weiß nicht, ob es denen stehen würde.

Will heißen, mit BMW kommt man schnell und sportlich ans Ziel, mit Mercedes bequem und luxuriös? So ungefähr. Ich finde, dass ein BMW einfach besser zu mir passt.

Wie sehen Ihre Perspektiven bei BMW aus? Dass ich als Fahrer ins Cockpit zurückkehre. Spaß beiseite. Um den Spekulationen ein Ende zu machen: Wir werden uns im Winter zusammensetzen und dann entscheiden, ob ich verlängere oder etwas anderes mache.

Zum Beispiel? Ich möchte schon mehr Zeit fürs Privatleben haben, für meine Freunde, meine Familie, den Sport. Da liegt der Knackpunkt. Ich überlege mir, ob es erstrebenswert ist, weiterhin Verantwortung zu übernehmen oder kürzer zu treten und mich mehr meinem Privatleben zu widmen.

"Michael Schumacher ist ein Egoist"

Zurück zum Image: Wie wichtig ist das Image der Fahrer für ein Team? Wir gucken nur auf Ergebnisse. Wer bringt uns in die erste Startreihe? Wenn das einer aus Deutschland ist wie Ralf Schumacher oder einer, der die US-Cart-Meisterschaft gewonnen hat wie Montoya, ist das umso besser.

Montoya passt gut zur Marke BMW: Er ist schnell und aggressiv. Aber ausgesucht haben wir ihn wirklich nur nach seinen Leistungen.

Montoya und Sie haben oder hatten ein angespanntes Verhältnis zu Michael Schumacher gemein. Was hat Sie zu Ihrer aktiven Zeit an Schumacher gestört? Damals so gut wie alles. Fragen Sie mich nicht, warum, aber er ist mir auf die Nerven gegangen. Das hat sich total geändert, weil er sich geändert hat. Er ist ein hervorragender Rennfahrer. Er benimmt sich hervorragend. Das Gesamtbild stimmt. Ich habe viel Respekt vor ihm, sogar Sympathie. Er ist aber auch ein Egoist geblieben.

Was man beim Grand Prix von Österreich gesehen hat. Bei vielen Fans hätte er sich mehr Sympathien erwerben können, wenn er entgegen der Stallorder nicht an Barrichello vorbei gefahren wäre. Hätte er sich vorher mit dieser Situation auseinander gesetzt, wäre er auf die Bremse gestiegen. Er hat geschenkte Siege nicht nötig. Wenn man im Auto sitzt, will man jedes Mal gewinnen, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich kann Ferraris Entscheidung absolut nicht verstehen. Sie haben die Tragweite unterschätzt. Nach dem Rennen hätte ich mir zumindest ein paar entschuldigende Worte gewünscht.

Muss das Reglement geändert werden? Das ist Sache der Fia. Ich würde es sehr begrüßen, wenn es künftig eine Möglichkeit gäbe, eine derartige Stallorder durch das Reglement zu bestrafen. Das hat nichts mit Ferrari zu tun. Hier wird dem Sport Schaden zugefügt.

Michael Schumacher sorgte zuvor mit der Ankündigung, noch nie gewählt zu haben, für Aufsehen. Wie finden Sie das? Wir leben in einer eigenen Welt, in der es 24 Stunden am Tag darum geht, Topleistungen zu bringen. Jeder Gedanke, jede Energie, die ein Spitzensportler für etwas anderes aufwendet, geht von seiner Leistung ab.

Ein trauriges Fazit, oder? Ja und nein. Michael Schumacher ist vier Mal Weltmeister geworden, der erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten. Er hat bestimmt alles erreicht, was er sich erträumt hat, und ist glücklich.

Die Ideale bleiben auf der Strecke. Die neue Fahrergeneration um Kimi Räikkönen und Felipe Massa scheint kaum Ecken und Kanten zu haben. Die Burschen sind sehr jung. Das Geschäft hat sich geändert, die Unternehmen, die in den Sport investieren, haben klare Vorstellungen über das Image, das sie transportieren wollen. Der Sport soll klinisch sauber sein. Das lässt die bunten Hunde aussterben, was schade ist, aber zeitgemäß.

Dafür werden die Nachwuchsfahrer schon jetzt fürstlich entlohnt. Ist die Gehaltsspirale überdreht? Nein. Die Gehälter bewegen sich in einem Rahmen wie zu meiner Zeit.

Ist es angemessen, wenn ein Pilot, der kein Rennen gewinnt, möglicherweise mehr verdient als Sie? Der Markt bestimmt das Gehalt. Ron Dennis, Frank Williams und Luca di Montezemolo sind Geschäftsleute, die kein Geld herschenken.

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