EfficientDynamics trifft Modulo

BMW Vision EfficientDynamics trifft Pininfarina Modulo

— 24.03.2010

Gestern und morgen treffen sich heute

Pininfarina wollte 1970 mit dem Modulo einen Sportwagen fürs nächste Jahrtausend schaffen. BMW versucht das 40 Jahre später mit dem Vision EfficientDynamics. Ein Treffen der Generationen.

Sie sind gelandet. Am Stadtrand von Turin, an einem strahlenden Oktobertag. Die Besuchergruppe, die über das Pininfarina-Werksgelände streift, hält inne wie vom Blitz getroffen. Dass zwei Arbeiter gerade das Tonmodell eines nagelneuen Ferrari über den Hof schieben, registrieren die Touristen nicht. Alle Augen sind auf das weiße Raumschiff gerichtet, das verlassen in der Sonne steht. Von den Außerirdischen selbst ist keiner zu sehen. Ob sie wohl gerade irgendwo einen Espresso nehmen? Francesco Fiordelisi schmunzelt. Dass die Flunder nicht von einem fremden Stern kommt, sondern aus dem Museum, mag dem PR-Chef von Pininfarina niemand glauben. Denn moderner als der fast 40 Jahre alte Modulo wirkt nicht mal das, was wenig später lautlos um die Ecke stromert und an der breiten Doppelniere klar als BMW erkennbar ist.

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Auto-Avantgarde anno 1970: die Studie Modulo aus dem Hause Pininfarina.

Zurück in die Zukunft? Vorwärts in die Vergangenheit? Das Zeitgefühl kommt aus dem Takt. Was ist hier los? Antwort: AUTO BILD bittet zwei Traumwagen zum Tête-à-Tête. Und hat als Traumdeuter jemanden dazugeholt, dessen Name Autofans (zumindest solche mit Italien-Faible) ebenso elektrisiert wie ein Knopfdruck den Hybridantrieb des BMW: Paolo Pininfarina. Als der Modulo 1968 Formen annahm, war er gerade mal zehn Jahre alt. Papa Sergio leitete damals die Firma – und war der Meinung, dass die Fantasie mit seinem Zeichner Paolo Martin doch ein wenig zu weit durchgegangen sei. Eine Kritik, die Paolo Pininfarina nachvollziehen kann. "Der Modulo ist eigentlich kein typischer Pininfarina-Entwurf. Zu kantig, zu wenig organisch", urteilt er. Andere Studien bringen den "Presidente" eher ins Schwärmen. Der Maserati Birdcage 75th beispielsweise. Mit seinen schwellenden Rundungen strahlt er tatsächlich mehr von jener animalischen Erotik aus, die die Welt von italienischen Sportwagen erwartet. Beim Modulo jedoch ging es weder um Klischees noch um Testosteron. Er sollte zeigen, wie man sich den Sportwagen des kommenden Jahrhunderts vorstellt. Und durfte – nein: Er musste dafür Grenzen überschreiten.

Die geräuschlose Fortbewegung des BMW ist durchaus irritierend

Bei seinem ersten Auftritt 1970 dürfte der Renner (damals noch schwarz lackiert) die Vorstellungskraft seiner Betrachter in der Tat viel stärker strapaziert haben als heute der BMW. Der wirkt zwar ausgefallen, aber entspricht doch eher dem, was man schon heute auf der Straße fahren sieht. Fahren? Der Modulo fährt nicht – er scheint zu schweben. Ein weiterer Punkt, der Paolo Pininfarina stutzig macht. Ein Design, das keinen Vorwärtsdrang ausstrahlt? Problematisch! Und für die Kreationen seines Hauses alles andere als typisch. Viele andere Sportwagen des Turiner Karosserieschneiders müssen nicht einmal rollen. Sie sehen schon im Stand schnell aus. So wie der BMW, den allerdings nicht Pininfarina gezeichnet hat, sondern der junge Designer Mario Majdandzic. Mit seiner geräuschlosen Fortbewegung irritiert der Vision EfficientDynamics die Freunde schneller Autos auf andere Art. Wäre der Ferrari-Zwölfzylinder im Bauch des Modulo nach 39-jähriger Museumsruhe nicht ein wenig eingerostet, sein hechelnder Tenor würde die Fans sicher mehr elektrisieren als das synthetische Summen des abgasfreien Batterie-Bayern.

Technik – beim Modulo spielt sie nur eine Nebenrolle. Zwar ist der wie aus zwei Hälften einer Muschel zusammengefügte, 94 Zentimeter flache Renner windschlüpfiger als viele Serienautos noch Jahrzehnte später. Auch die Armaturen (Paolo Martin ließ sich von Bowlingkugeln inspirieren) greifen ihrer Zeit voraus. Doch ein Fünfliter-V12, den heute der Bannstrahl der Klimaschützer träfe, löste 1970 kein Unverständnis aus. Amerika war gerade auf dem Mond gelandet und die erste Ölkrise noch in weiter Ferne. Unbekümmerter Fortschrittsglaube war daher weit verbreitet. Heute ist das anders. Der mobile Mensch heizt die Atmosphäre auf, Hubraum-Hunger gilt als Holzweg. Im Vision EfficientDynamics hat BMW deshalb zwei Elektromotoren mit einem Dreizylinder-Turbodiesel zusammengespannt. Fahrleistungen auf M3-Niveau sollen so zu einem Verbrauch möglich sein, den heute selbst die sparsamsten Kleinwagen nur mit Mühe erreichen: 3,8 Liter. Reizvolle Vorstellung.

Der Vision EfficientDynamics kann auch Paolo Pininfarina begeistern

Findet lobende Worte für den BMW Vision EfficientDyamics: Paolo Pininfarina.

Das findet auch Signor Pininfarina – der allerdings mehr von der tollen Technik sehen möchte. Immerhin gibt’s jenseits des Antriebs jede Menge zu entdecken. Die Finnen und Fugen zwingen die Luft bei ihrem Streifzug um den BMW-Body, der mit seinen Kohlefaserplatten dem Chitinpanzer eines Insekts ähnelt, zum Weg des geringsten Widerstands. Schmale Dachpfosten und große Glasflächen lassen den Sportler leicht und luftig wirken. Aber der Modulo wiegt eine halbe Tonne weniger. Ganz ohne kostspielige Carbon-Diät. Pininfarina zieht dennoch den Hut vor der weiß-blauen Studie: "In diesem Auto bündelt sich die gesamte Kompetenz von BMW im Bereich Design, alternativer Antriebe und Fahrerassistenz", sagt der Italiener anerkennend. Die vernetzte Bordnavigation gibt Tipps zum vorausschauenden Fahren, erkennt rote Ampeln, Steigungen und freie Parkplätze.

Fast schon zu viel des Guten. Das meint auch der Presidente: "Sie können Spaghetti aglio olio machen – ganz einfach, nur mit Knoblauch und Olivenöl. Das ist vielleicht ein wenig langweilig. Doch wenn sie alles in die Pasta werfen, was die Küche hergibt, wird die Sache schwer verdaulich." Welch treffender Vergleich. Zumal beide Autos mit der mediterranen Küche etwas gemein haben: Sie wecken Appetit. Bei BMW sollen die Fans nicht hungern. Während der Modulo einst schnurstracks ins Museum rollte, sollen die Ideen der neuen Studie Stück für Stück in die Serie fließen. Diese Vision hat Zukunft ...

Technische Daten Pininfarina Modulo: V12-Zylinder-Benziner, Mitte längs, 60°-Zylinderwinkel • vier Ventile pro Zylinder • Lucas-Benzineinspritzung • Verdichtung 11:1 • Hubraum 4994 cm³ • Leistung 404 kW (550 PS) bei 8000/min • max. Drehmoment 502 Nm bei 5500/min • Hinterradantrieb • Fünfgang-Schaltgetriebe • L/B/H 4480/2048/935 mm • Radstand 2400mm • Spurweite vorn/hinten 1518/1511 mm • Höchstgeschwindigkeit circa 340 km/h

Technische Daten BMW Vision EfficientDynamics: Dreizylinder-Diesel, Turbo, Mitte quer • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 1500 cm³ • Leistung 120 kW (163 PS) • zwei Elektromotoren • Systemleistung 262 kW (356 PS) • Systemdrehmoment 800 Nm • Hinterradantrieb • Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe • Reifen 195/55 R 21 • L/B/H 4600/1900/1240 mm • Verbrauch EU-Mix 3,76 l Diesel • CO2 99 g/km • Spitze 250 km/h (abgeregelt) • 0–100 km/h 4,8 s
Martin G. Puthz

Martin G. Puthz

Fazit

Wie weit der Modulo seiner Zeit voraus war, merkt man selbst heute noch – nach beinahe 40 Jahren. Vieles an der Pininfarina-Studie nahm spätere Trends vorweg, vom "Onebox- Design", das in den späten 80ern bei Großraum-Vans zum ersten Mal verwirklicht wurde, bis zur geschliffenen Aerodynamik. Der Reiz der reduzierten Form beeindruckt immer noch. Nur der Ferrari-Zwölfzylinder ist ein Fall fürs Museum. Technisch zeigt BMW mit dem Vision Efficient Dynamics, wohin bei Sportwagen die Reise gehen könnte.

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