Smartr fortwo

Bremsprobleme beim Smart fortwo

— 14.09.2015

So gefährlich ist der Smart

AUTO BILD hat aufgedeckt: Beim Bremsen zieht der Smart fortwo nach rechts. Darauf reagiert Daimler jetzt.

Besser nicht allein, immer zu zweit einsteigen – so lautet zusammengefasst das Ergebnis der Bremstests von AUTO BILD mit dem Smart fortwo. Beim Bremsen mit mehr als 80 km/h zieht der Zweisitzer stark nach rechts. Die Redaktion hat herausgefunden, dass der unheimliche Rechtsdrall etwas mit der Anzahl und dem Gewicht der Insassen zu tun hat. Teststrecke Bremerhaven. Zunächst bremst Redakteur Jan Horn den 950 Kilo schweren Wagen auf ebener Fahrbahn kräftig, aber kontrolliert aus 90 km/h. Horn bremst so, dass das ABS nicht eingreift, zusätzlich nimmt er die Hände vom Lenkrad, um das Ergebnis nicht zu beeinflussen. Mehrfach wiederholt er die Prozedur. Ergebnis: Der Kleinwagen verlässt die Ideallinie um bis zu 1,70 Meter! Dann steigt Kollege Claudius Maintz zu. Jetzt, zu zweit, gibt es fast keine Abweichung!

Bis zu 2,45 Meter zieht der Winzling beim Bremsen nach rechts

Bremsen mit zwei Insassen, allein und allein mit Zusatzgewicht – die Abweichung wird stetig größer.

Nun setzt sich Maintz ans Steuer – und macht sich künstlich dick. Zusätzlich zu knapp 80 Kilo Körpergewicht kommen 40 Kilo Sandsäcke hinter den Fahrersitz. Und siehe da, der Wagen schert nun sogar um 2,45 Meter zur Seite aus. Warum diese Abweichungen? Die Redakteure messen jede einzelne Radlast. Beim leeren Auto liegt auf jedem Reifen nahezu das gleiche Gewicht, die Differenz zwischen den beiden Vorderrädern beträgt lediglich sieben Kilo. Sobald Maintz allein im Wagen sitzt, steigt der Unterschied zwischen linkem und rechtem Vorderrad auf 31,4 Kilo. Bei größeren, längeren Autos hätte dieses Ungleichgewicht so gut wie keine Auswirkungen, beim nur 2,70 Meter langen Winzling macht es sich jedoch beim Bremsen bemerkbar. Ein möglicher Grund hierfür ist die Fahrwerkgeometrie, speziell die Stellung der Vorderräder. Aus Gründen der Fahrstabilität sind diese wie bei einem Schneepflug minimal nach innen gedreht (Vorspur).
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Das Problem liegt in Abstimmung und Konstruktion

Mit zwei Insassen und zusätzlich beschwerter linker Seite kommt der fortwo beim Bremsen aus der Spur.

Wird – wie hier – die linke Seite beim Bremsen und dem damit verbundenen Einfedern stärker belastet, schlägt das linke Rad noch mehr nach rechts ein, der Wagen zieht Richtung Bordstein. "Durch eine Federbewegung beziehungsweise durch Bremsen kann es zu einer asymmetrischen Spurwinkeländerung kommen", erklärt Fahrzeugingenieur Daniel Wegener vom Institut für Kraftfahrzeuge der RWTH Aachen. Fachleute sprechen von Wanklenken. Warum aber hatte der alte Smart kein Bremsproblem? Zum einen ist der Abstand zwischen den Vorderrädern beim neuen Modell 18,6 Zentimeter größer als beim Vorgänger. Folge: Der Hebel entlang der Vorderachse ist länger, verstärkt so selbst kleine Bewegungen. Hinzu kommt: Die neue Version ist weicher abgestimmt, federt beim Bremsen früher und stärker ein, was das Wanklenken ebenfalls begünstigen kann.

Ein weiterer möglicher Faktor: Die schwerere Fahrerseite kommt beim Bremsen aufgrund der Massenträgheit langsamer zum Stehen als die rechte. Folge der Asymmetrie: eine Drehbewegung von links nach rechts, zudem begünstigt durch den kurzen Radstand.

Das Kraftfahrtbundesamt beschäftigt sich bereits mit dem fortwo

Klare Ansage von Wolfgang Rolli, früherer Leiter des Mercedes-Benz Museums: "Der fortwo ist gefährlich."

Die Recherchen und Tests von AUTO BILD bewirken viel. Ab Ende September 2015 werden Smart-Werkstätten bei Problemfällen die Bremskraftverteilung verändern und die Federn an der Hinterachse anders einbauen. Kritik erfährt Daimler (Mercedes-Slogan: "Das Beste oder nichts") mittlerweile aus nächster Nähe. Wolfgang Rolli leitete das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart, ist jetzt im Ruhestand – und hat schon den zweiten Smart wegen des Bremsfehlers umgetauscht. "Der Fortwo ist gefährlich", lautet sein Urteil nach einem unfreiwilligen Ausflug mit 130 km/h auf die Standspur einer Autobahn. "Es ist verantwortungslos, Kunden solche Autos an die Hand zu geben", sagt der frühere Mercedes-Mann, der eigentlich ein Smart-Fan ist. "Das Kraftfahrt-Bundesamt sollte über die Typenzulassung für dieses Modell nachdenken", so Rolli. In der Tat prüft die Flensburger Behörde den Fall bereits, hat von Daimler eine Stellungnahme angefordert. In Kürze wird diese erwartet.

So reagiert Smart: Bei Problem-Modellen wird zunächst der Reifendruck geprüft, danach gegebenenfalls die Freigängigkeit der Bremsanlage. Falls nötig, wird der Abstand von Bremstrommel und -belag korrigiert, die Bremshydraulik entlüftet, das Fahrwerk vermessen oder die Vorspur neu eingestellt. All diese Maßnahmen haben laut Smart "beim überwiegenden Teil der bisherigen Fälle zu einer Behebung des beschrieben Zugs zur Seite geführt". Falls nicht, verändern Smart-Werkstätten ab Ende September die Bremskraftverteilung und bauen die Federn der Hinterachse anders ein. "Die beiden letztgenannten Maßnahmen haben wir vergangene Woche an einigen beanstandeten Fahrzeugen erfolgreich getestet und bringen sie nun umgehend in unsere Werkstätten. Alle betroffenen Fahrzeuge in Kundenhand werden damit kostenlos versorgt", teilt Smart mit.

Autoren: Jan Horn, Claudius Maintz, Dierk Möller-Sonntag

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