Carsharing: Citeecar

Carsharing: Citeecar – Erfahrungsbericht

— 03.12.2013

Wie geil ist Geiz?

Autos teilen gilt in der Stadt als cool, fortschrittlich und vor allem billiger, als einen eigenen Wagen zu besitzen. Mit Citeecar drängt ein neuer Bewerber auf den Wachstumsmarkt. Wie gut ist der Billiganbieter? Wir haben es in Hamburg getestet.

Greenwheels gehört trotz des neumodischen Namens zur alten Schule. Cambio und Stadtmobil auch. Selbst Flinkster, das Carsharing-Angebot der Bahn mit seinen E-Autos und Alfa MiTo, wirkt auf Kenner so anziehend wie eine qualmende Diesellok neben dem Transrapid. Nein, Carsharing 2.0 findet heute bei Car2Go oder DriveNow statt. Die Tochterunternehmen von Daimler und BMW verteilen ihre schicken Smart, Mini und 1er Cabrios im Free-Flow-System übers ganze Stadtgebiet deutscher Metropolen. Lästige Sucherei und langfristige Reservierungen entfallen. Feste Stationen für Ausleihe und die Rückgabe gibt es nicht. Das macht Car2Go und DriveNow äußerst flexibel – kurze Spontan-Fahrten und Einweg-Strecken sind die Regel. Ein PS-Quicky, eine Autoaffäre für zwischendurch – schnell, unverbindlich, günstig. Ausgerechnet im Kampf um die Gunst urbaner Hipster und anderer Vordenker will Citeecar mit einem Traditionsmodell den Carsharing-Markt aufmischen. 

Es gibt nicht nur Reservierungspflicht und feste Parkplätze, sondern auch nur ein einziges Modell: den Kia Rio mit 85-PS-Benzinmotor. Für trendige Szenetypen kling das etwa so sexy wie Mettigel und Käsepilz auf einem Sushi-Buffet. Wie soll das denn klappen? Der Selbstversuch beginnt am Computer. citeecar.com führt mich zur Registrierung. Das Billigangebot gibt es zunächst in Berlin, Hamburg, München, Potsdam. Die Seite sieht modern aus und lockt damit, dass die erste Fahrt gratis ist. Name, Geburtsdatum, Geschlecht, E-Mail, Passwort – fertig ist die Anmeldung. Ein paar Tage später liegt meine lilafarbene Citee-Card im Briefkasten. Damit muss ich zum Führerschein-Check in eine von zehn Pit-Stop-Werkstätten. Gleich bei mir um die Ecke ist eine. Ob der Filialleiter mit meiner Citee-Card was anfangen kann? Kann er. Der Meister guckt auf meine Fahrerlaubnis und tippt die Daten in seinen Computer. Das war's. Ich bin Mitglied. Kosten: fünf Euro pro Monat. Es kann losgehen.

Per Smartphone-App suche ich nach einem Auto. 100 Stück sind im Stadtgebiet verteilt, das nächste steht 1,2 Kilometer von meinem Büro entfernt und ist frei, verrät die App. Ich reserviere von elf bis 13 Uhr. Dann wird ein Kartenausschnitt eingeblendet, in dem mein Auto parkt. Darunter steht: "Den genauen Standort teilen wir dir per SMS 15 Minuten vor Mietbeginn mit." Aha, Geocoaching oder was? Das kann ja lustig werden. Der markierte Bereich ist groß. Piep, piep, macht mein Handy und zeigt eine Kurznachricht: "Dein gebuchtes Auto (B-CC 2693) ist am Zeughausmarkt 19 im Umkreis von 50 Metern." Um Punkt elf bin ich in der Zeughausstraße und sehe einen noblen Laden mit Küchenzubehör, nur keinen Kia Rio. Verdammt, wo steht die Kiste? Meine Mietzeit läuft! Handy raus und Kontrolle: Die Adresse heißt Zeughausmarkt, nicht Zeughausstraße – mein Fehler. Zum Glück ist der direkt um die Ecke. Aber die Schnitzeljagd geht trotzdem weiter. Denn der Zeughausmarkt hat einen großen Parkplatz mit 50 Autos, eines davon muss mein Teilzeit-Kia sein. Mit Radarblick durchforste ich die Reihen, bis er an einem silbernen Rio mit Berliner Nummer hängenbleibt.

Da ist er. Ein Gefühl wie beim Ostereiersuchen in meiner Kindheit. Kurioserweise parkt er direkt neben einem Car2Go-Smart. Kein Zweifel: Carsharing ist hip und wird immer beliebter. "Wir haben noch viel Platz auf diesem Markt", sagt Citeecar-Manager Peter Gerstle. Als Konkurrenten von Car2Go und DriveNow sieht er seine Firma nicht. "Die Systeme ergänzen sich. Moderne Großstädter nutzen die Angebote parallel." Da mag er recht haben. Vor allem bei den Kosten hat Citeecar Vorteile. Neben dem Monatsbeitrag von fünf Euro zahlen Nutzer nur einen Euro pro Stunde plus 20 Cent pro Kilometer. Billiger geht Auto fahren nicht. Wer sich den Rio als Neuwagen für rund 14.000 Euro anschafft, muss bei einer Jahreslaufleistung von 10.000 Kilometern und einer Haltedauer von vier Jahren mit Kilometerkosten von mindestens dem Doppelten rechnen. Vor allem der Wertverlust und die Spritkosten machen das Autofahren teuer.

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Einziges Citeecar-Modell: der Kia Rio. Den gibt es ab einen Euro pro Stunde plus 20 Cent pro Kilometer.

Bei Citeecar ist der Sprit inklusive. Also kann ich kräftig Gas geben, ohne arm zu werden. Doch bevor es losgeht, umrunde ich den Kia und suche Schäden. Nichts. Wie neu. Also halte ich meine Citee-Card ans Lesegerät hinter der Windschutzscheibe. Klack, die Türen öffnen sich. Wieder so ein grandioses Gefühl: Du gehörst jetzt mir. Zumindest für die nächsten zwei Stunden. Der Zündschlüssel steckt im sogenannten Citee-Pad, das im Handschuhfach liegt. Es sieht aus wie ein Kreditkarten-Terminal und löchert mich mit Fragen zu Schäden und Verschmutzung. Alles in Ordnung, bis auf etwas Dreck im Fußraum. Auf geht's, nur 1380 Kilometer hat der Rio seit seiner Erstzulassung vor sechs Monaten zurückgelegt. So oft scheint er also nicht im Einsatz zu sein. Egal, der Fünftürer hat nicht nur reichlich Platz, sondern ist mit Klimaanlage, Navi, CD-Radio und Rückfahrkamera gut ausgestattet. Auch der Tank ist fast voll. Gut so. Wenn der Spritvorrat auf ein Viertel sinkt, muss der Fahrer tanken. Sonst kostet es 30 Euro Strafe.

Überhaupt schockt ein Blick auf die Gebühren: Verspätete Rückgabe – 30 Euro. Auto nicht in der erlaubten Parkzohne abgestellt – 30 Euro. Knöllchen-Bearbeitung – 10 Euro. Autoschlüssel verloren – 200 Euro. Der Aufpreiskatalog umfasst 19 Positionen. Das erinnert an Ryanair. Der Billigflieger verlangt auch für jede Kleinigkeit Extraabgaben. Wer wirklich nur die Kampfpreise bezahlen will, sollte sich an die Regeln halten. Sonst ist der Geiz nicht mehr geil. Ziemlich unsexy sind auch Beschädigungen. Wer den Rio verbeult, zahlt eine Selbstbeteiligung von bis zu 1000 Euro. Für vier Euro pro Fahrt oder sechs Euro im Monat können die Mieter aber ihren Eigenanteil auf 200 Euro begrenzen. "In einem Jahr haben wir rund 3000 Mitglieder gewonnen", freut sich Citeecar-Mann Gerstle. Das Durchschnittsalter liege um die 30. Der typische Nutzer ist laut Citeecar zweimal im Monat für etwa sechs Stunden unterwegs. Dafür lohnt es sich wirklich nicht, ein eigenes Auto anzuschaffen. Besonders dann nicht, wenn der Kunde die Möglichkeit hat, bei Citeecar "Host" zu werden. Das ist eine Art Pate, der einen Parkplatz zur Verfügung stellt und sich von Zeit zu Zeit um die Reinigung des Autos kümmert. Im Gegenzug erhalten "Hosts" Freikontingente und fahren für weniger Cent pro Kilometer.

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Rechts taucht eine Shell-Station auf. Das will ich wissen: Wie klappt das mit dem Tanken? Also ran an die Säule, Rüssel in den Stutzen und 13,74 Liter für 24,58 Euro nachgefüllt. Aus dem Citee-Pad ziehe ich die Tankkarte, dann plärrt aus dem Lautsprecher eine Geheimnummer. Ich laufe zur Kasse, schiebe die Karte in den Schacht und tippe die PIN ein. "Danke", sagt die Kassiererin. Das ging ja einfach. Tanktest bestanden. Zum Schluss möchte ich sehen, wie viel Gepäck der Kia schluckt. Aber es ist schon 12:30 Uhr. Kein Problem, mit dem Citee-Pad kann ich die Mietzeit problemlos um eine Stunde verlängern. Anschließend fahre ich zum Jahrmarkt und verstaue einen riesigen Beutel mit Stofftieren im Rio. Auch das klappt bestens. Immerhin fasst sein Ladeabteil maximal 923 Liter.

Nun wird es Zeit, den Kia zu seinem Stammplatz zu fahren. Ob seine Lücke am Zeughausmarkt frei ist? Nein, ist sie nicht. Dafür aber eine gegenüber. Abstellen, ausmachen, Schlüssel ins Citee-Pad, mit der Karte abschließen – fertig. Die dreistündige Tour über 15 Kilometer hätte mich sechs Euro gekostet. Aber es war ja meine Jungfernfahrt. Die war kostenlos. Zurück im Büro nehme ich übrigens einen Smart von Car2Go. Überall sind die zu finden. Und überall kann ich sie stehen lassen.
Jörg Maltzan

Jörg Maltzan

Fazit

Für die Rückfahrt ins Büro hab' ich den Smart von Car2Go genommen. Die Dinger stehen in Hamburg überall, das macht die Sache einfach. Damit sind sie eine gute Alternative zu Bus, Bahn, Taxi und bei Regen auch zum Fahrrad. Fahrten mit dem Citeecar dagegen wollen gut geplant sein. Die Entfernung zum nächsten Standort und das Suchen können nerven. Doch der Kia Rio löst alle Transportaufgaben in der Stadt mit Bravour. Und Citeecar ist konkurrenzlos günstig! Ein Acht-Stunden-Tag hinterm Steuer für nur 25 Euro – da kommen auf Mittelstrecken weder Bus noch Bahn mit.

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