Fahrbericht Chevrolet Camaro Coupé

Chevrolet Camaro Coupé: Fahrbericht

— 21.01.2014

Der amerikanische Traum

Das Auto für das ganz große Amerika-Gefühl: Mit dem neuen Chevrolet Camaro von Las Vegas durch die Wüste nach Los Angeles. Ein Fahrbericht.

Komm schon, Kugel. Roll brav auf die 21. Nur dieses eine Mal. Nichts geht mehr. Augen zu und: "Sixteen, red, even." Und das war's dann. Alles verspielt. Alles weg. Also nichts wie weg. Leaving Las Vegas. Draußen vor dem Bellagio-Casino steht der zitronengelbe Camaro. Tausend Dollar auf die richtige Zahl – und ich würde ihn kaufen. Sofort. Bar. Mit einem Lächeln. So aber: nur geliehen. Für die Fahrt nach Los Angeles. Knapp 500 Kilometer inklusive Umweg in die Wüste von Red Rock Canyon. Wo es still ist. Kein Las-Vegas-Lärm. Nur das Dröhnen meines V8. Pech im Spiel, Glück in der Liebe. Me and my Camaro. Auch wenn es nur ein Quickie ist. Aber was für einer ...

Frühmorgens ist der amerikanische Traum einsam

Nix los in den Bergen: Auf der Panoramastraße entlang der roten Felsen kann man es in Ruhe fliegen lassen.

Tief rein in den Sportsitz. Hi, mein Baby! Kein Startknopf, sondern ein Schlüssel mit Bart. Reinstecken, Handgelenk, Gasfuß: Achtzylinderlärm. Irres Grinsen. Noch mal Gas im Leerlauf. Dann ein lautes "Goodbye, Las Vegas!", weil die Straße ruft. Diesen kleinen, mit Wildleder bezogenen Schaltknüppel nach links oben drücken – und einen schwarzen Abschiedsgruß auf dem Strip hinterlassen. Irgendwo hinter der Motorhaube liegt Norden, liegt Downtown Vegas, wo ich mit meinen letzten paar Münzen weiterspielen könnte. Aber ich biege lieber links ab, nach Westen, hinter mir geht die Sonne auf, vor mir die Stadtgrenze. Bald dahinter: der Nationalpark Red Rock Canyon. Früh am Morgen ist noch nichts los auf der 21-Kilometer-Panoramastraße entlang der roten Felsen. Hier gilt zwar ein Tempolimit von 56 km/h, aber die Ranger schlafen sicher noch. Also Traktionskontrolle zum Teufel und die Einbahnstraße durch das Naturschutzgebiet zur Nordschleife machen.

Der Camaro fasziniert mit seinem ehrlichen Wesen

Ehrliches Kraftpaket: Dem Camaro reichen 432 PS aus einem fetten V8 – viel mehr Technik braucht er nicht.

Die Gänge wollen reingeprügelt werden; na, das können sie haben. Der neue Camaro aus dem Schönheitsoperationssaal, wo ihm Gesicht und Hintern neu gemacht wurden, tanzt durch die Kurven. Lässt sich jubelnd wieder einfangen, und gemeinsam schreien Mensch und Maschine beim Runterschalten ihre ganze Schamlosigkeit raus. Unpräzise Lenkung? Untersteuern? Unwichtig! Kultiviert sind heute mal nur die anderen. Jaja, schon klar: Diese "Ich geb Gas, ich will Spaß"-Attitüde mag 2014 nicht zeitgemäß und erst recht nicht besonders mündig sein – aber: pfffff. Wer vernünftig sein will, fahre bitte da vorn rechts ran. Ich aber fahre weiter. Ein Camaro ist kein Großkotz-Auto, kein Proleten-Porsche und erst recht kein Rotlicht-Rennwagen. Klar ist er ungehobelt, aber er ist nicht aggressiv. Er guckt viel weniger fies als so mancher böser Deutscher. Er ist nicht überfrachtet mit Technik, er besinnt sich auf das, was er ist – ein Kraftpaket im gelben Muskelshirt.

Raus aus Red Rock und rechts rum. Pause mache ich erst auf der Bonnie Springs Ranch, wo der Wilde Westen derart künstlich am Leben erhalten wird, wie es nur zwischen Las Vegas und Hollywood möglich ist. Schießereien und Schatzsucher – alles nur eine große Illusion.

An der Kasse entpuppt sich der Chevy als Schnäppchen

Preisansage: Chevrolet verlangt für das Camaro Coupé nur 39.990 Euro – günstige 92,57 Euro pro PS.

Wahr ist aber mein Auto und dieser Preis: 92,57 Euro. So viel kostet mich beim Camaro ein PS. Ein fast unschlagbarer Wert (nur zum Vergleich: der neue 911er kostet 260 Euro pro PS). 432 PS für weniger als 40.000 Euro. So steht der Wagen jetzt bei deutschen Chevrolet-Händlern (solange es sie noch gibt, denn 2016 ist Schluss mit Chevy in Europa). Es ist der amerikansche Traum für die Landstraßen zwischen Travemünde und Tussenhausen. Doch heute: Highway No. 15. Noch 240 Meilen bis Los Angeles. Ein weißer, zerschlissener Camaro der vierten Generation überholt mich. Bewundernde Blicke eines jungen Paars, denn ihre Version ist leider eine Katastrophe, und so wurde sie scheinbar auch behandelt. Auf dem Weg nach L.A. durchsuche ich die Satellitenradio-Stationen: Auf Kanal 125 könnte ich Talkshows mit Republikanern hören (sicher nicht!). Bei "E Street Radio" auf Kanal 20 nichts als Bruce Springsteen (besser!). Ich wähle "The 60th on 6" – Musik aus den ersten Camaro-Jahren.

Es ist dunkel, als ich in L.A. ankomme. Der Hollywood-Boulevard ist gesperrt. Also untenherum, über die Melrose Avenue, in langsamer Fahrt vorbei an den Tätowierstuben und Plattenläden, den kleinen Boutiquen und dunklen Bars. Hier endet meine Reise im neuen Camaro. Und ein paar Münzen für die Parkuhr sind mir aus Las Vegas auch noch geblieben.

Technische Daten Chevrolet Camaro Coupé V8, vorn längs • Hubraum 6162 cm³ • Leistung 318 kW (432 PS) bei 5900/min • max. Drehmoment 569 Nm bei 4600/min • Hinterradantrieb • manuelles Sechsganggetriebe • L/B/H 4837/1917/1360 mm • Verbrauch 14,1 Liter/100 km (Super) • 0–100 km/h in 5,2 s • Preis ab 39.990 Euro.
 
 
Hauke Schrieber

Hauke Schrieber

Fazit

Heute kann mich der ganze Elektroauto-Zero-Emission-Paradigmenwechsel-Downsizing-Krempel mal kreuzweise. Heute will ich Amerika. Heute will ich Lärm machen. Heute will ich Gummispuren in den Asphalt brennen. Heute will ich von Las Vegas nach L.A. – und zwar nicht mit irgendeinem Auto, sondern mit einer rasenden, brüllenden, obszönen Freiheitsstatue auf Rädern.

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