Zwei Supersportler im Vergleich

Chevrolet Corvette Z06/Mercedes-AMG GT R: Test

— 09.05.2017

Duell der Pisten-Bestien!

Nach nunmehr zwei Jahren scheint mit dem AMG GT R endlich ein würdiger Gegner für die Z06 gefunden. Wir haben die Supersportler verglichen.

Was haben wir nicht schon alles versucht: die motorisierte Übermacht eines McLaren 650S mobilisiert, Nissans Endstufe aus dem Nismo-Kosmos entsandt, das Drehzahlmesser eines R8 V10 plus gewetzt und am Ende – als uns sonst keiner mehr in den Sinn kam – auch noch den 911 Turbo S losgehetzt, der spätestens in der Alltagswertung ja so ziemlich jeden High-Performer in die Knie zwingt. Die Corvette Z06 vermochte auch er letztlich nicht zu schlagen. Mit dem Mercedes-AMG GT R steht jetzt ein neuer Gegner in der Startlöchern und wir fragen uns: Hat der Benz eine Chance?

Mit dem Werksdoping wird die Corvette zum Killer

Video: AMG GT R vs Continental und DB11 (2017)

Krasse Supersportler

Die Corvette Z06 mag zweifellos ein richtig guter Sportwagen sein. Nur überstrahlt sie das Establishment einzig deshalb in so schöner Regelmäßigkeit, weil sie hierzulande stets im Radikal-Outfit aufmarschiert. Z07 heißt das zugehörige, 15.500 Euro teure Paket, das aus dem kantigen Kurven-Ami ein regelrechtes Querkraft-Monster zimmert: Ganz oben steht das optimierte Magnetic Ride-Fahrwerk, das mit seiner überarbeiteten Dämpferkennung einen zwar essenziellen, gleichzeitig aber auch den mit Abstand ausgewogensten Beitrag zur Bestzeit-Offensive leistet. Dahinter folgt die Keramikbremse, deren schwächstes Glied stets der eigene Fußballen sein wird. Punkt drei benennt das Aerodynamikpaket AUTO III, das zwar ein wenig so aussieht, als käme es geradewegs aus dem Baumarkt, aber mächtig Wirkung zeigt. Bis zu 156 Kilogramm an zusätzlichem Abtrieb, einhergehend mit 15 km/h weniger Höchstgeschwindigkeit und einem deutlichen Verweis darauf, dass man vor Betrieb auf öffentlichen Straßen doch bitte die geltenden Zulassungsbestimmungen beachten möge.
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Klebrige Cup-Gummis verzahnen die Z06 mit der Piste

Asphaltkleber: Im Z07-Paket stecken Semi-Slicks, die der Corvette reichlich Traktion bescheren.

Ähnliche "Ratschläge" flankieren auch den vierten – und elementarsten – Baustein des Z07-Ensembles: die Semislicks. Die seien, so empfiehlt es die Betriebsanleitung, primär für den Trackday-Einsatz konzipiert und sollten bei Temperaturen unter zehn Grad Celsius am besten gar nicht erst auf die Straße kommen. Übertriebene Panikmache? Oh nein! Der Pneu ist einem reinen Rennreifen wirklich näher als alles, was sich sonst so erwerben lässt. Im Temperaturverhalten, im Verschleißbild, aber eben auch im Gripniveau, das so manch anderen Semislick dastehen lässt, als käme dessen Mischung geradewegs aus dem Labor für vulkanisierte Schmierseife. Lange Rede – bislang schmeckten die Triumphzüge der Z06 immer ein wenig nach, einfach weil unter ihrer überragenden Performance immer auch das Fragezeichen des Reifenvorteils stand. Hier und heute jedoch markiert die monumentale Cup-Sohle nicht das Trenn-, sondern das Bindeglied!

Ein Artikel aus AUTO BILD SPORTSCARS

Denn auch der AMG GT R spannt sich ab sofort gegen Aufpreis den krassesten aller Sekundenkleber übers geschmiedete Felgenhorn – und avanciert damit zum vielleicht ersten wirklich würdigen Z06-Gegner überhaupt. Zumal diese Paarung auch sonst vor Gemeinsamkeiten nur so strotzt: Beide Kontrahenten tragen einen aufgeladenen V8 hinter der Vorder-und das zugehörige Getriebe vor der Hinterachse. Dazu die anatomische Analogie, die sich nicht nur in der langen Schnauze, der flachen Zwei-Mann-Kanzel oder dem prominenten Leitwerk, sondern auch im Leergewicht widerspiegelt: Rund 1600 Kilo zeigt unsere Waage – absolut gleichmäßig verteilt in der Corvette, leicht heck(!)lastig im AMG.

Der AMG GT R kontert mit vielen technischen Finessen

Ein würdiger Gegner? Der Mercedes-AMG GT R ist der Nächste, der dem schnellem Ami ans Blech will.

Grund? Das Doppelkupplungsgetriebe, das den Hintern des AMG ein wenig mehr beschwert als die leichtere Siebengang-Handschaltung der Corvette. Schon klar, auch den Ami gibt's mit Automatik – einer richtig guten sogar. Doch einerseits konnte Chevrolet zum Testzeitpunkt nicht mit dem flinken Achtstufer dienen; andererseits braucht's nun wirklich keine zweieiigen Zwillinge, wenn die vorliegenden Getriebeversionen so perfekt zum jeweiligen Charakter passen. Denn rein technologisch fährt der AMG schon ein paar Schippen mehr auf. Das zeigt sich an solchen Schmankerln wie der serienmäßigen Hinterachslenkung, dem ausfahrbaren Bugspoiler – der sich noch dazu ganz elegant im Fahrzeugboden versteckt–, den aktiven Lagern für Motor und Getriebe oder auch dem Airpanel; einem Lamellenverbund, der direkt hinter der Frontschürze sitzt und von dort aus die Durchströmung der Kühler reguliert. Es zeigt sich im Cockpit, das mit Schießscharten-Aussicht, bodennah platzierten Vollschalen und der emporragenden Mittelkonsole Hightech-Dynamik vom Allerfeinsten versprüht. Und es zeigt sich beim Antrieb, der die Drehmoment-Faust des Amis mit einer 1,35 Bar schweren Turbo-Doppelkeule kontert.
Alle News und Tests zum Mercedes-AMG GT R

Wie sich die beiden Supersportler auf der Rennstrecke schlagen, zeigen wir Ihnen in der Bildergalerie.
Fahrzeugdaten Chevrolet Mercedes-AMG
Modell Corvette Z06 GT R
Motorbauart V8 V8
Aufladung/Ladedruck Kompressor/0,65 bar Biturbo/1,35 bar
Einbaulage Mitte vorn längs Mitte vorn längs
Ventile/Nockenwellen 2 pro Zylinder/1 4 pro Zylinder/4
Hubraum 6162 cm³ 3982 cm³
Bohrung x Hub 103,25 x 92,0 mm 83,0 x 92,0 mm
Verdichtung 10,0:1 9,5:1
kW (PS) b. 1/min 485 (659)/6000 430 (585)/6250
Literleistung 107 PS/l 147 PS/l
Nm b. 1/min 881/3600 700/1900-5500
Antrieb Hinterrad Hinterrad
Getriebe 7-Gang manuell 7-Gang-Doppelkupplung
Bremsen vorn 394 mm/innenbel./gel. 402 mm/innenbel./gel.
Bremsen hinten 388 mm/innenbel./gel. 360 mm/innenbel./gel.
Bremsscheibenmaterial Carbon-Keramik Carbon-Keramik
Radgröße vorn – hinten 10 x 19 – 12 x 20 10 x 19 – 12 x 20
Reifengröße vorn – hinten 285/30 R 19 – 325/25 R 20 285/30 R 19 – 325/35 R 20
Reifentyp Michelin Pilot Sport Cup 2 (ZP) Michelin Pilot Sport Cup 2 (ZP)
Länge/Breite/Höhe 4514/1965/1239 mm 4551 / 2007 / 1284 mm
Radstand 2710 mm 2630 mm
Tankvolumen 70 l 65 l
Kofferraumvolumen 425 l 285 l
Testwagenpreis 135.250 Euro 179.416 Euro
Messwerte Chevrolet Mercedes-AMG
Beschleunigung
0- 50 km/h 1,8 s 1,4 s
0-100 km/h 3,6 s 3,2 s
0-130 km/h 5,3 s 4,7 s
0-160 km/h 7,5 s 6,6 s
0-200 km/h 11,0 s 9,9 s
0-402,34 m (Viertelmeile) 11,68 s 11,02 s
Vmax 300 km/h 318 km/h
Elastizität
60-100 km/h (4./ 5. Gang) 3,1/4,3 s 2,4/3,1 s
80-120 km/h (5./ 6. Gang) 4,0/5,4 s 3,0/3,8 s
80-120 km/h (7. Gang) 12,0 s 5,1 s
Bremsweg
100-0 km/h kalt 36,2 m 38,3 m
100-0 km/h warm 30,4 m 30,8 m
200-0 km/h warm 117,8 m 121,5 m
Testverbrauch
Ø auf 100 km 17,9 l Super Plus 16,1 l Super Plus
Reichweite 370 km 400 km
Gewichte
Leergewicht/Zuladung 1603/297 kg 1592/298 kg
Gewichtsverteilung VA/HA 50/50 % 48,5/51,5 %
Leistungsgewicht 2,4 kg/PS 2,7 kg/PS
Autor:

Manuel Iglisch

Fazit

Mit dem GT R hat AMG nichts anderes als eine Rundenzeit-Bestie erschaffen, die nahezu alles in Grund und Boden fährt, was nicht gerade auf Vollslicks steht. Oder sagen wir besser: Alles außer der Corvette Z06, die im 2017er-Trimm selbst noch einmal zu neuer Höchstleistung erstarkt. Auf der Uhr trennt die beiden eine Winzigkeit, im Gefühl klaffen dagegen Welten. Denn während einem der GT R mit seinen extrem präzisen, spitzen und teils anspruchsvollen Reaktionen unentwegt das Gefühl vermittelt, die letztmögliche Vorstufe zum Rennwagen zu bewegen, erschließt sich einem die Z06 nicht nur performanceseitig auf deutlich zugänglichere Weise, sondern auch monetär.

Stichworte:

Supersportwagen

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