Neun China-Autos im Test

Geely GX7 Great Wall H6 VW Lavida

China-Autos im Test

— 25.06.2013

So schlecht sind Chinas neue Autos

Auf dem chinesischen Automarkt herrscht Goldgräberstimmung. Aber längst nicht alles, was in China glänzt, ist auch Gold. Wir sind ins Reich der Mitte gereist und haben neun neue Autos aus chinesischer Produktion getestet.

Der Fortschritt in China ist an jeder Ecke sichtbar. Noch vor ein paar Jahren war das Reich der Mitte ein Entwicklungsland, heute verstopfen Millionen neuer Autos die Straßen der glitzernden Metropolen wie Peking oder Shanghai. Die glänzende Fassade Chinas hat längst erste Risse bekommen. Das Land hält das rasante Wachstum kaum aus, der allgegenwärtige Smog ist das offensichtlichste Zeichen einer Politik, die nur eine Doktrin kennt: Wachstum um jeden Preis. Dass vor allem europäische Hersteller wie Volkswagen, Mercedes und BMW von der hohen Nachfrage nach Luxusgütern profitieren, ist der Zentralregierung mittlerweile ein Dorn im Auge. Erst kürzlich haben die Chinesen hohe Strafzölle für Oberklassefahrzeuge aus Europa verhängt. Es droht ein Handelskrieg, mit kaum abzusehenden Folgen für unsere Automobilwirtschaft. Denn die erreicht ihre ambitionierten Wachstumsziele trotz des schwachen Heimatmarkts vor allem wegen China. Wohin also steuert das Land? AUTO BILD beantwortet die wichtigsten Fragen.

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Video: Test the Best Shanghai

Neue China-Autos im Test

Wie gut sind chinesische Autos inzwischen?
Über 100 Autobauer streiten sich in China um Kunden. Viele Hersteller, die für uns noch völlig unbekannt sind. Einigen von ihnen haben wir gemeinsam mit den Chefredakteuren der internationalen AUTO BILD-Familie auf den Zahn gefühlt. Auf einem abgesperrten Gelände von Bridgestone in Yi Xing, rund 200 Kilometer von Shanghai entfernt, konnten wir neun aktuelle Modelle aus chinesischer Produktion unter Testbedingungen fahren. Das Ergebnis: erschreckend. Zumindest optisch gaukeln die China-Autos noch vor, dass sie es ernst meinen. Mancher Strich ist gekonnt gesetzt, wenngleich es die Designer mit dem Kopierschutz noch immer nicht so eng sehen.

Der VW Lavida fährt mit betagter Golf-IV-Technik, war im Testfeld trotzdem das mit Abstand beste Auto.

Spätestens aber wenn es ins Detail geht, sieht es ganz bitter aus. Kunststoffe in erbärmlicher Joghurtbecher-Qualität, die in der Sonne übelst ausdünsten, sind eher Regel als Ausnahme. Dazu Spaltmaße, in denen Kleintiere verschwinden können, und Polster, die sich wie labberiges Weißbrot zusammenknautschen lassen. Auf der Teststrecke schließlich fliegt die optische Täuschung komplett auf. Technisch sind fast alle Modelle von vorvorgestern, das Fahrverhalten teilweise sogar gefährlich. Ausdrücklich ausgenommen ist VWs China-Bestseller Lavida, der mit Golf-IV-Technik fährt, und mit Abstrichen der Changan Raeton, unter dem ein alter Ford Mondeo steckt. Die Fahrberichte lesen Sie in der Bildergalerie.

Erlkönige: Das sind die Autos von morgen

Wie wirken sich die jüngst verhängten Strafzölle auf Luxusautos für die Europäer aus? Vermutlich nur wenig. Alle europäischen Hersteller produzieren Fahrzeuge bis in die Oberklasse in China. So bieten Audi, BMW und Mercedes ihre Modelle A6, 5er und E-Klasse in China ausschließlich aus dortiger Produktion an. Diese Autos sind nicht von den Strafzöllen betroffen. Anders sieht es hingegen in der Luxusklasse aus. A8, 7er und S-Klasse werden ausschließlich in Deutschland gefertigt und nach China exportiert. Bereits heute sind 25 Prozent Strafzoll und eine Luxussteuer zu bezahlen. Dadurch sind die Limousinen schon jetzt extrem teuer. Ein Maserati Quattroporte kostet beispielsweise 330.000 Euro – zweieinhalbmal so viel wie bei uns. Trotzdem werden die Autos gekauft, denn wohlhabende Chinesen wollen sich mithilfe exklusiver Fahrzeuge von ihren Freunden unterscheiden. Da spielt der Preis eine untergeordnete Rolle. Die angedrohten Strafzölle haben also kaum Auswirkungen auf den Markt.

China ist der weltweit größte Markt für Luxusautos. Werden S-Klasse, 7er und A8 künftig also chinesischer? Das wird sich kaum vermeiden lassen, sagt Wirtschaftsanalyst Christoph Stürmer. "Autos wurden schon immer auf die Bedürfnisse der Käufer abgestimmt. Dass diese jetzt hauptsächlich in China sind, wird unsere Autos verändern." Das ist schon jetzt zu beobachten. Die neue Mercedes S-Klasse etwa ist zunächst als Langversion entwickelt worden. Chinesische Käufer lassen sich gern chauffieren. Besonderes Augenmerk wurde auf den Komfort im Fond gelegt. Von Massagesitzen bis zu Airbags in den Sicherheitsgurten, die liegende Passagiere schützen.

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Können die chinesischen Hersteller den Rückstand auf Europa aufholen? Während koreanische Hersteller von einer Modellgeneration zur nächsten rasant aufholen, hinken chinesische Autos technisch nach wie vor deutlich hinterher. "Die Chinesen sind erst seit ein paar Jahren im internationalen Geschäft. Vorher haben sie nur einen abgeschotteten Markt bedient", begründet Stürmer den Abstand. Doch der könnte schnell schrumpfen. Denn immer mehr chinesische Hersteller arbeiten mit etablierten Europäern zusammen, investieren in Technik und stellen zunehmend auch europäische Manager und Ingenieure ein. Quoros hat das bereits konsequent umgesetzt. So wurde die Limousine "3" von Ex-Mini-Designer Gert Hildebrand gezeichnet, die Technik in Europa bei Magna entwickelt, und für strategische Entscheidungen ist Ex-VW-Manager Volker Steinwascher zuständig.

Wird es bei Zwangs-Joint-Ventures für Europäer bleiben? Um in China Fahrzeuge produzieren zu dürfen, müssen ausländische Hersteller mit lokalen Anbietern zusammenarbeiten. So produziert BMW gemeinsam mit Brilliance 3er und 5er, Daimler ist Partner des chinesischen Herstellers BYD. Obwohl die massive Gefahr besteht, dass Know-how abwandert, haben sich die Europäer nicht von diesen Zwangs-Joint-Ventures abschrecken lassen. Zu verlockend sind die Milliardengewinne, die der chinesische Markt verspricht. "Wir sehen keine Anzeichen, dass die Zentralregierung hier etwas verändern wird", so Stürmer.

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Was tut China gegen den Smog in den Metropolen? Erstmals seit Jahren gibt es Anzeichen, dass die Regierung den Umweltschutz künftig ernster nimmt. "Wir können nicht auf Kosten der Umwelt produzieren, bauen und konsumieren", sagte Chinas Regierungschef Li Keqiang in Frühjahr. Ein Umdenken ist nötig, von den zehn Städten mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit liegen sieben in China. Schnell wird es eine Veränderung allerdings nicht geben. Der Kampf gegen die Luftverschmutzung sei eine langwierige Aufgabe, so Li Keqiang. Smog gebe es nicht erst seit ein paar Tagen. "Eine Lösung braucht Zeit." Und obwohl die Feinstaubbelastung in den Städten vor allem an der Industrieproduktion und nicht an den Autos liegt, hat die Regierung im Frühjahr strengere Emissionsvorschriften für Fahrzeuge in den großen Metropolen verabschiedet.

Daimlers chinesischer Partner BYD hat schon früh mit der Entwicklung von Elektroautos begonnen.

Wie wird sich der Markt für Elektrofahrzeuge in China entwickeln? Eine mögliche Lösung des Smogproblems in großen Städten könnten Elektroautos sein, die lokal emissionsfrei fahren. Die chinesische Regierung gibt bereits finanzielle Anreize für den Kauf eines Elektromobils. So erhalten Käufer bis zu 60.000 Yuan (etwa 7400 Euro) Zuschuss vom Staat. Kein anderes Industrieland zahlt derart hohe Prämien. Und auch die Automobilindustrie bekommt Zuschüsse. Mit umgerechnet elf Milliarden Euro unterstützt die Regierung die Entwicklung von Elektrofahrzeugen. Auch ausländische Autofirmen wurden angehalten, entsprechende Modelle zu entwickeln. Chinas ehemaliger Premierminister Wen Jiabao gab die Zielmarke aus, dass bis 2015 eine halbe Million Elektroautos auf Chinas Straßen fahren sollen, bis 2020 sogar fünf Millionen. So bringt Daimler gemeinsam mit BYD in diesem Jahr ein lokal produziertes Fahrzeug unter der Marke Denza.

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Wie in Europa aber ist die Elektro-Euphorie bereits wieder schnell abgeebbt. "Die Käufer sind mit Preisen und Reichweite unzufrieden. Das wird sich erst ändern, wenn verbesserte Batterien auf den Markt kommen", so Stürmer. Die Zahlen geben ihm recht. Wie aus einer McKinsey-Studie hervorgeht, wurden in der Volksrepublik seit 2009 gerade einmal 10.000 Elektroautos verkauft. Das ist für die Regierung schmerzhaft, China hat nicht nur wegen der Umwelt aufs Elektroauto gesetzt. Die neue Antriebstechnologie, so hofften kommunistische Wirtschaftsstrategen, könnte dafür sorgen, dass die Karten in der Branche neu gemischt werden. Auf einen Schlag könnten BYD, FAW oder Dongfeng dann an Volkswagen und Toyota vorbeiziehen. Daraus wird wohl erst mal nichts.

China-Autos im Test

AUTO BILD testet in China Geely GX7 Great Wall H6

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