China gegen Deutschland

Mercedes-Benz E 200 Kompressor Mercedes-Benz E 200 Kompressor

China gegen Deutschland

— 27.07.2005

Die Preisbrecher

Zwei Welten in einer Fahrzeugklasse: Kann der Zhonghua von Brilliance gegen die doppelt so teure Mercedes E-Klasse bestehen?

Wie weit reicht der Preis-Vorsprung?

Es gibt wenig, was eine Autoredaktion so sehr spalten kann, wie chinesische Autohersteller. Für die einen sind sie interessante Exoten, die den Markt beleben, für die anderen Sendboten der automobilen Endzeit, die der heimischen Industrie den Todesstoß versetzen wollen. So oder so, sie sind da. Oder zumindest fast. Denn im Fall von Brilliance hat es der deutsche Importeur "Euro Motors" bislang noch nicht geschafft, eine funktionierende Vertriebsstruktur auf die Beine zu stellen. Das heißt, wer heute einen Zhonghua im Internet zu einem noch nicht endgültig festgelegten Preis bestellt, kann seine Limousine im Herbst in Bremerhaven abholen. Frühestens.

In unserem Vergleich muß sich der große Chinese schon jetzt mit dem teuersten Vertreter messen, den das obere Mittelfeld zu bieten hat: der E-Klasse von Mercedes-Benz. 36.656 Euro kostet der einzig verfügbare Vierzylinder-Benziner im E-Klasse-Programm (E 200 Kompressor, 163 PS). Entscheidet man sich für die von uns getestete Elegance-Ausstattung (1868 Euro) und einige Extras (Navigationssystem, Lederausstattung), dann kann man aber locker deutlich über 40.000 Euro ausgeben. Wer mit dem gleichen Geld bei Brilliance anrückt, darf neben einem voll ausgestatteten Zhonghua 2.4 (136 PS) auch noch etwas mehr als 20.000 Euro wieder mit nach Hause nehmen.

Würde es beim Autokauf nur nach der Devise "Geiz ist geil" gehen, wäre der Vergleich an dieser Stelle bereits entschieden. Halber Preis, volle Punkte, Pech für Mercedes. So einfach ist die Sache jedoch zum Glück nicht. Denn bereits nach wenigen Kilometern Fahrt zeigt sich, daß der Benz in anderen Bereichen Punkte gutmachen kann. Auf den ersten Blick muß sich der Zhonghua jedoch ganz und gar nicht vor dem deutschen Platzhirsch verstecken. Helle Ledersitze, Holzdekor, elektrisch verstellbare Sitze – serienmäßige Einrichtungsdetails, die bei Mercedes teuer zugekauft werden müssen.

Dem Chinesen fehlt's an Power

Auch beim Platzangebot kann der Chinese mithalten. Er ist gut sechs Zentimeter länger als die E-Klasse und dadurch im Innenraum sogar etwas geräumiger. Der Teufel steckt im Detail. Die hellen Ledersitze sind viel zu weich und bieten keinerlei Seitenhalt. Die gepolsterte Oberfläche des Armaturenbretts sieht nur auf den ersten Blick gut aus. An den Rändern franst der softe Überzug aus und ist schlampig verklebt.

Wenig Begeisterung kommt auch auf den hinteren Plätzen auf. Sind die viel zu weichen Polster auf Dauer nur ärgerlich, können die nicht verstellbaren Kopfstützen bei einem Unfall dagegen gefährlich werden. Seiten-Airbags für die hinteren Passagiere sind ebensowenig erhältlich wie Windowbags und das Stabilitätsprogramm ESP. Hier kann die E-Klasse glänzen. Neben der tadellosen Verarbeitung im Innenraum stimmt auch die Qualität der Materialien. Serienmäßig ist der Benz mit sechs Airbags und ESP unterwegs. Extras wie Xenon-Scheinwerfer oder Seitenairbags hinten gibt es wenigstens gegen Aufpreis.

Klare Verhältnisse auch auf der Straße. Der auf einem Mitsubishi-Motor basierende Vierzylinder des Brilliance hat seine liebe Mühe mit den 1410 Kilo China-Stahl. Für kurze Sprints fehlt dem Zhonghua schlicht die Kraft, die Viergang-Automatik arbeitet komfortabel, aber zu langsam. Wer auf 210 km/h Höchstgeschwindigkeit besteht, braucht zudem Mut: Die Bremsen des Zhonghua machen keinen standfesten Eindruck. Zudem untersteuert der Brilliance in schnellen Kurven so extrem, daß dabei jeglicher Fahrspaß auf der Strecke bleibt.

Fazit und Technische Daten

Kein Vergleich zur E-Klasse. Die ist mit dem zwangsbeatmeten Vierzylinder angemessen motorisiert und macht vor allem mit dem Sportfahrwerk (487 Euro) auch auf der Landstraße Spaß. Nervig ist nur das hakelige Sechsgang-Getriebe. Den Punkt "Aufsehen erregen" gewinnt aber der Brilliance. Nicht nur in der Redaktion.

Fazit von AUTOMOBIL TESTS-Redakteur Jochen Knecht: Auch in China kann man nicht zaubern. Es reicht nicht mal für ein konkurrenzfähiges Auto. Der üppig ausgestattete Zonghua ist konkurrenzlos günstig, sieht aber nicht nur gegen eine Mercedes E-Klasse alt aus. Noch. Denn die Chinesen lernen schnell und lassen Niederlagen nicht auf sich sitzen.

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