Chrysler 300D trifft Chrysler 300C

Chrysler 300D trifft Chrysler 300C

— 02.06.2005

Ruf der Wildnis

Mit einem 300C und einem 300D von 1958 war AUTOMOBIL TESTS auf den Spuren der Chrysler-Motoren-Legende Hemi-V8 unterwegs.

Nicht jeder V8 hat das Zeug zur Legende

An das erste Mal kann ich mich noch gut erinnern. Ich war 12 und der Arbeitskollege meines Vaters kam mit seinem neuen Auto vorbei. Es war ein Chevrolet Impala Cabrio. Viele Details sind mir von ihm nicht im Gedchtnis geblieben. Sein weies Verdeck war verschlissen, die Lederausstattung ebenfalls. Und die Auspuffanlage hatte ein Loch. Mindestens eins. Wahrscheinlich ging mir deshalb der Klang des V8-Motors durch Mark und Bein. Brabbelnd und mit niedrigen Drehzahlen sehe ich ihn noch heute von unserem Haus wegfahren.

Damals habe ich mich mit diesem irren Sound infiziert. Jedes vernnftige Auto braucht einen V8, soviel wurde mir damals klar. Doch im Laufe der Zeit wuchs auch die Erfahrung und damit die Erkenntnis: V8 ist nicht gleich V8. Und es gibt nur einen Achtzylinder, um den sich selbst heute noch Legenden von unbndiger Kraft und konkurrenzloser Leistung ranken: den HEMI-Motor von Chrysler.

Das Besondere des Motors sind die "hemispherical combustion chambers", also hemisphrische (halbkugelfrmige) Brennrume. Bei niedriger Verdichtung hat er einen hheren Wirkungsgrad als vergleichbare Motoren und damit mehr Leistung. Die Idee dieser Konstruktion stammt zwar nicht von Chrysler, doch der Konzern nahm als erster diese Bauart in Serie. Mitte der fnfziger Jahre war die Zeit dafr reif, schlielich wollte man dem Ford Thunderbird und der Corvette endlich Paroli bieten.

Vom Fire-Power zum Hemi

Aus knappem Budget wurde im Oktober 1954 der C-300 gezaubert. Ein zweitriges Modell, das die Fahrleistungen eines Sportwagens mit Alltagsnutzen verbinden sollte. Aus Kostengrnden basierte er auf dem Chrysler Windsor, von dem auch die vordere Stostange und die Parkleuchten stammten. Den zweiteiligen Khlergrill steuerte der Chrysler Imperial bei. Genauso wie das Armaturenbrett. Mit einer Ausnahme: Die Skalierung des Tachos reichte im Coup bis 150 Meilen (240 km/h) statt bis 120 Meilen. Aus gutem Grund: Die Hchstgeschwindigkeit des 300er lag bei 210 km/h.

Improvisiert wirkt auch heute noch die Namensgebung. Das C steht fr Chrysler, die Ziffern fr die Leistung des Hemi-V8, der damals von Chrysler Fire-Power getauft wurde. Der Grundstein fr die beispiellose Karriere der 300er-Serie, wie man sie fortan nannte, war gelegt. Den jhrlichen Modellwechseln folgten alphabetisch geordnet die Buchstaben. 300B, 300C und so weiter. Die ra der sogenannten Letter-Cars begann.

1965 war Schlu. Mit dem L kam das Aus nach 14.269 produzierten Exemplaren der "Buchstaben-Autos". Erst der 300M fhrte ab 1998 den Stammbaum dieser langen automobilen Vorgeschichte fort, bei der selbst Fahrer eines Porsche 911 neidisch werden. Doch der Erfolg bleibt angesichts der halbherzigen Umsetzung aus.

Der 300D ist nichts fr Kleingeister

Vor zwei Jahren folgte schlielich die korrekte Adaption der Geschichte in die Neuzeit. Der 300C schneidet namentlich zwar einige alte Zpfe ab, doch unter dem Blech steckt wieder die Technik, die Chrysler fast 50 Jahre zuvor zum gefrchteten Gegner auf allen Rennstrecken und Straen machte: Hemi-V8 und Heckantrieb. Gemeinsam mit uns trifft die Neuauflage den Urahn, der ihr trotz fnf Jahrzehnten Unterschied am hnlichsten sieht: den 300D der Buchstabe verrt es aus dem Jahr 1958.

Angefangen bei der Form des Khlergrills, dessen Waben oder den markanten Doppelscheinwerfern zelebriert der Neue die Vergangenheit, ohne dabei peinlich zu wirken. Obwohl auch er mit mehr als fnf Metern Lnge alles andere als klein ist, steht er beinahe zierlich neben dem 300D. Zu imposant sind die Ausmae des in "Matador Red" lackierten Fahrzeugs. Auf 5,5 Meter streckt er sein Blech. Der vergleichsweise kurze Radstand betont dabei die groen berhnge der Karosserie, besonders hinten. Hier mit jedes Seitenteil 2,54 Meter in der Lnge. Ein ganzer Smart ist vier Zentimeter krzer.

Geklotzt statt gekleckert wurde nicht nur hier. So verraten gleich 13 (!) 300er-Embleme selbst einem Laien, vor welchem Modell gerade steht. Die grten Logos befinden sich dabei an den hinteren Flanken, mit fast 13 Zentimetern Durchmesser.

Rock 'n' Roll-Schaukel mit Ledercouch

Alles andere als alltglich ist auch der Einstieg in das noch originale, unrestaurierte Innenleben des 300D. Hier ist Vorsicht geboten. Schlielich streckt sich die Frontscheibe um die A-Sule, reckt ihre Auslufer bei geffneter Tr in gefhrliche Nhe zu den Knien. Aufpassen lohnt also, besonders bei diesem Exemplar. Denn nur zwlf Stck wurden weltweit mit einer roten Lederausstattung bestellt und ausgeliefert. Bei den 607 anderen waren die Sitze im beigen Ton der Trverkleidung gehalten.

Die richtige Position findet sich dank elektrischer Sechs-Wege-Verstellung des Gesthls schnell. Kleiner Nachteil: Verstellt wird immer nur die ganze Bank, die bis zu zwei Beifahrer mssen sich den Wnschen des Fahrers fgen. Im aktuellen 300C ist das freilich nicht mehr so. Fahrer- und Beifahrersitz fahren zwar elektrisch, aber unabhngig voneinander in jede gewnschte Position. Auerdem stehen mittlerweile zwei verschiedene Farben fr die ebenfalls serienmige Lederausstattung parat. Nur mit der im Vergleich zur Fensterlinie tiefen Sitzposition wirkt er bei weitem nicht so luftig wie der 58er. Eher heimelig und solide wie eine Burg im Mittelalter. Das wagenradgroe Lenkrad rundet dieses Bild stimmig ab.

Das hat scheinbar bei Chrysler Tradition. Schon beim 300D sprengt das Volant mit 43 Zentimetern Durchmesser bekannte europische Dimensionen. Deshalb und auch wegen der konturlosen, weichen Sitze glaubt man kaum, mit welchen Worten er am 5. Dezember 1957 der ffentlichkeit vorgestellt wurde. Clair Briggs, damaliger Vizeprsident von Chrysler, nannte ihn "ein Hot Rod fr Bnker".

Keine Dmmatte strt das Hrerlebnis

Lssig cruisend die Gegend erkunden ja, vorstellbar. Hemmungslos heizen dagegen weniger. Wenn unter der Motorhaube nur nicht dieser legendre Fire-Power-V8 wre. Also anlassen, fahren, spren. Gestartet wird der Alte brigens nicht mit einem Schlssel, sondern ber Tastendruck auf "Neutral" der Automatik, links vom Lenkrad. Kurz jault der Anlasser, ehe der V8 anspringt. Irre, wie laut acht Zylinder und 16 von einer Nockenwelle angetriebene Ventile klingen. Hier "strt" keine Dmmatte den Schall und auch keine Kunststoffabdeckung. Rchelnd ziehen 6,4-Liter Hubraum ihr Gemisch durch zwei Vierfachvergaser.

Bei jedem Gassto wtet der V8 vorn unter der Haube, schreit zornig, aggressiv und schttelt das Auto dabei mit der Drehrichtung der Kurbelwelle. Kraft pur. Unseren Respekt hat der Chrysler auf jeden Fall. Gekonnt zirkelt ihn sein jetziger Besitzer Patrik Strub ber die Landstraen. Warmgefahren, gibt er ihm mit Kickdown einmal die Sporen. Die Dreigang-Automatik schaltet einen Gang herunter und das Getse des Achtzylinders macht jede Unterhaltung nahezu unmglich.

380 PS mobilisiert der Motor. Das reicht fr knapp acht Sekunden aus dem Stand bis Tempo 100. Hchstgeschwindigkeit: 217 km/h. Werte, ber die man heute milde lchelt und die nicht nur der Neue um Welten toppt. Doch vor 50 Jahren brannte der 300D damit atemberaubende Werte in den Asphalt. Selbst ein Mercedes 300 SL war nicht schneller auf Tempo. Nur in Kurven fhrt die damalige Konkurrenz aus Europa dem Ami um die Ohren. Schon bei moderatem Tempo wimmern die Reifen Marke BFGoodrich Silvertown um Gnade. Das ist nicht seine Welt. Das war sie auch 1958 nicht. Gegner an der Ampel verblasen, sie auf dem Drag Strip das Frchten lehren, schon eher. Deshalb bot Chrysler den Kunden verschiedene bersetzungen an.

Technische Daten von 300C & D

Heute ist das anders. Unter dem Blech des 300C steckt die Mercedes E-Klasse. Damit ist er zwar immer noch kein Kurvenstar, zeigt sich Biegungen jedoch nicht ganz so abgeneigt. Wie bei seinen Ahnen ist schnelles Reisen seine Domne. Dazu pat der 5,7-Liter-Hemi-V8. Sein Sound? Schallgedmmt, streng nach Gesetz, klingt er nicht annhernd so wie damals. Wahrscheinlich nicht mal mit einem Loch im Auspuff.

Technische Daten 300C: V8, vorn lngs Heckantrieb 16 Ventile automatisches Dreigang-Getriebe Hubraum 6424 cm Leistung 280 kW (380 PS) bei 5200 U/min max. Drehmoment 590 Nm bei 3600 U/min 0100 km/h 7,7 s Hchstgeschwindigkeit 217 km/h Normverbrauch (l/100 km) k.A. Leergewicht 1922 kg Preis 5173 Dollar (1958)

Technische Daten 300D: V8, vorn lngs Heckantrieb 16 Ventile automatisches Fnfgang-Getriebe Hubraum 5654 cm Leistung 250 kW (340 PS) bei 5000 U/min max. Drehmoment 525 Nm bei 4000 U/min 0100 km/h 6,4 s Hchstgeschwindigkeit 250 km/h Normverbrauch 12,3 Liter Super Leergewicht 1910 kg Preis 49.950 Euro

Autor: Dietrich Erben

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