Citroën REVOLTe/VW E-Up!/Trabant NT

Citroën REVOLTe/VW E-Up!/Trabant nT

— 05.10.2009

Die neuen Volks-Wagen

Als Deutschland noch geteilt war, hießen unser Volks-Wagen Käfer, Trabant und Ente. Jetzt wollen drei Stars der IAA 2009 an diese Legenden anknüpfen. Reißen VW E-Up!, Trabant nT und Citroën REVOLTe wieder Mauern ein?

Als der Frühnebel sich verzieht, nehmen die drei Kandidaten Konturen an. Eine bunte Bande, lila, gelb, hellblau. Ein Trio, das vieles gemeinsam hat: Elektroantrieb unter der Haube, Solarzellen auf dem Dach, das moderne, fast klinische Interieur des 21. Jahrhunderts. Was sie aber wirklich vereint, sind die Legenden, denen sie nacheifern. Käfer, Trabbi, Ente – die automobilen Volkshelden des 20. Jahrhunderts. Geht das heutzutage überhaupt noch? Ein Modell, das die Massen bewegt in einer Welt, in der sich jeder von der Masse abheben will? Alle drei – VW E-up!, Trabant nT, Citroën REVOLTe – rufen: Wir sind das Volk! Aber wer hat wirklich das Zeug zum Volks-Wagen von morgen?

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Gretchenfrage: Lohnt es sich wirklich, den Trabbi neu aufzulegen?

"Der Besucheransturm war riesig", sagt IndiKar-Geschäftsführer Ronald Gerschewski, als der Stand auf der IAA 2009 wieder geräumt ist. IndiKar ist einer von drei Partnern, die den "New Trabant" entwickelt haben. Die Idee entstand durch ein Modell des Spielzeugautobauers Herpa. Das war 2007. Die Resonanz war riesig. Ein 1:1-Modell sollte her, 12.000 Menschen machten Änderungsvorschläge zum Design. Und Nils Poschwatta machte sich an die Arbeit. Der damalige VW-Designer sah im neuen Trabbi seine Chance. Nicht zu nah am Original sollte der Nachfolger eigentlich sein, und einen Elektroantrieb musste er haben, "weil selbst ein sparsamer Verbrennungsmotor unter diesem Stinker-Image des Trabbi gelitten hätte", wie Gerschewski sagt. Nun ist es doch sehr retro geworden. Innen der Schaltknauf wie zu Zeiten des VEB Sachsenring. Außen die kurzen Heckflossen. Der Wagen 30 Zentimeter länger als das Vorbild. Die Front erinnert ein wenig an den VW 411. Rechts neben dem Lenkrad die unvermeidliche iPod-Station. Wer soll das kaufen, falls es je zu kaufen sein wird? Und zu welchem Preis? "Der Akzeptanzpreis geht bis unter 20.000 Euro, ohne Akkus", sagt Ronald Gerschewski. Die alte Rennpappe war aus Duroplast. Die Karosserie des "nT" wird aus Thermoplast sein – faserverstärkt. Alles klappert, ein von der Messe arg mitgenommenes Showcar. Da drücken wir ein Auge zu. Thomas Winkelmann, Vorsitzender des Trabant-Clubs Zwickau, kennt den "New Trabi" bislang nur vom Foto. "Der gefällt mir nur mittelmäßig. Eine Wiederbelebung der Marke Trabant wird nicht funktionieren." Und Harri Engelmann, Ex-Trabbi-Verkäufer und heute Buchautor, sagt: "Das Auto mag ja nicht schlecht sein. Aber mit der Marke Trabant heute zurück auf den Markt zu kommen – die Vorstellung ist albern."

Der VW E-up! macht den serienreifsten Eindruck der drei IAA-Studien

Könnte so kommen: Der VW E-up! macht den Eindruck baldiger Serienreife.

Ursprünglich sollte der Motor im Heck sein, die Hinterräder antreiben. Der moderne Käfer sollte auf den Hinterbeinen krabbeln. Das wurde dann zu teuer, und nun steht der E-up! da, mit Elektromotor unter der Haube und ist der Vorbote der für VW wichtigsten Modellfamilie der nächsten zehn Jahre. Schon 2011 kommt der up! mit zehn Zentimeter längerem Radstand, mit vier Sitzen und Dreizylinder-Benziner zu volksnahen Preisen ab 8500 Euro. Eine Million Stück sollen pro Jahr gebaut werden. Dann purzeln Schlag auf Schlag die up-leger. Kurz, lang, offen, Fünftürer, abgespeckt für Indien, aufgemotzt für Amerika, 2013 dann das Elektroauto, kurz wie die Studie. Der VW ist der Seriöse unter den dreien: modernes, weltmarkttaugliches Kleinstwagendesign. Der E-Prototyp fährt sogar, ein Soundgenerator liefert Motorengeräusch. Ein Cockpit wie für die iPhone-Generation. Im up hat der Fahrer das Gefühl, in einem vollwertigen Auto zu sitzen, während er Lüftung und Klimaanlage einstellt und der Computer die aktualisierte Reichweite der Akkus errechnet. Kein Sardinendosen-Feeling in Schulterhöhe, gute Rundumsicht für die engen Innenstädte. Der E-up! sieht schon so serienreif aus. Warum dauert das noch vier Jahre? Mehr Auto braucht kein Mensch. Sicher, der erste Günstig-up muss und wird fürs Volk verständlicher und volksnäher werden. Und weniger schmerzhaft mit einer echten Rückbank. Denn wer in diesem 3+1-Sitzer hinten Platz nimmt und über 1,85 Meter groß ist, bekommt schnell die Volkskrankheit "Rücken", doch es kommt noch schlimmer.

Denn da ist ja noch der Citroën REVOLTe, die Edel-Ente aus Paris. Motorhaube in 2CV-Optik, Heckklappe, Grillumrandung und Heckleuchten ebenso. Luxus ist das Thema dieser Elektro-Studie, die mal als Plug-in-Hybrid verkauft werden soll. Ist Luxus dem Volk zu verkaufen? Auch wenn die Krise mal ein Ende haben wird? Eine "Antithese zur Ente" soll der REVOLTe sein: breit und flach statt schmal und hoch. Man könnte auch sagen: eine alte Ente, auf die sich ein Elefant gesetzt hat. War der Citroën 2 CV noch puritanisch, so zeigt sich der Enten-Enkel jetzt verschwenderisch – inklusive roten Plüschs im Fond. Da kann sich das Volk herrlich lümmeln, solange das Volk auf Liliput lebt und sich dort hinten nicht anzuschnallen braucht. Der Schalensitz soll zeigen, wie ein Elektroauto beschleunigt, weil das Drehmoment sofort verfügbar ist. Aber Volks-Wagen haben keine Schalensitze und auch kein ledernes Rollverdeck. Citroën nimmt hier absichtlich sein ehemals nacktes Federvieh auf die Schippe. Irgendwie wirkt der REVOLTe wie eines dieser verrückten Kleider, das einen Abend lang von einem mageren Supermodel auf dem Pariser Laufsteg getragen wird – und dann nie wieder. Aber stellen Sie sich mal vor, die aufgetakelte Studie käme in ein paar Jahren im schlichten Alltagsanzug daher – spätestens dann würden wir doch alle wieder auf die Ente fliegen, oder!?
Hauke Schrieber

Hauke Schrieber

Fazit

Wer im 21. Jahrhundert ein echter Volks-Wagen sein will, muss mehr bieten als die optische Erinnerung an einen alten Klassiker gepaart mit moderner Technik. Wagen, die das Volk millionenfach liebte, hatten immer etwas Zeitloses. Mit der Mode zu gehen wie der REVOLTe ist da ebenso der falsche Weg wie der Versuch, automobile Ostalgie verkaufen zu wollen. Nur der VW up will und kann eine neue Volksbewegung auslösen. Aber das wird in Zeiten der Globalisierung viel schwerer als vor 60 Jahren. Das Volk hat die Wahl, überall, auch in Indien und China. Das entscheidet heute über den Erfolg.

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