City-Maut in London

City-Maut in London City-Maut in London

City-Maut in London

— 17.02.2003

Geld oder U-Bahn

London erstickt am Verkehr – und sein Bürgermeister hasst Autos. Ab Montag soll nur noch ins Zentrum fahren dürfen, wer 7,50 Euro täglich berappt. Macht 2000 Euro im Jahr!

Täglich-Fahrer zahlen 2000 Euro im Jahr

Von Thomas Kielinger Dorie Levy hat ein Problem. Das teilt sie mit vielen Einwohnern dieses Asphalt-Leviathans, genannt London. Sie weiß nicht, wo sie ihr Auto lassen soll am Abend, eigentlich zu jeder Tageszeit, in der sie hilflos kurvend einen Platz sucht für ihren Vauxhall Vectra. Sie wohnt in der Stanhope Terrace, unweit vom Hyde Park, einem parkraumkontrollierten Wohnviertel, wo eine Abstellberechtigung 80 Euro im Monat kostet; aber dies "Resident Parking Permit" garantiert natürlich noch keinen Platz, wenn der Straßensaum dicht an dicht besetzt ist von Anwohnern, die schneller als Dorie waren.

Ein altes Lied, für das es bisher nur eine Abhilfe gab: Das Parking Permit erlaubt es Ms Levy, bis in die obere Oxford Street hinein zu parken, etwas weit weg, aber immerhin. Blechverstopfung, dein Name sei London. Am Montag aber wird der tägliche Asphaltkampf für Dorie Levy seine nächste Stufe erreichen: Die Oxford Street, ihre letzte Hilfe, liegt in einer neuen Zone, in die man dann nur mit einer werktäglich zu entrichtenden Gebühr von fünf Pfund (rund 7,50 Euro) hineinfahren kann – der "Congestion Charge".

Schnell umgerechnet: Vier Wochen mal 25 Pfund macht 100 Pfund im Monat, 1200 Pfund (rund 1800 Euro) im Jahr: Das Auto, der Zivilisation geliebtes und verfluchtes Kind, wird Frau Levy und ihresgleichen endgültig hinwegbesteuert. Wer in der Stanhope Terrace wohnt, mag es sich eben noch leisten können. Der Handwerker aber, die Krankenschwester, der Kellner, die alle beruflich das innere Sanktuarium der Hauptstadt ansteuern müssen, stehen vor einer Grundsatzentscheidung: Zahlen bis zum Umfallen – oder umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel, die Intensivpatienten auf Londons Siechenstation. Nichts anderes will Bürgermeister Ken Livingstone erzwingen.

Spektakuläres Experiment des "roten Ken"

Der "rote Ken", stolz darauf, keinen Führerschein zu besitzen, bekannte schon 1999: "Ich hasse Autos. Wenn ich je wieder die Macht dazu bekäme, würde ich sie alle verbieten." Die Macht bekam er bei seiner Wahl zum Bürgermeister im April 2000. Verbieten kann er nicht, aber es immer teurer machen, mit eigenem Wagen ins Zentrum zu fahren, das kann und wird er.

Am 17. Februar 2003 also beginnt in der Acht-Millionen-Stadt eines der spektakulärsten Experimente moderner Verkehrssanierung: London als Labor, wie es Städteplaner sich wünschen. Das acht Quadratmeilen große Herz der Stadt – inklusive City, Westend und den südlich der Themse gelegenen Stadtteilen Lambeth, Newington und Southwark – wird einem rigorosen Gebührenregime unterworfen.

Hat das Londoner Experiment Erfolg, wird es Nachahmer finden in Metropolen, die vor ähnlichen Fragen stehen wie die im Permastau erstarrte britische Hauptstadt. Scheitert es, wird die Hoffnung auf Verkehrssanierung in überfüllten, unnavigierbaren Städten Trauer tragen müssen.

800 Kameras haben die City im Griff

Und so geht es: An 165 "Entry Points" entlang des Straßenrings, der die "Congestion Charge"-Zone säumt, hat die Behörde "Transport for London" (TfL) 688 Kameras installiert, die jeden erfassen, der sie kreuzt. Hinzu kommen 128 Kameras in der Zone und zehn mobile Patrouillen, die nichts anderes tun als knipsen, knipsen, knipsen. Big Brother im Großeinsatz. Kostenpunkt für die bisherigen Hightech-Installationen: rund 200 Millionen Pfund, heißt es.

Glaube keiner, sein Nummernschild werde nicht irgendwo zwischen 7.00 Uhr früh und 18.30 Uhr, dem Zeitraum der Zahlungspflicht, erfasst und an die Datenbank der Firma Capita gegeben, die auch die Gebühren eintreibt. Nur wer in der Ringzone lebt, darf aufatmen: Ihm werden 90 Prozent der Gebühren erlassen. Einsatzfahrten von Ärzten, Ambulanz, Feuerwehr sind gebührenfrei, Kleinbusse ab neun Sitzplätzen auch sowie Autos mit alternativem Brennstoffantrieb.

Man kann online zahlen, per Kreditkarte an speziellen Maschinen oder sich bei den Call-Centern registrieren lassen. Aber bitte nicht später als 22.00 Uhr. Danach wird eine Spätgebühr von fünf Pfund extra fällig. Hat man bis Mitternacht nicht bezahlt, wird es brutal: 125 Euro Strafe – halbiert, wenn man binnen 14 Tagen nachkommt. Schiebt man es über 28 Tage auf, steigt die Strafschuld auf 200 Euro. Bei wiederholt missachteter Aufforderung, die Gebühr zu entrichten, kommen die Häscher persönlich, kassieren das Auto und versteigern es, um auf ihre Kosten zu kommen.

Im Idealfall ein perfektes System. Dass er nicht eintritt, hoffen Hunderttausende Autofahrer. "Hope springs eternal", sagt man hier – die Hoffnung stirbt zuletzt. Und zahlen sollen doch bitte erst mal die anderen: Die Londoner Webcams zeigen am Montag ein auffällig leere Stadt. Was aber auch daran liegen kann, dasss Schlingel Livingstone den Maut-Start auf den Ferienbeginn gelegt hat...

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