Claer CT/4 993

Claer CT/4 993

— 17.12.2002

Als wär's ein Stück von Porsche

Er hat den Motor aus dem Porsche Turbo, das Cockpit aus dem GT 3 und viel Platz für Kinder. Was das ist? Ein 273 km/h schneller VW Bus!

Ein Bus wie ein Hammerschlag

Ein VW Bus? Na ja, jedenfalls die Basis. Für den Rest sorgt Rüdiger Claer. Der Tuner aus Weisel veredelt VW T4 und T3. Bis nahe an den Komplettumbau. Vier hauseigene Gebote bestimmen sein Tun(ing): • Der Bus soll so schnell sein wie ein Porsche • Der Bus soll sich fahren wie ein Porsche • Der Bus soll sich anfühlen wie ein Porsche • Der Bus soll aussehen wie ein Porsche. Zumindest von innen.

Das Ergebnis: der CT/4 993, und der trifft Unvorbereitete wie ein Hammerschlag. Den Autor dieser Zeilen stellt er vor gehörige Probleme. Wo anfangen, wo aufhören? Vielleicht am besten der Reihe nach: Claer implantiert zunächst einen Porsche-Motor in den Bus. Das Aggregat aus dem 993 Turbo soll dem T4 Flügel verleihen. Demnächst wird auch der Turbomotor aus dem aktuellen 996 zum Einsatz kommen.

Normalerweise sitzt so ein Motor im Heck eines Porsche. Auch in einem VW will das Kraftwerk seinen Stammplatz einnehmen. Beim Heckmotor-T3 kein Problem, beim frontmotorisierten T4 eine knifflige Angelegenheit. So sind im Claer-T4 im vorderen Teil des Busses nur Tank, Standheizung und zwei Batterien anzutreffen. Alle relevante Technik wandert in den Kofferraum. Die gesamte hintere Hälfte des Gepäckabteils nimmt der Boxermotor ein. Und trotzdem: Auf der Hinterachse lasten nur 30 Kilogramm mehr Ballast als auf der vorderen.

Rezept: wenig Bus, viel Porsche

In dieser Konfiguration leistet der Bus 408 PS. Zu wenig für Claers Geschmack. Schließlich wiegt so ein Bus mehr als zwei Tonnen, leidet unter einem grauenhaften Luftwiderstand und kann (im Claer-Trimm) bis zu sechs Personen schleppen. Der Veredler spendiert dem Bus deshalb eine deftige Leistungssteigerung. Allerdings nicht selbstgemacht – Motortuning gehört nicht zu seinem Arbeitsbereich. Die Firma Ruf übernimmt diesen Part. Der legendäre Porsche-Spezialist entlockt dem Aggregat 522 PS. Ein starker Motor allein macht aber noch nicht glücklich.

Kraft ohne Ende verträgt sich schlecht mit Vorderradantrieb. Viel Qualm und wenig Vortrieb wären das traurige Resultat. Claer fackelt nicht lange und verbaut einen Allradantrieb. Und rüstet bei dieser Gelegenheit gleich das komplette Fahrwerk um. Denn das Verbesserungspotenzial des serienmäßigen T4-Fahrgestells erwies sich als zu beschränkt. Der Tuner tauscht Federn, Stoßdämpfer, Querlenker und alles aus, was seinen hohen Ansprüchen nicht genügt. Die Hinterachse übernimmt sein Bus vom T3. Nur sie gewährt dem Motor den nötigen Freiraum.

Eigentlich könnte es Rüdiger Claer dabei bewenden lassen: VW T4 mit leistungsgesteigertem Porsche-Motor, Allrad- statt Frontantrieb und komplett modifiziertem Fahrwerk – kein Mensch kann mehr wollen. Aber Claer wäre nicht Claer, würde er sich an diesem Punkt schon zufrieden geben. Als Nächstes wirft er das serienmäßige T4-Gestühl raus. Gut so, denn auf einer durchgehenden Dreier-Sitzbank kommt wirklich keine Stimmung auf. Außerdem tut es dem Nachwuchs gut, sich bereits in jungen Jahren in enge Schalensitze zu zwängen. Wer sich früh an knallhartes Sportgestühl gewöhnt, der verlangt auch später nach nichts anderem – so funktioniert Erziehung.

Sinnestäuschung mit Gefahrenpotenzial

Claer verleiht dem Bus somit einen völlig neuen Charakter. Nix trister Transporter, nix fade Familienkutsche, hier regiert reinrassige Renn-Romantik. Dafür bürgt neben den sechs Vollschalen vor allem das Cockpit. Hier hat sich der Veredler selbst übertroffen. Lenkrad und Instrumente stammen aus dem Porsche 996 GT3. Der Schaltknüppel ebenfalls. Er thront auf einem mächtigen Mitteltunnel. Der ist für die Führung des Porsche-Getriebes nötig. Das ebenfalls im Heck sitzt.

Die Illusion ist perfekt: Bereits nach wenigen gefahrenen Metern manifestiert sich die Überzeugung, eine echte Zuffenhausener Sportkanone zu bewegen. Die hohe Sitzposition ist vergessen, die Sinne sind betört. Mit Wohlwollen registrieren die Hände den vorzüglich zu greifenden Volant, streicheln liebevoll den Knauf und erfreuen sich an dem etwas schwergängigen, aber exakten Getriebe. Das Auge verliebt sich unterdessen in die klassischen Armaturen. Sollte sich Porsche eines Tages entschließen, einen Bus zu bauen, müsste er genau so aussehen.

Natürlich hat diese Sinnestäuschung auch ihre gefährlichen Seiten. Schnell geht der Pilot heikle Kurven mit viel zu hoher Geschwindigkeit an. Beseelt von der beruhigenden Gewissheit: "Kein Problem, mein Porsche schafft das schon." Und er schafft es tatsächlich. Dem Fahrverhalten Porsche-Niveau zu attestieren wäre zwar übertrieben, einem normalen T4 ist der Claer-Bus aber um Lichtjahre voraus. Er geht leichtfüßig um die Kurven, Seitenneigung Fehlanzeige. Aber nur nicht übermütig werden: Beherzte Gaspedalstöße rufen giftiges Übersteuern hervor. Wie sollte es auch anders sein? Schließlich stehen 522 PS und 675 Newtonmeter auf Abruf bereit.

Der Spurt auf 100 km/h dauert 5,1 Sekunden

Untenrum tut sich wenig, erst Drehzahl weckt die Bestie. Auch hier entwickelt der Bus seinen ganz eigenen Stil. Der Motor spielt nicht so beschwingt und leichtfüßig auf, wie es eigentlich seine Art ist. Sein Tonfall verrät vielmehr, wie viel Schweiß es ihn kostet, den VW-Koloss auf Touren zu bringen. Doch der Spurt auf 100 km/h dauert laut Claer 5,1 Sekunden. Kann das wahr sein? Ich glaube schon. Die Vehemenz des Vortriebs lässt sich mit drei Worten beschreiben: heftig, heftig, heftig. Keine Übertreibung: Das jüngste Mitglied im Club der Supersportwagen heißt T4.

Zum Vergleich: Der neue Porsche Cayenne Turbo mit 450 PS genehmigt sich für den 100-km/h-Sprint eine halbe Sekunde mehr. Erst bei Tempo 273 erlahmt der Tatendrang des rasenden T4. Wahnsinn. Das reicht, um fast alles das Fürchten zu lehren, was vier Räder hat. Der Traum jedes T4-Fahrers wird wahr – einmal auf der linken Spur wildern. Auf der Autobahn beißt sich der Bolide rasch im Windschatten eines M3 fest. Der wird nervös, versucht den Verfolger abzuschütteln. Gelingt ihm nicht. Schließlich zieht der Bus mit Tempo 260 vorbei, umgeben von einer Aura majestätischer Gelassenheit.

Nur die dicken Auspuffrohre verraten, wie wölfisch es unter dem Schafspelz dieses T4 zur Sache geht. Ein Spoilersatz verleiht dem Bus nur eine gefälligere Form. Bedrohlich wirkt das Fahrzeug dadurch noch lange nicht. Die Ruf-Räder in 19 Zoll fallen nur Kennern ins Auge. Zum Abschluss der Schock: Der Umbau kostet extrem viel Geld. Der Tuner verlangt 168.000 Euro – ohne Basisfahrzeug. Inklusive T4 summiert sich der Preis auf glatte 200.000 Euro. Da muss man schlucken... Trotzdem: Streng an seinen vier Geboten orientiert, hat Claer etwas Einmaliges erschaffen. Der Glaube versetzt manchmal wirklich Berge.

Technische Daten

Die Firma Claer feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum. Trotzdem ist der Veredler aus dem hessischen Weisel den wenigsten ein Begriff. Kein Wunder, Claer bedient von jeher einen sehr speziellen Kundenkreis. Anfangs war der Tuner auf den Mercedes 190 spezialisiert. Er verpasste dem Baby-Benz SEC-Optik und breitere Backen. 1987 dann der Umschwung: Der erste VW T3 mit Porsche-Motor wurde fertig gestellt. Das Interesse war groß, ein Käufer schnell gefunden. Mehr als 40 Busse hat Claer inzwischen mit einem Boxermotor aus Zuffenhausen bestückt. Ein Umbau dauert bis zu 14 Monate. Abwechslung muss sein: Momentan baut Claer einen Mittelmotor-Käfer auf. Natürlich mit Porsche-Motor.

Technische Daten Claer CT/4 993 Sechszylinder-Boxermotor, hinten längs • Biturbo • 2 Ventile je Zylinder • Hubraum 3600 cm3 • Leistung 384 kW (522 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 675 Nm bei 5000/min • Allradantrieb • 6-Gang, manuell • Einzelradaufhängung • rundum innenbelüftete, gelochte Scheibenbremsen • Reifen 235/35 ZR 19 vorn, 265/30 ZR 19 hinten • Räder 8,5 x19 Zoll vorn, 10 x 19 Zoll hinten • Länge/Breite/Höhe 4789/1840/1890 mm • Leergewicht 2025 kg • Verbrauch ca. 18,5 l auf 100 km • Tankinhalt 135 Liter • Beschleunigung 0–100 km/h in 5,1 s, 0–200 km/h in 15,7 s • Höchstgeschwindigkeit 273 km/h • Preis ca. 200.000 Euro

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