Coast-to-Coast-Marathon (7. Teil)

Coast-to-Coast-Marathon (7. Teil)

— 05.08.2005

Von Salt Lake City nach Reno

Fahrdynamiktests auf dem legendren Bonneville Speedway bei Salt Lake City gewrzt mit Salz, Fata Morganas und Raketenstarts.

Fata Morgana ber der endlosen Weite

Mormonen trinken nicht, sind glubig und gehen frh zu Bett. Von wegen! Salt Lake City ist die Hauptstadt der Mormonen und wir versuchen, mehr ber diese Religion zu erfahren. "Ich bin Mormonin", sagt Esther von der Hotelrezeption und mu ber unsere Fragen schmunzeln. "Na ja", sagt sie, "einige Mormonen leben nach den Regeln, andere nicht." Also wie in jeder anderen Religion auch. Salt Lake City liegt am Fue eines imposanten Gebirgszuges und wie der Name schon sagt an einem riesigen Salzsee.

Die Dimensionen sind schwer einzuschtzen, da der Horizont sich im Westen im Hitzeflimmern verliert. "Da! Sind das nicht Khe?", fragt Holger, "oder Eisenbahnwaggons?" Irgendwas spiegelt sich in der endlosen Weite. Was es ist, bleibt unklar. Eine Fata Morgana. Die I 80 verluft am Sdufer des "Great Salt Lake", der rund 1500 Meter ber dem Meer liegt. Westlich davon erstreckt sich die groe Salzwste, auf der der berhmte Bonneville Speedway angesiedelt ist. Natrlich lassen wir uns diesen Leckerbissen nicht entgehen.

Die Zufahrt ist weder durch ein Tor, Schlagbaum oder Wrterhuschen blockiert. Jeder, der will, fhrt die paar Meilen auf der Asphaltpiste bis zum See und dann hinauf auf die weie Flche. Das Salz sieht aus wie frischer Schnee und klebt genauso unter den Schuhsohlen wie im Reifenprofil. Beim Bremsen und Driften gibt es schabende Gerusche so als wrde man ein Mbelstck verrcken, ohne es anzuheben. Der Salzsee ist ein ideales Testgelnde fr Fahrdynamikmanver. ESP, Bremsweg, Beschleunigung, Elastizitt wir haben zwar keine Megerte dabei, trotzdem nutzen wir die Chance fr Fahrversuche.

Fahrdynamiktests auf dem Salzsee

Der direkte Hchstgeschwindigkeitsvergleich zwischen ML 320 CDI und RX 400h ist besonders interessant bis 170 km/h liegt der Lexus beim Beschleunigungsduell vorn. Dann zieht der Mercedes souvern vorbei. Grund: Das Hybrid-SUV wird elektronisch bei Tempo 200 begrenzt; laut Tacho ist schon bei 190 Schlu. Und die sind fr den Diesel kein Problem. Die digitale Tachoanzeige wandert sogar auf 218 km/h klarer Sieg also fr den Mercedes. Gleiches gilt fr die Handlingversuche. Das Mercedes-Ruder bietet mehr Rckmeldung und spricht feinfhliger an.

Im Lexus dagegen verhrtet die Lenkung bei abrupten Richtungswechseln. Das ESP mu berstunden machen. Aber ich bin froh, da es serienmig an Bord ist. Denn ohne den elektronischen Rettungsanker wrde der Lexus mit Sicherheit tckische Reaktionen wie bersteuern an den Tag legen, und das ist in einem ber zwei Tonnen schweren Auto alles andere als angenehm. Beim Verbrauch zeigt der Diesel ganz klar seine Strke. Nach 60 Testkilometern auf dem Salzsee liegt er mit 15 Liter klar vor dem Lexus, der sich satte 24,5 Liter genehmigte. Klar, unter Vollast-Bedingungen hat der Hybrid keine Chance.

Sein V6-Benziner orgelt dann permanent mit voll aufgerissener Drosselklappe an der Drehzahlgrenze und braucht groe Mengen Sprit. Unter solchen Extrembedingungen hat der Selbstznder klare Vorteile. Allerdings ist sein Motoransprechverhalten nicht so spontan und lebendig wie das vom Lexus. Der ML 320 CDI wirkt eine Spur trger. Whrend sich der Lexus grazil wie ein Hrdenlufer bewegt, kommt mir der Mercedes wie ein Hammerwerfer vor: kraftvoll und solide wie eine deutsche Eiche (obwohl er in den USA gebaut wird).

Die Wagen holpern unruhig ber die Piste

Der Bonneville Speedway wirbt mit dem Slogan "The fastest place on earth", und mit diesem Superlativ drften die Amis ausnahmsweise einmal nicht bertrieben haben. Wie hier allerdings Weltrekorde mit Geschwindigkeiten von ber 1000 km/h aufgestellt werden, ist mir rtselhaft. Die Oberflche sieht zwar eben aus, aber unsere drei Testwagen holpern ganz schn unruhig ber die Salzpiste. Glatt wie ein Babypopo ist jedenfalls etwas anderes. Am Wochenende (6./7. August) ist hier wieder die Hlle los. Dann ist Bonneville Speedweek und viele wilde Rennwagen am Start vom Vorkriegs-Hotrod bis zum hypermodernen Raketenwagen. Fr Tempojunkies bedeutet dieser heilige Ort das, was fr einen glubigen Katholiken die Ostermesse auf dem Petersplatz ist: ein absolutes Mu.

Bonneville ist nicht nur ein Abenteuerspielplatz fr Automobilisten, sondern auch ausgefallenen Freizeitaktivitten frnen die Amis hier. Zum Beispiel Raketen abschieen. Kein Witz: In den USA gibt es eine Szene, die wettbewerbsmig Miniatur-Appolos in den Himmel jagt. Die Dinger fliegen acht Kilometer hoch und landen anschlieend mit einem Fallschirm. Damit man das gute Stck wiederfindet, ist es mit einem GPS-Ortungssystem ausgerstet. Jeder Start kostet etwa 2500 Dollar Treibstoff- und Motorkosten und wird mit Kameras und Hhenmegerten akribisch registriert. Hobbys gibt's, die gibt's gar nicht.

Viel gewhnlicher ist da, was "Sunshine" in ihrem Urlaub treibt. "Sunshine" lebt in LA, ist mit ihrem gelben Hummer unterwegs und zieht auf dem Anhnger ihre 25.000 Dollar teure Harley Davidson Road King. Ziel: Sturgis in South Dakota. Dort ist am kommenden Wochenende das legendre Harley-Treffen. "Sunshine" ist natrlich nur ein Knstlername. Ihren echten mag sie nicht verraten. "Man kann ja nie wissen, wozu ihr meine Fotos benutzt", meint sie bertrieben mitrauisch. Na ja, vielleicht hat sie mal schlechte Erfahrungen gemacht. Immerhin ist sie so offen, zuzugeben, wieviel ihr Hummer an Sprit verfeuert: "13 Meilen auf die Gallone." Also gut 18 Liter auf 100 Kilometer. "Sunshine", mge die Sonne weiter ber dir scheinen.

Ein Mann auf der Sonnenseite des Lebens

Richard Dixon steht schon seit Jahren auf der Sonnenseite des Lebens. Er rollt mit seinem nagelneuen Chevy SSR auf die Sinclair-Tankstelle bei Wendover. Der Chevy ist eine Mischung aus Pick-up und Klappdach-Cabrio. Unter der Haube sitzt ein Sechsliter-V8 mit 390 PS. Preis: 49.000 Dollar. Normalerweise jedenfalls, doch Richard hat gehandelt und das feuerrote Spielmobil fr 38.000 gekriegt. Der erbitterte Rabatt- und Preiskrieg zwischen GM, Ford und Co macht's mglich und auch vor Exoten wie dem Chevy SSR nicht halt.

"Ich liebe das Auto. Es hilft mir, mich wieder jung zu fhlen", sagt Richard. Bis vor kurzem hatte er 35 Autos. Fast alle verkauft. Nur Porsche 911, Mazda MX-5, Nissan Murano, Lexus LS 430, MG TC und den Lincoln Blackwood nicht. Auch den Mercedes 300 SL-Flgeltrer hat er versilbert. Schade eigentlich. Aber Richard hat bestimmt auch mit dem Rest seiner bescheidenen Sammlung viel Spa.

In Nevada wechselt die Zeit von Mountain in Pacific Time Zone wieder eine Stunde gewonnen. In New York ist es jetzt schon drei Stunden spter. Die I 80 verluft erst in rein westlicher, spter in sdlicher Richtung durch den Wsten- und Spielerstaat. Straen gibt es wenig. Nur ein paar asphaltierte Nord-Sd-Pisten verknpfen die Provinz mit dem Interstate. Der Rest sind Schotterwege ins Nirgendwo.

Wettrennen mit der Eisenbahn

Parallel zum Interstate verluft die Bahntrasse und wir haben mehrfach Gelegenheit, uns Wettrennen mit den Gterzgen der Union Pacific zu liefern. Ein chancenloses Unternehmen fr die Bahn. Die rollt stur mit 60 km/h.

Mit dem Sonnenuntergang erreichen wir Reno. Doch dunkel wird es hier nie. Wie in Las Vegas: Die allgegenwrtige Neonreklame illuminiert das Spielerparadies mit mehreren Millionen Watt. Werbung, wohin das Auge blickt. Vor allem die Casinos blinken hell und aggressiv. Die drei Edel-SUV passen perfekt hierher. Nicht wenige, die in Reno ihr Glck machen, entscheiden sich fr Lexus oder Mercedes.

Ob sie sich dabei auch von Benzin-Verbrauchsaspekten leiten lassen, ist fraglich. Fr uns bleibt das die zentrale Frage. Morgen wird abgerechnet. Es geht nach San Fransisco. Das heit Showdown: Wie war der Verbrauch Coast to Coast? Wer ist der Verbrauchssieger? Mercedes oder Lexus? Das Fazit gibt es im letzten Teil unseres Coast-to-Coast-Marathons.

Autor: Jrg Maltzan

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