Corvette C6

Corvette C6 Corvette C6

Corvette C6

— 20.04.2004

King Corvette auf Porsche-Kurs

Das Urmaß amerikanischer Sportwagen ist seit 50 Jahren die Corvette. Die sechste Generation riskiert formal nichts – technisch schon.

Interieur deutlich über Mietwagen-Niveau

Schaut hin, aber traut euren Augen nicht! Dieser Roadster sieht auf den ersten Blick aus wie die bekannte Chevrolet Corvette, ist aber eine komplett neue Version des klassischen amerikanischen Sportwagens. Der hat sich seit 1953 über fünf Generationen und als einzig wahrer amerikanischer Sportwagen in die Herzen von mittlerweile 1,4 Millionen Kunden gebrannt.

Doch in Europa tut die Vette sich als Porsche-Konkurrent schwer. Ausladende Karosserieform und lausige Qualitätsanmutung beim Interieur finden wenig Gegenliebe. Das soll sich mit der sechsten Modellgeneration ändern. Die ab Herbst 2004 (Coupé ab Mitte 2004) produzierte Corvette C6 Convertible hat deutlich abgespeckt und misst ab sofort genauso lang, nur geringfügig breiter, aber flacher als ein Porsche Carrera Cabriolet. Und ebenso wichtig: Ihr Interieur liegt jetzt deutlich über Mietwagen-Niveau.

Trotz formaler Nähe zum Vorgängermodell fänden alle Gleichteile in nur einer Hand Platz, tönt stolz Dave Hill, GM-Entwicklungschef für Corvette und den auf gleichem Chassis basierenden Roadster Cadillac XLR. Wie beim XLR überbaut auch die Kunststoff-Karosserie der Corvette ein selbsttragendes Chassis aus hydrogeformtem S-Stahl. Hill schwärmt von der verwindungssteifen Struktur, dem neuen, drehfreudigeren Motor (jetzt ganz aus Aluminium), den höheren Fahrleistungen, dem verbesserten Handling und den stärkeren Bremsen seines Babys.

Neu entwickelter 6,0-Liter-V8 mit 405 PS

Unser erster Eindruck: Die neue Corvette wartet darauf, endlich abseits der Boulevards zu punkten. Der völlig neu entwickelte 6,0-Liter-V8 schickt 405 PS an die Hinterachse, sodass Touren in den Kurvengrenzbereich automatisch zur Lustreise werden.

Der frei atmende Zweiventiler mit einer unten liegenden Nockenwelle spielt mit den knapp 1,5 Tonnen Leergewicht wie mein Sohn mit seinen Matchbox-Modellen. Für den Sprint von null auf 100 km/h werden rund 4,3 Sekunden erwartet. Das ist Porsche-Turbo-Niveau! Die dank Transaxle-Bauweise ausgewogene Gewichtsverteilung von 51/49 Prozent (vorn/hinten) verspricht dabei exzellentes Handling.

Mit der neuen C6 verlassen die Corvette-Macher erstmals den lange beschrittenen Weg, einen kraftvollen Zweisitzer möglichst preisgünstig auf breite Räder zu stellen. Weshalb die neue Corvette nicht länger als Chevrolet, sondern unter eigenem Markennamen ganz schlicht als "Corvette" geführt wird.

Vorbei ist es mit dem Schlafzimmerblick

Die Corvette für nachwachsende Generationen herauszuputzen ist dabei ähnlich riskant wie ein Facelift der Coca-Cola-Flasche. Beides könnte zum Identitätsverlust der aus Granit gemeißelten Fangemeinde führen. Corvette-Designer Tom Peters weiß natürlich darum, ließ die Proportionen unangetastet.

Seine Detailarbeit führte zu muskulöser geschwungenen Radläufen, zwei seitlichen Windtunneln im Ferrari-Stil und einer schlanken Taille. Intern heiß diskutiertes Detail: Nach vierzig Jahren Klappscheinwerfer wird modernes Xenonlicht installiert. Für die "Lichthupen-Funktion" der Europäer!

Auch an Bord halten Segnungen der Moderne Einzug: ein schlüsselloses Fahrberechtigungssystem, ein Touchscreen-Bildschirm zur Steuerung zahlreicher Komfort- und Navigationsfunktionen und ein Headup-Display zur Einspiegelung von Fahrdynamikdaten in die Windschutzscheibe sind an Bord. Besonders wichtig: Die Kritik an lausiger Materialqualität beim Interieur wurde erhört.

Gegen den Trend: knappes Stoffverdeck

Der neue C6-Roadster stellt vor das himmlische Vergnügen die menschliche Tat: Erst wenn der zentrale Drehverschluss über der Windschutzscheibe entriegelt ist, öffnet das gefütterte Stoffdach elektrisch und legt sich unter einem festen Deckel ab. Den Knopf dazu muss man suchen. Er liegt links vom Lenkrad im Armaturenträger versteckt. Der Deckel trägt Kopfabströmungen, die aber nur ästhetische Funktion besitzen: Sie sind Teil eines optischen Bogens, der in Verlängerung der Windschutzscheibe über die Kopfstützen ins Heck reicht. Ein Windschott? Erstaunt schaut ein GM-Techniker auf. In seinen Augen liest man etwas über verweichlichte Europäer.

Corvette-Kunden werden die Motorkraft von maximal 400 Newtonmetern bei 4400 Touren auch künftig mit vertrauten Schaltboxen portionieren. Mit einer manuellen Sechsgangschaltung (Tremex T-56) und der entsprechend des höheren Drehmoments zur 4L65E aufgerüsteten Viergangautomatik.

Während die Handschaltung durch einen kürzeren Hebel auch den Eindruck kürzerer Schaltwege hinterlässt und knackig arbeitet, wird der Automatikkunde mit europäischen Ansprüchen enttäuscht. Vermisst er doch mindestens zwei weitere Gänge und die manuelle Eingriffsmöglichkeit ins Automatikprogramm. Leider wird hier die Chance vertan, zur europäischen Konkurrenz aufzuschließen. Schaltwippen am Lenkrad sind bei uns längst Standard, und für Fans der vollautomatischen Fahrweise wird bereits die erste Siebengangschaltbox (Mercedes-Benz) angeboten.

Technische Daten und Preis

Ein Trostpflaster kann die elektronische Dämpferregelung "Magnetic Ride Control" sein. Sie kennt drei Stufen und erlaubt im sportlichsten Modus eine Fahrdynamik, die selbst von der in 2006 erwarteten Leichtbau-Corvette Z06 kaum getoppt werden dürfte. Für allzu heißblütige Corvetten-Kapitäne gibt es sogar eine elektronische Traktionskontrolle – ohne Aufpreis.

So kann die neue Faltdach-Corvette auf Knopfdruck und bei entsprechendem Umgang mit dem Gaspedal vom komfortablen Cruiser zum draufgängerischen Racer werden. Wofür in den USA voraussichtlich 52.000 Dollar verlangt werden. In Europa dürfte der Spaß kaum unter 60.000 Euro zu haben sein. Doch dafür fährt in jeder Corvette ein halbes Jahrhundert großartiger Geschichte mit – und das gratis.

Technische Daten • V8-Motor • zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 5967 cm3 • Leistung 298 kW (405 PS) bei 6000/min • maximales Drehmoment 400 Nm/4400/min • Heckantrieb • Sechsgang, Transaxle • Einzelradaufhängung vorn und hinten • Kofferraumvolumen 295 l • Tank 82 l • Länge/Breite/Höhe 4435/1845/1245 mm • Reifen vorn 245/40 R 18, hinten 285/35 R 19 • Leergewicht 1460 kg • Spitze 290 km/h • 0–100 km/h in 4,3 s • Verbrauch 12,5 l • Preis ca. 60.000 Euro

Autor: Jürgen Zöllter

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