Das Leben des Autobahnschützen Michael K.

Das Leben des Autobahnschützen Michael K.

— 17.07.2013

Biedermann und Ballermann

Aus Hass hat der Lkw-Fahrer Michael K. 762-mal auf Kollegen geschossen. Jahrelang lebte der 57-Jährige in zwei Welten. Eine war still, friedlich, bürgerlich. Die andere gefährlich, laut und unberechenbar.

Dieser Lieferwagen gehört nicht nach Frohnrath und versperrt den Lieblings-Parkplatz von Michael K. Seine Ehefrau klingelt bei den Nachbarn, sucht den Fahrer. Doch ein Besitzer findet sich nicht. Als Fernfahrer K. später nach Hause kommt, stellt er seinen Brummi woanders ab. Ein Dorfbewohner schaut sich den fremden Wagen genau an, entdeckt Kameras im Inneren. Michael K. bekommt Wind davon, doch er denkt sich nichts. Was soll schon sein in diesem 150-Seelen-Ort? Hier in der Nordeifel fühlt sich der 57-Jährige sicher. So sicher, dass er das getarnte Observationsauto der Polizei nicht mit den Schüssen in Verbindung bringt, die er seit vier Jahren während der Fahrt auf andere Lkw abgegeben hat (AUTO BILD 26, 48/2012).

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Einschussloch: K. verschoss erst Kaliber 22, später neun Millimeter.

©dpa

Zwei Tage später nimmt ein Sondereinsatzkommando Michael K. zu Hause fest. Die Beamten finden drei Pistolen, einen Schießkugelschreiber, 1300 Schuss Munition. Waffenversteck ist die akkurat gestutzte Hecke rund um das Einfamilienhaus. Als die Spurensicherung die Zugmaschine auf Schmauchspuren untersucht, denkt Anwohner Manfred E. nach eigenen Worten "an eine Rauschgiftrazzia". Nicht aber daran, dass sein Nachbar der seit vier Jahren gesuchte Autobahnschütze ist, wie dieser im Polizeiverhör gesteht. Der Mann, der in den vergangenen vier Jahren 762-mal auf Autotransporter und andere Lkw geschossen haben soll, aber laut Vernehmungsprotokoll niemandem etwas antun wollte. Bei Würzburg traf er dennoch eine Frau, verletzte sie schwer, eine Kugel verfehlte knapp den Kopf eines Lkw-Fahrers.

Tempolimit eingehalten: Lkw-Fahrer verprügelt Autofahrer

Frohnrath, Nordeifel: Im Haus links lebte Michael K. mit seiner Ehefrau. Das Paar ist kinderlos.

©A. Harder

"Unerklärlich", sagt Nachbar E., "er hatte doch keinen Grund, es ging ihm doch gut." 28 Kilometer weiter in Monschau-Kalterherberg an der belgischen Grenze stellt sich Bernd Kreutz ähnliche Fragen. "Warum, wieso, weshalb, das will ich wissen", sagt der Chef von K. "Ich besuche den Micha im Knast, und dann frage ich ihn, warum er das alles gemacht hat." Kreutz wirkt eher untypisch für einen Chef im schnellen, knallharten Speditionsgeschäft. Er ist jemand, der "gern Dinge reflektiert", wie er sagt, sich für die SPD engagiert und gelegentlich selbst Lkw fährt. Im Fernsehen schaut der 47-Jährige am Morgen die Liveübertragung der Pressekonferenz im Bundeskriminalamt (BKA). "Es ist wie Tatort-Gucken, allerdings spiele ich selbst mit", sagt er.

Egoismus am Steuer: Studie zum Fahrverhalten

Manfred E. (89), Nachbar: "Das alles ist schleierhaft, unerklärlich. Welchen Grund hatte er? Es ging ihm doch gut!"

©A. Harder

Ermittler und Staatsanwälte klopfen sich vor den Livekameras gegenseitig auf die Schultern, freuen sich über den Fahndungserfolg. Auf sieben Autobahnabschnitten wurden seit dem 3. Dezember 2012 heimlich Kennzeichen gefilmt – eine bei Datenschützern umstrittene Methode. Bei Beschüssen taucht auf dem Videomaterial immer wieder der Lkw von K. auf. Das BKA vergleicht die so gewonnenen Bewegungsprofile mit Standorten von Mobilfunkmasten, mit denen K.s Handy verbunden war – Treffer! Im TV spricht Staatsanwalt Dietrich Geuder von "einem frustrierten Einzelgänger mit Hass auf Personen und einem Hang zu Waffen". Kreutz schüttelt den Kopf. Nein, so hat er seinen Micha in zwölf Jahren nie erlebt. "Er war ein Mann für alle Fälle, jemand, der sich nach Weihnachtsfeiern für die Einladung bedankt." Oder für unbezahlten Urlaub, um seinen Eltern in seiner Heimat Halle/Saale ein Altersheim zu suchen.

Lkw-Raubüberfälle: Angriff bei voller Fahrt

Bernd Kreutz (47), Chef: "Ich werde ihn im Knast
besuchen und ihn fragen, warum er das gemacht hat."

©A. Harder

Angeblich hat die Bundesregierung K. in den 80er-Jahren aus einem DDR-Knast freigekauft. Michael K. wog 140 Kilo, war oft krank, fehlte auf der Arbeit. "Wir mussten ihm alle drei Jahre einen neuen Sitz kaufen", erzählt Chef Bernd Kreutz. Trotz allem sollte der füllige Schnauzbartträger bald einen von zwei neuen Mercedes Actros fahren – als Anerkennung. "Der Micha war zuverlässig, den konnte ich auf jeder Tour einsetzen." Dann macht Kreutz eine Pause. "Auf der einen Seite sage ich 'Micha', andererseits ist dieser Micha ein Verbrecher." Als Motiv nennt der Autobahnschütze "Ärger und Frust im Straßenverkehr". Eine Beinahe-Kollision mit einem Autotransporter sei der Auslöser seines Rachefeldzugs gewesen.

Anstand im Straßenverkehr: Benehmt euch!

Drängler auf der Autobahn Andreas May

Helmut Ziemons, Lkw-Fahrer: "762 Schüsse – das ist eine verdammt hohe Zahl! Ich bin froh, dass er jetzt gefasst ist."

©A. Harder

Michael K. scheiterte am Versuch, in zwei Welten zu existieren. Welt Nummer eins war Frohnrath: still, friedlich, bürgerlich, jeder half jedem. Die zweite Welt bestand aus Lärm, Hass, Gefahr, Egoismus: Autobahnen. K. zerbrach am brutalen, täglichen Verteilungskampf um jeden Meter Straße, verlor seinen Lebenskompass, schoss schließlich. Vor dem Job als Fernfahrer hatte K. mit dem Kipplaster Vulkanlava-Sand durch die Eifel gekarrt. Er war jeden Abend zu Hause, hatte geregelte Arbeitszeiten. Der Betrieb ging pleite, K. versuchte sich im Fernverkehr. "Nach vier Tagen kam er zu mir und sagte, er schaffe das alles nicht", sagt sein Chef Bernd Kreutz, "doch wir haben uns da beide durchgebissen." Micha K. hat sich durchgeballert.

Autor: Claudius Maintz

Fotos: Mell / Die Illustratoren / BILD-Zeitung, dpa, A. Harder

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