Das Leben nach der Flut

Der Osten räumt auf Der Osten räumt auf

Das Leben nach der Flut

— 05.09.2002

Der Osten räumt auf

Von wegen jammern – im Hochwassergebiet krempeln die Menschen die Ärmel hoch und packen an. Ein (automobiler) Blick nach vorn.

Normalerweise ein harmloses Flüsschen ...

Es gibt diese wenigen Momente im Leben, da fällt dir wirklich nichts mehr ein. Da kannst du nur noch den Mund halten, zuhören, staunen. Weil jedes Wort der Erwiderung so albern, so unpassend wäre. Wer dieser Tage den Autohändler Jürgen van Kolck (48) in Dohna bei Dresden besucht, der kann so einen Moment erleben. Und wird sich vielleicht fragen: Wenn du selbst gerade deine berufliche Existenz verloren hättest und beinahe, nur um ein paar mickrige Hochwasser-Zentimeter, auch dein Leben – würdest du so reagieren wie er? Hättest du diese Kraft? Diesen enormen Willen?

Jürgen van Kolck ist Opfer der Flutkatastrophe im Osten. Das klingt verdammt lapidar für das, was der Seat-Händler gerade durchgemacht hat: Ohne Vorwarnung und binnen weniger Stunden zerstörte die Müglitz, normalerweise ein harmloses Flüsschen hinter dem Hof, van Kolcks Wohnhaus, seine Werkstatt, seine Hallen, seinen Ausstellungsraum, 86 seiner Seat-Modelle, einen Framo von 1956 und einen Trabant 601 aus den 60er Jahren.

Jürgen van Kolck selbst flüchtete vor den Fluten in den zweiten Stock seines Lagers. Als das Wasser auch dorthin kam, baute er sich ein Podest aus Reifen. Als auch der Reifenstapel überflutet wurde, flüchtete er aufs Dach. Dort lag er die ganze Nacht. Erst am nächsten Morgen, um neun Uhr, rettete ihn ein Hubschrauber der Bundeswehr. Das alles muss man wissen, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn der Mann jetzt schon wieder zaghaft lächelt. Und mit einer Mischung aus Trotz und Stolz sagt: "Ich werde nicht untergehen, niemals. In zwei Wochen will ich wieder aufmachen, zumindest provisorisch. Wir bauen gerade ein Behelfsbüro."

Der Kampf ums nackte Überleben

Jürgen van Kolck ist kein Einzelfall. Der Osten schüttelt sich, krempelt die Ärmel hoch und räumt auf. Im Großen wie van Kolck in Dohna und im Kleinen wie Gerhard Geppe (69) in Bitterfeld. Nach 14 Tagen Evakuierung kam der Rentner erst am vergangenen Samstagmorgen wieder in sein Haus. Seinen alten Volvo 440 konnte er dank Vorwarnung vor dem Wasser retten, viel mehr aber auch nicht. Seit acht Stunden pumpt der rüstige Mann jetzt schon Garage und Keller leer, schichtet nach 1,60 Meter Wasserstand Berge von Schrott vor seinem Haus auf. Und sagt leise: "Ich brauche bestimmt noch eine Woche. Aber aufgeben? Nicht mit mir."

Stattdessen wird angepackt. Auf geregelte Arbeitszeiten und Mittagspausen achtet nach der Flut kaum noch einer, auch die Männer von der DEKRA nicht. In Sonderschichten begutachten die Sachverständigen abgesoffene Autos, damit die Besitzer möglichst schnell ihr Geld von der Kasko bekommen können. "Von morgens um sieben bis abends um 18 Uhr bin ich unterwegs und schätze die Schäden. Dann gibt's Abendbrot, und danach arbeite ich bis 24 Uhr im Büro die Unterlagen auf", sagt zum Beispiel Tino Waitschies.

Im Moment begutachtet er gerade an einem roten Golf Variant. Der Wagen stand in Dresden in der Tiefgarage einer Bank, als das Wasser kam. Deshalb ist er nicht nur bis übers Dach mit Schlamm überzogen, auf dem Wagen kleben auch noch weggeschwommene Kontobelege. Der Innenraum ist mit einer dicken, braunen Schicht belegt, es riecht streng – nach Moder.

Entsetzen über die Kraft des Wassers

"Ein wirtschaftlicher Totalschaden", sagt Waitschies. Trotzdem muss er den Kilometerstand schätzen und damit den Wert vor der Flut errechnen. In den Restwertbörsen der Versicherer erzielt so ein Wagen trotz Totalschaden noch bis zu 1000 Euro. Entweder, weil Verwerter noch Karosserieteile verwenden können – oder weil dubiose Aufkäufer nur an Fahrgestellnummer und Brief interessiert sind. Was auch dafür nicht mehr taugt, das landet auf dem Schrottplatz.

Beim Dresdner Recycler Scholz steht so ein Exemplar: ein blauer Seat Toledo, das Dach eingedrückt, die Fenster rausgepresst, der ganze Wagen mit Gestrüpp bedeckt. Fünf Kilometer wurde das Auto mitgerissen – und wiegt mit dem ganzen Schlamm und Dreck statt knapp einer nun gute 2,5 Tonnen. Beim Anheben kippt der kleine Gabelstapler fast nach vorn um. Auf den Straßen ist dagegen eher schweres Gerät unterwegs. Wo man auch langfährt – überall Tieflader, Kipplaster, Räumfahrzeuge. Überflutete Straßen werden repariert, wo immer es nur geht. Wo nicht, bleibt nur Entsetzen über die Kraft des Wassers.

Zwischen Löbnitz und Pouch (bei Bitterfeld) hat die Mulde die Landstraße auf 40 Metern einfach weggerissen – als sei das ein Kinderspiel. Jetzt kommen die Anwohner mit dem Fahrrad vorbei und begutachten den Schaden. "Großer Gott", sagt einer. Dann wird auch er still. Manchmal fällt einem eben wirklich nichts mehr ein.

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