Dauertest Audi A6 Avant 2.8 multitronic

Dauertest Audi A6 Avant 2.8 multitronic

— 26.04.2002

Ist Audi schon ganz oben?

Erfolg ist da, aber Audi will mehr. Der Aufsteiger mchte Primus unter den Premiummarken werden. Ein Dauertest ber 100.000 Kilometer mit dem A6 Avant 2.8 zeigt, ob die Ingolstdter in der gehobenen Mittelklasse schon so weit sind.

Ein neuer Klassenprimus?

Der Mann redet kein Blech. Obwohl er genau davon am meisten versteht. Wenn Ernst Gnther (47) bei einer Tasse Kaffee aus dem Nhkstchen plaudert, lohnt es sich, genau zuzuhren. Gnther ist Herr ber einen Fuhrpark mit 419 Dienstwagen und kennt seine Pappenheimer genau. "In puncto Zuverlssigkeit hat Audi jetzt die Nase vorn", wei der Profi zu berichten. Hoppla! Und was er dann erzhlt, ist purer Zndstoff: "Fnfer und E-Klassen schicken wir doppelt so oft auerplanmig in die Werkstatt wie unsere A6."

Moment mal, ausgerechnet der Hersteller, der einst als Prokuristen-Mercedes mit Hut und Hosentrger auf die Welt kam, soll jetzt Primus unter den Premiummarken sein? Wo steht der Emporkmmling heute wirklich? Antworten sollte ein Dauertest mit dem A6 Avant 2.8 Multitronic liefern. Und tat es auch. Doch das, was wir buchstblich erfuhren, knnen leider nicht alle A6-Kunden nachvollziehen. Aber der Reihe nach.

Zu Beginn unseres Marathons ber 100.000 Kilometer liest sich das grne Fahrtenbuch, als stnde darauf: Poesiealbum. Gestandene Tester werden ergriffen und schwrmen in hchsten Tnen von "exzellenter Verarbeitung" oder loben die "Perfektion im Detail", wie etwa die mit Teppich verkleideten Trablagen. Sitze verwandeln sich pltzlich zu "bequemen Sesseln", und sie bleiben es auch dank guter Langzeitqualitt. Kommentare ber die "tollen Reisequalitten" fllen ganze Seiten. Ja, ist denn dieser A6 tatschlich vom anderen Stern? Klare Antwort: Jein.

Luxus nicht ganz ohne Leiden

Erstens sprechen wir hier von einem Auto, das mit 23 edlen Zutaten aus der Extra-Liste mal eben 106.722 Mark gekostet hat und wer sich in so einem Luxus-Leder-Edel- Schlitten nicht wohl fhlt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Zweitens scheinen wir ein wirklich gutes Exemplar erwischt zu haben. Denn auer dem stndigen rger mit den Bremsen (spter mehr darber) lief der hbsche Avant anstandslos bis zum Testende. Andere Audi-Fahrer, aber auch Kollegen anderer Fachmagazine haben da schlechtere Langzeit-Erfahrungen gemacht.

So wissen wir zum Beispiel aus unserem Kummerkasten, dass viele Kufer enttuscht von der Verarbeitung sind. Sie klagen ber knarzende Cockpits, hufige Probleme mit der Elektrik, hohe Windgerusche, aber auch ber den Service, der keineswegs zu Audis Premiumanspruch passe. Zweifellos muss Audi aufpassen, das zarte Pflnzchen Vertrauen nicht leichtfertig zu zerstren. Denn im A6 sitzen nicht nur junge Aufsteiger (durchschnittlich 44,3 Jahre, die jngsten Kunden im Premiumsegment), sondern auch viele Umsteiger von BMW und Mercedes. Mit einer Eroberungsrate von 47 Prozent liegt der A6 Avant deutlich ber der Konkurrenz.

Wollen die Ingolstdter diese Kunden an sich binden, mssen sie die Serienstreuung in den Griff bekommen. Einige Schwachstellen haben sie bereits erkannt und im Rahmen der Modellpflege abgestellt. Der Federungskomfort beispielsweise konnte zwar befriedigen, erreicht aber nicht das hohe Niveau von Fnfer-BMW oder gar der neuen E-Klasse. Die Vorderachse stuckert bei Querfugen heftig, bei hoher Beladung schwingt das Heck wegen zu schwacher Dmpfung krftig nach. Beides wurde durch straffere Dmpfer sprbar verbessert, ist aber noch nicht optimal. Hier drfte wohl auch erst der Nachfolger mit der Mehrlenker-Hinterachse des A4 die Erwartungen an ein Oberklasse-Fahrzeug erfllen.

multitronic hui, Bremsen pfui

Gewirkt hat auch die stndige Kritik an den nsseempfindlichen vorderen Bremsen. Als mehrere A6-Fahrer nach Unfllen Pichs Vorzeigefirma verklagt hatten, rstete Audi (auch auf unseren Druck hin) neue Bremsbelge und so genannte Radspoiler nach. Daher gab es bei unserem Testwagen auch keinen rger. Dennoch fielen die Bremsen negativ auf: Bereits bei Kilometerstand 32.141 mussten Bremsscheiben und -kltze vorn gewechselt werden, 60.000 Kilometer spter erneut. Grund jeweils: tiefe Riefen. Steine fanden ihren Weg anscheinend leichter in die Bremsanlage als wieder heraus. Dies soll mittlerweile behoben sein, zudem optimierten die Techniker das Pedalgefhl.

Wenn wir schon von Gefhl reden, darf die multitronic unseres A6 natrlich nicht fehlen. Ja, genau die aus der Wackel-Elvis-Werbung. Diese stufenlose Automatik ist wirklich der Hit. Oder, wie es Wolfgang Peters in der FAZ treffend formulierte: "Es ist eines von zwei besten Systemen, die es zurzeit zum Wechsel der Gnge gibt. Das andere System sind wir selbst."

Dank ausgeklgelter Hydraulik und elektronischer Steuerung sorgt das Wunderding fr einen bisher nicht gekannten Fahrkomfort. Ohne Schaltruck, ohne Motorheulen fr jede Verkehrssituation hat die multitronic die passende bersetzung parat. Beim ruhigen Dahinrollen sinkt die Drehzahl bis auf 1200 Umdrehungen, entsprechend leise fuhr unser A6. Beim Beschleunigen verlangt das Getriebe dem Motor jeweils nur so viel Drehzahl ab wie unbedingt ntig. Serpentinen werden zur Freude, auf Schnee besteht die multitronic jeden Anfahrtest. Und zwar klaglos und verschleifrei ber 100.000 Kilometer. Kein Zweifel: Der multitronic gehrt die Zukunft. Bei einigen Motorvarianten (z. B. 2.5 TDI, 155 PS) entscheiden sich schon ber 60 Prozent der Audi-Kunden fr das intelligente Getriebe. Im Alltag ist es seinen hohen Preis (2100 Euro) wert.

Schwacher Motor, starker Eindruck

Im Gegensatz zur multitronic hat der Motor unseres Dauergastes seine Zukunft schon hinter sich. Der 193 PS starke 2,8- Liter-V6 wurde mittlerweile durch einen Dreiliter mit 220 PS ersetzt. Was Sinn macht. Im Dauerlauf zeigte sich der Sechszylinder zwar ausreichend leise und krftig genug beim Anfahren, hohe Drehzahlen jedoch lagen ihm gar nicht. Ausgerechnet dort, wo die Fnfventiltechnik ein paar Extra-PS herauskitzeln sollte, wirkte der Sechszylinder zugeschnrt, saft und kraftlos. Die angegebene Spitze von 228 km/h wurde wenn berhaupt erst nach langem Anlauf erreicht.

"Zuerst wirkt er krftig, aber obenherum wirkt er wie zugeschnrt. Du kommst kaum an den TDI vorbei" notierte ein enttuschter Kollege im Bordbuch. Das alles kann der Dreiliter jetzt besser und bald wohl auch sparsamer. Bis 2005 sollen alle Benziner auf Direkteinspritzung umgestellt werden, dann fhrt schon der nchste A6 auf unseren Straen. Fazit des Dauertests: Audi ist oben angekommen, vor allem mit seinem Gentleman-Getriebe. Aber die Kunst ist es, sich in allen Baureihen dauerhaft auf diesem hohen Niveau zu halten. Wie schwer das ist, erleben wir gerade bei Mercedes.

Technische Daten und Wertung

Der A6 Avant zhlt nicht umsonst zu den beliebtesten Familien- und Dienstwagen fr Besserverdienende. Zurckhaltender Auftritt, edles Ambiente sowie fortschrittliche Technik prgen seinen Charakter. Mit einem TDI stimmt auch die Energiebilanz, andererseits stehen mit V8, S6 und allroad interessante, leistungsstarke Varianten zur Auswahl. In der Zuverlssigkeit htte der Dauertestwagen sogar ein "Gut" erhalten, wren nicht die durch Steine verschlissenen Bremsscheiben und das Leck im Getriebe gewesen. Beide Probleme sollen mittlerweile in der Serie behoben sein.

Preise und Kosten

Pro Kilometer 50 Cent (18 fr Wartung/Verbrauch, 32 fr Wertverlust), in alter Whrung eine Mark das ist nicht eben wenig. Auch wenn 100.000 Kilometer normalerweise in vier bis fnf und nicht in zwei Jahren gefahren werden. Der hohe Testwagenpreis lsst sich allerdings vermeiden, ohne auf die multitronic verzichten zu mssen: Der 1.8T (150 PS) kostet 6000, der 2.0 (131 PS) sogar 8000 Euro weniger als die aktuelle 3.0-Version (220 PS).

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