Dauertest Nissan Almera 1.8 Elegance

Dauertest Nissan Almera 1.8 Elegance Dauertest Nissan Almera 1.8 Elegance

Dauertest Nissan Almera 1.8 Elegance

— 16.01.2003

Almera im grünen Bereich?

Ein Nissan im 100.000-Kilometer-Lauf? Die absolvierte der Kompakte ohne Charme, aber auch ohne Probleme. Dachten wir. Bis am Ende das schöne Bild zerfiel, denn der Rost blüht schon.

Braune Pest am Musterknaben

Die Welt ist eine Kugel. Alles dreht sich. Und was heute als große Neuigkeit verkauft wird, haben wir irgendwo schon mal gesehen oder gehört. Aber Rost am Auto, das Leid von gestern, das sollte doch wohl endgültig ausgerottet sein. Sollte. Ist es aber nicht. Die braune Pest kehrt zurück und erwischt diesmal ein Auto und einen Hersteller, von dem wir das niemals erwartet hätten: Nissans Almera. Passiert und dokumentiert bei uns im Dauertestbetrieb.

Kaum zu glauben, aber nach 100.000 Kilometern oder gerade einmal 20 Monaten blüht der Kompakte dort, wo es mit bloßem Auge zu sehen ist: an Querträgern, Massekabeln, Schnittkanten. Und erst recht im Verborgenen, wie Endoskop-Bilder beweisen, die wir bei der abschließenden Zerlegung des Nissan gemacht haben. Der Almera rostet, als gäbe es im englischen Sunderland, wo der Kompakte für Europa entsteht, keine moderne Vorsorge mit Zink oder Wachs. Wie konnte das nur passieren?

Der Rost trifft ausgerechnet den vermeintlichen Musterknaben, der im TÜV-Report und in unserem AUTO BILD-Kummerkasten höchstens dadurch auffällt, dass er so gut wie nie auffällt. Pannen: Fehlanzeige. Schäden: so gut wie ausgeschlossen. Der Almera gilt zwar als etwas langweilig, aber "überdurchschnittlich zuverlässig". Bestimmt eine Langeweile, die sich viele Autobesitzer wünschen. Denn Modelle mit dieser niedrigen Mängelquote sparen Zeit und Geld und schonen die Nerven ihrer Besitzer.

Anmach-Faktor tendiert gegen null

Genauso unauffällig trat NE-N 1229 zum Dauertest an: ein zweitüriger Almera 1.8 Elegance in Mintgrünmetallic, mit 1,8-Liter-Benziner und 114 PS. Für 17.026 Euro (wir haben die damaligen 33.300 Mark der Einfachheit halber umgerechnet) fuhren Klimaanlage, Alufelgen und ein Audiosystem inklusive sechs Lautsprechern serienmäßig mit. Als besonderen Luxus bestellte AUTO BILD das Navigationssystem "Birdview", das Nissan für 2301 Euro (4500 Mark) ab Werk nachrüstet.

Trotz solcher Annehmlichkeiten sammelten sich im Fahrtenbuch zunächst bekannte (Vor-)Urteile: "total unauffälliges Auto", "sehr nüchtern" oder, wie Autor Wolfgang Blaube trocken befand: "Der emotionale Anmach-Faktor tendiert gegen null." Tatsächlich macht der Almera, bei Nissan das letzte Normalo-Modell vor dem gewagt runden Primera, in der proppevollen Kompakt-Klasse optisch eher wenig her. Hatte sich die anfängliche Nörgelei erst gelegt, zeigte der Alltag, dass dem Almera nur wenig Handfestes vorzuwerfen ist.

Dass die langen Türen auf dem Parkplatz viel Platz brauchen und der Einstieg in den Fond Gymnastik bedeutet, ist das Schicksal aller Dreitürer. Ebenso die schlechte Sicht nach hinten. Das kann ein Golf nicht besser. Und sonst? Bald setzte sich die Ansicht durch, der Nissan gehöre zur Marke "Einsteigen und losfahren", so Redakteur Ralf Bielefeldt. Der Almera entpuppte sich als angenehmes Reiseauto, mit straffen Sitzen (perfekt die Sitzverstellung mit großen Handrädern), großem Tank (60 Liter) und einer Vielzahl von Ablagen – ob in der Tür, hinterm Innenspiegel oder sogar als Geheimfach unterm Dosenhalter.

Der 1,8-Liter kam immer besser in Form

Nachlangen Touren mit dem Almera fragt man sich fast automatisch: Muss es denn wirklich ein Golf sein? Mit zunehmendem Kilometerstand kam auch der 1,8- Liter-Benziner, zu Beginn als rau und zäh gescholten, immer besser in Form. Wer keine Hemmungen vor hohen Drehzahlen zeigte, brachte die Tachonadel bis auf 215 km/h – allerdings unter recht lauter Geräuschkulisse. Dazu zählte auch ein ständiges "Singen" aus dem Getriebe. Der Grund blieb unbekannt. Jedenfalls trat bei der abschließenden Zerlegung keine mechanische Ursache ans Licht.

Eher zwiespältig klangen die Urteile über die Federung (von "überfordert bei kurzen Schlägen" bis "straff und lässig souverän in welligen Autobahnkurven") und die Schaltung. Rastete der etwas zu lange Hebel bei Testbeginn noch "schön knackig", so rührte er nach der Langstrecken-Tortur schwammig wie ein Mixer im Teig. Es blieb eine der wenigen Alterskrankheiten, denn der Almera ergraute wie schon zuvor erwartet: leise und klaglos.

Reporter Matthias Moetsch registrierte bei einer der letzten Dienstfahrten auch mit 93.000 Kilometern auf dem Tacho keine Klappergeräusche, der Nissan war bis dahin fast problemfrei gelaufen. Aber nur fast, und diese kleinen Mängel wiesen schon früh auf das spätere Grundübel hin. So fiel dreimal das rechte Abblendlicht aus, und das Motormanagement meldete gegen Test-Ende mehrmals Fehler, die dann sogar als Ruckeln spürbar wurden. Irgendwo spukte der Elektronik-Teufel durchs Auto ... Bis die Werkstatt die Ursache fand: ein defektes AGR-Steuerventil, das die Abgasrückführung zum Motor steuert; auf Garantie gewechselt. Kein Einzelfall, wie unsere Gebrauchtwagentest zeigt.

Unterm Strich: sorgloses Vergnügen

Unterm Strich eine Bilanz der Kategorie "sorglos", der Nissan absolvierte die reine Dauertest-Strecke mit fast beispielhafter Zuverlässigkeit: Wir geben ihm die Note Zwei minus. Doch zurück zum Reizthema Elektronik. Im weiteren Sinn gehört dazu das Navigationssystem, das vielen Benutzern kräftig auf die Nerven ging: entweder weil es schlecht zu bedienen war, die Schalter zu weit unten lagen oder die Menüführung keinen Durchblick gab. (Wann kommt hier eigentlich ein Standard, sodass man nicht ständig umlernen muss?)

Für künftige Elektronik-Fehlfunktionen gibt es einen anderen, sehr handfesten Grund, und den erkannte AUTO BILD-Experte Wolf Gudlat schließlich bei der Zerlegung: Korrosion hatte bereits wichtige Kontaktstellen der Elektrik erfasst. So knabberte Oxidation am Hauptmassekabel, an Kabelschuhen und am Temperatursensor für den Zylinderkopf. Und zwar so stark, dass die Kontakte schon wackelten – hier lauert der Fehlerteufel. Denn solche Kontaktfehler werden im elektronischen Gehirn nicht abgelegt. Und damit auch in der Werkstatt nicht festgestellt.

Was sagt Nissan zum Rost? "Dieser Almera ist bislang ein Einzelfall", so Firmensprecher Jochen Münzinger. "Nissan gibt zwölf Jahre Garantie gegen Durchrostung – und dieses Auto hält sicher noch länger." Tatsache ist: Der Almera gehört zu den zuverlässigsten Autos, die wir je im Dauertest hatten. Mit der Einschränkung, dass der gute Ruf in Sachen Zuverlässigkeit ein paar braune Flecken bekommen hat.

Technische Daten und Wertung

In Sachen Zuverlässigkeit landet der Nissan Almera im Mittelfeld. Zwei außerplanmäßige Werkstattbesuche wegen eines defekten Nockenwellensensors und Abgasrückführventils kosteten ihn den Spitzenplatz. Mit 15 Punkten schnitt der Almera so gut wie der VW Golf 1.4 im AUTO BILD Dauertest ab.

Preise und Kosten

Die Kosten sind mit 13 Cent akzeptabel, der Wertverlust liegt mit elf Cent je Kilometer im üblichen Rahmen. Zulassungs-Bestseller Golf lag bei unserer Dauertest-Abrechnung im Januar 2001 mit 23 Pfennig Unterhaltskosten und 19 Pfennig Wertverlust pro 100 Kilometer fast auf dem gleichen Kostennivau.

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.