Dauertest Renault Mégane 1.6 16V

— 20.01.2006

Das sieht gut aus

100.000 Kilometer harter Autoalltag – und dann mit Karacho gegen die Wand. Was bleibt übrig von der vielgelobten Fünf-Sterne-Sicherheit?



Brutaler Exitus nach 101.543 km

Es fing ganz harmlos an: Am 2. Oktober 2003 startet der marmarablaue Renault Mégane 1.6 seinen Dauertest bei AUTO BILD. Sofort wird er in den Langstreckenbetrieb integriert und absolviert seine erste Härtetest-Tour nach Dänemark. Eine lange Karriere, auch nach Ausmusterung aus dem Fuhrpark, schien ihm gewiß. Doch schon damals war sein Schicksal besiegelt. Am 28. November 2005 endet sein Autoleben unsanft mit lautem Krachen gewollt und geplant. Rumms: Was für ein Abgang!

Zwischen jungfräulichem Beginn und brutalem Exitus liegen 101.543 Kilometer und 25 Monate, in denen der Renault, wie bei Dauertests üblich, seine Qualität beweisen mußte. Doch von diesem Testwagen wollen wir noch mehr: einen konkreten Sicherheitsnachweis. Wie gut ist die Crashstabilität nach 100.000 Kilometern? Bleibt es bei der Sicherheits-Garantie, oder ändert sich die Festigkeit der Struktur, sinken die Überlebenschancen der Insassen bei einem Unfall? Als erste Zeitschrift in Deutschland beantwortet AUTO BILD diese Fragen anhand des Unfallversuchs nach EuroNCAP.

Daß der Mégane für diese Premiere erkoren wurde, liegt auf der Hand. Schließlich bewirbt Renault sein Kompaktmodell mit dem Fünf-Sterne-Status, den der Franzosen-Golf 2002 beim offiziellen EuroNCAP-Test erzielte. 33 Punkte, das war vor drei Jahren der Bestwert im Kompaktsegment. Heute fährt die Mercedes A-Klasse mit 36 Zählern.

EuroNCAP: Sternenfänger Mégane

Es knallt gewaltig, als der inzwischen in Verkehrsorange lackierte Fünftürer mit exakt 64 km/h im DEKRA-Crashzentrum Neumünster den Prellbock rammt. Die Hinterachse springt einen Meter hoch, und der Renault macht einen weiten Satz nach links. Glas splittert, Plastik bricht, Metall knirscht. Vorn zerbricht der Stoßfänger in zwei Teile und fällt zu Boden. Dahinter rollt sich die Motorhaube wie der Deckel einer Fischdose auf. Kühlwasser läuft aus. Dann ist es ruhig. Gespenstisch ruhig.

Andächtig blicken die DEKRA-Ingenieure auf das Wrack, das so aussieht wie die Fotos vom Original-Neuwagencrash. Was ist mit den Insassen passiert? 72 Meßkanäle an den beiden Dummys und ein Fahrzeugsensor liefern exakte Werte für die Belastungen, die während des Aufpralls auf die Insassen gewirkt haben.

Das Ergebnis sieht gut aus. Sehr gut sogar. Bravo: wieder 33 Punkte und damit wieder fünf Sterne. Die Zeitlupe zeigt, wie gut die Rückhaltesysteme arbeiten. Gurtstraffer und Airbags funktionieren zuverlässig und schützen die Passagiere perfekt. Der Fahrgastraum bleibt weitgehend intakt, die Türen öffnen nahezu problemlos.

Trotzdem ändert sich die Farbkennung (Grafiken siehe Bildergalerie). Bekam die Brust des Fahrers beim Neuwagen-Crash Gelb (geringes Risiko), ist sie jetzt orange (mittleres Risiko). Für das linke Bein von Fahrer und Beifahrer steigt das Verletzungsrisiko von sehr gering auf gering. Gleichzeitig sank die Belastung der Oberschenkel für die Person hinterm Lenkrad. Die Veränderungen liegen im Bereich der Versuchs- und Fertigungsstreuung, so daß der Mégane auch im gealterten Zustand als sehr sicher einzustufen ist.

Schlechte Langzeitqualität

Und wie ist es mit der Langzeitqualität? Mit zwei Worten: typisch Renault. Leider macht da auch dieses Exemplar keine Ausnahme. Bis etwa 60.000 Kilometer präsentierte sich der Mégane als tolles Auto, dann trat der Verfall im Zeitraffer ein. Folge: In der Zuverlässigkeitswertung landet er punktgleich mit dem Laguna nur auf Rang 21. Renault ist das Problem bewußt, gibt es auch offen zu. Deshalb haben die Franzosen vor zwei Jahren ein Programm gestartet, das die Qualität nachhaltig verbessern soll ("Wir wollen Toyota-Qualität", letzte Artikelseite). "Beim gerade frisch überarbeiteten Mégane (Verkaufsstart im Februar 2006) haben wir die Fehlerhäufigkeit entscheidend gesenkt", verspricht Renault-Qualitätschef Yann Vincent.

Zu spät für unseren Testwagen. Der nervte mit vielen kleinen Mängeln. Da er seinen Dienst im Herbst antrat, fiel erst im Frühjahr auf, daß die Klimaanlage nicht funktionierte. Sie mußte im Steuergerät aktiviert werden – bei einem außerplanmäßigen Werkstattbesuch. Den erforderte auch die Montage der Dachträger. Eigentlich eine Sache, die mit Hilfe eines Schraubendrehers in wenigen Minuten zu erledigen sein sollte. Nicht beim Mégane. Die Gewinde im Dach waren zu kurz und mußten beim Renault-Händler nachgeschnitten werden.

Und so geht es weiter und weiter. Zahlreiche Funktionsstörungen sorgten immer wieder für Reparaturstopps. Ob Höhenregulierung der Xenon-Scheinwerfer (Aufpreis 800 Euro), elektrische Fensterheber, Seitenblinker oder Schiebedachabdeckung – die Defektliste ist am Ende überdurchschnittlich lang.

Der Innenraumkunststoff schwächelt

Zu den konstruktiven Schwächen zählt auch die unharmonische Abstimmung von E-Gas (Drosselklappe wird nicht mechanisch, sondern von einem elektrischen Stellmotor gesteuert) und Kupplungseinrückpunkt. Darum fordert der Renault äußerst sensiblen Umgang mit linkem und rechtem Pedal. Sonst heult der Motor laut auf, weil noch kein Kraftschluß hergestellt ist.

Übung verlangt auch die Bremse. Erst spricht sie zögerlich an, dann zu giftig. Hier wäre ein klarer definierter Druckpunkt wünschenswert. Selbst nach Tausenden von Kilometern ist es schwer, sich an diese Eigenarten zu gewöhnen. Anpassungsfähigkeit erfordert auch die Bedienung. Die ab Luxe-Ausstattung serienmäßige Entry-and-Drive-Karte (ersetzt den Schlüssel zum Öffnen und Starten des Wagens) sollte ein Komfortgewinn sein, doch schon nach 24.000 Kilometern waren aufgedruckte Bediensymbole auf der Karte unkenntlich.

Ähnliche Auflösungserscheinungen zeigt der Innenraumkunststoff. An Lenkrad und Schaltknauf blätterte er bereits nach 6500 Kilometern ab. Kritik gibt es auch an der Lage des Tempomats (200 Euro). Sein Hauptschalter wird vom Lenkradkranz verdeckt und ist schwer zu finden. Ebenfalls nicht überzeugen konnte die Lenkung. Bei niedrigem Tempo reagiert sie gefühllos. Erst bei höheren Geschwindigkeiten verbessert sie die Rückmeldung. Dann meldet sich allerdings der Motor geräuschvoll zu Wort. Ab 140 km/h fängt er an zu lärmen, dazu gesellen sich deftige Windgeräusche vom schlecht eingepaßten Schiebedach (850 Euro). Außerdem schlägt der linke Wischer über den Scheibenrahmen und verursacht ein lautes Klacken. Das Navisystem (980 Euro) hat andere Marotten, nervt mit extrem langen Berechnungszeiten. Abenteuerlich auch das Verhalten der CD-Audioanlage (460 Euro). Sie verweigert immer dann den Dienst, wenn die Heizung voll aufgedreht ist.

Technische Daten und Wertung

Aber es gab auch Lob: für den geräumigen Innenraum, das komfortable Fahrwerk, die gemütlichen Sitze. Auf langen Strecken ermöglicht der Mégane ermüdungsfreies Reisen. Laut Tacho errreicht er Tempo 200 – für einen 1.6er mehr als ordentlich. Genial einfach ist Tanken: kein drehen oder fummeln. Klappe auf, Zapfhahn rein, fertig. Wenn alles so simpel wäre am Mégane, hätte er wohl auch mehr Erfolg. Mit etwa 36.000 Neuzulassungen 2005 bleibt er bei uns unter den Erwartungen (Golf 240.000).

Technische Daten
Motor R4, vorn quer
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/2
Hubraum 1598 cm³
kW (PS) bei U/min 83 (113)/6000
Nm bei U/min 152/4200
Höchstgeschwindigkeit 192 km/h
Abgasnorm/Abgas CO2 Euro 4/164 g/km
Getriebe/Antrieb Fünfgang/Vorderrad
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 60 l/Super
Kofferrauminhalt 330 l
Leergewicht/Zuladung 1285/440 kg
Anhängelast gebremst/ungebremst 1300/650 kg

Preise und Kosten



Oh là là: 27 Cent Gesamtkosten pro Kilometer sind ganz schön happig. Zum Vergleich: Der Dauertest-Golf V kostete inklusive Wertverlust 22 Cent pro Kilometer.

"Wir wollen Toyota-Qualität"



Ob defekte Fensterheber oder kaputte Zündspulen, Renault weiß um die Qualitätsprobleme. So sind auch die Mégane-Schwachpunkte bekannt und werden kostenlos repariert oder durch Produktions-Änderungen abgestellt. So wurden beispielsweise im April 2004 die Fixiernasen der Seitenblinker geändert, damit diese nicht mehr aus den Kotflügeln fallen. Diese und andere Maßnahmen sind Ergebnisse einer Qualitätsoffensive von 2003, mit der Renault laut Qualitätschef Yann Vincent "so gut werden will wie Toyota".

Ein ehrgeiziges Ziel. Hauptsäule des Programms ist das mit der japanischen Tochter Nissan entwickelte AVES-System (Alliance Vehicle Evaluation Standard). Dabei werden jeden Monat in jedem Werk acht Autos nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und nach einem 500-Punkte-Plan überprüft. Pro Fahrzeug dauert die statische und dynamische Bewertung sechs Stunden.

Aus Japan übernommen hat Renault zudem das "Poka-Yoké-Prinzip". Es steht für Null-Fehler-Produktion. Erst macht ein Alarm auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam, werden sie nicht sofort abgestellt, stoppt das Band. Ebenfalls von Nissan abgeguckt ist der "Checkman". Dieser Kontrolleur soll Fehler aufspüren, bevor das Fahrzeug die nächste Produktionsstation erreicht. Er kann das Band jederzeit stoppen. Nach der optischen Endkontrolle wird jedes Fahrzeug auf einer 350 Meter langen Teststrecke mit verschiedenen Bodenbelägen geprüft. Als wichtigen Baustein zur Qualitätsverbesserung betreibt Renault ein aufwendiges Lieferanten-Management. Ziel: Nur wer fehlerfreie Ware liefert, bleibt oder wird Zulieferer.

Autoren: Jörg Maltzan, Wolf Gudlat, Manfred Klangwald

Diesen Beitrag empfehlen

Artikel bewerten

Bewerte diesen Artikel

Fremde Bewertungen

Anzeige

Versicherungsvergleich

Neuwagen

NEUWAGEN zu Top-
Konditionen, mit voller
Herstellergarantie
und zu attraktiven
Zinsen finanziert.

Hier klicken zu den Top-Angeboten

Gebrauchtwagen

Günstige Gebrauchtwagen-Angebote

Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen.

Gebrauchtwagen-Angebote
Anzeige