David Coulthard im Interview

David Coulthard David Coulthard

David Coulthard im Interview

— 26.06.2002

"Ich bin ein Teil des Mythos Mercedes"

David Coulthard lebt auf der Überholspur. Ihn interessieren eigentlich nur Rennen, wenn der Spaß dabei nicht auf der Strecke bleibt.

"Ich neide keinem seinen Erfolg"

Welt am Sonntag: Sie starteten diese Saison als WM-Favorit, dann erlitt Ihr Team Rückschläge, bis Sie in Monte Carlo mit einem Sieg und in Kanada mit Platz zwei überraschten. Überwiegt mehr Frust oder Erleichterung? David Coulthard: Unter den gegebenen Umständen habe ich das Beste herausgeholt. Der kritische Punkt bei unserem Auto war und ist nicht so sehr ein bestimmter Teil des Fahrzeugs, sondern das Zusammenspiel zwischen Fahrzeug und Reifen. Wir haben durch das Testverbot im November und Dezember viel Zeit verloren, was die Arbeit mit den Reifen betrifft. Jetzt müssen wir die Zeit wieder reinholen. Abschreiben sollte uns jedoch niemand. Wer hätte schon vor dem Rennen in Monaco einen Pfennig auf mich gesetzt? Vor dem Rennen wollte uns Michelin eine konservative Lösung anbieten, da habe ich mich gefragt. Wo ist der Reiz? Wir haben experimentiert, viel gewagt – und gewonnen.

Verspürten Sie in Monte Carlo Genugtuung? Ich war sehr, sehr glücklich darüber, wieder obenauf zu sein. Vorher habe ich die bittere Erfahrung gemacht, dass du ein Ergebnis nicht schönreden kannst, nicht vor deinem Team, nicht vor dir: Wenn du Zehnter bist, dann hast du versagt. Dann leidest du. Ich habe also versucht, den ganzen Frust abzuschütteln und mich neu zu konzentrieren.

Für viele sind Sie der ewige Zweite. Wie gehen Sie mit diesem Makel um? Ich mache mir nicht viel aus den Äußerungen anderer.

Fühlen Sie nicht das Bedürfnis, Ihren Kritikern etwas zu erwidern? Nein. Es ist für mich selbstverständlich, nach einem verlorenen Rennen dem Sieger zu gratulieren. Meine Mutter hat mir eingeschärft: Wenn du über jemanden nichts Nettes sagen kannst, sage besser nichts. Das ist ziemlich altmodisch. Aber mit Kritik kannst du auch eine Menge Kraft verschwenden.

Wäre Ihnen in Michael Schumachers Ferrari die Krise erspart geblieben? Natürlich wäre ich schneller. Aber es ist leicht, auf das Auto der Konkurrenz zu schielen. Ich neide keinem seinen Erfolg. Ich hätte ein ungutes Gefühl, wenn ich auf Kosten anderer Erfolg hätte. Ich bin froh, nicht Teil vom Mythos Ferrari zu sein, sondern Teil vom Mythos Mercedes.

Hauptsache Rennen fahren

Welches Image, glauben Sie, transportieren Sie für den durchschnittlichen Mercedes-Fahrer? Weiß nicht. Ich hoffe, die Menschen betrachten mich als normalen, engagierten, geradlinigen Kerl, der seine Ziele erreicht. Es wird auch Leute geben, die mich nicht mögen, weil ich ihnen vielleicht zu glatt bin. Oder sie denken, ich sei oberflächlich. Aber es motiviert mich sowieso nicht, was andere über mich denken. Ich bin mir bewusst, dass ich für einen Weltkonzern fahre, der Millionen Anhänger hat. Und dass der Mercedes-Fahrer von nebenan nach meinem Sieg in Monaco lächelnd dem Nachbarn sein Auto präsentiert.

Sie sind vor zwei Jahren bei einem Flugzeugabsturz knapp dem Tod entronnen. Wie hat sich seitdem Ihre Einstellung zum Leben geändert? Das Leben verändert sich Jahr für Jahr. Man sagt, dass sich Leute nicht verändern sollen, wenn sie Erfolg haben. Aber das geht nicht. Es gibt Seiten, die ich gut an mir finde, und welche, die ich verändern möchte, weil ich sie nicht mag.

Welche? Ich bemerke, dass ich ungeduldiger werde mit Dingen, die sich Woche für Woche wiederholen. Mit der täglichen Trainingsarbeit. Die Frage stellt sich wohl jeder: Warum soll ich jede Woche das Haus aufräumen? Es wird zur unangenehmen Routine. Andererseits ist das auch wieder die Herausforderung, diszipliniert zu sein.

Sie haben gesagt, dass Sie ein anderer sein werden in zehn Jahren, wenn Sie keine Rennen mehr fahren. Auf was werden Sie Ihre Prioritäten legen? Alles außer Rennfahren rangiert bei mir momentan unter ferner liefen. Eine Testfahrt kommt vor einem Strandspaziergang, ein Renntag vor einem Bootsausflug. Ich würde mir Freiräume suchen. Aber momentan kann mich nichts davon abhalten, Rennen zu fahren.

Wo schalten Sie jetzt ab? In Monaco. Ich lebe seit 1995 dort und ich kann jedem Sportler dieses Fleckchen empfehlen.

Nick Heidfeld und Ralf Schumacher fühlten sich in der mondänen Atmosphäre Monte Carlos unwohl. Was reizt Sie? Wenn du das Land liebst, darfst du nicht in die Stadt ziehen. Aber was nützt dir schon ein idyllisches Haus auf dem Land, zu dem du fünf Stunden hin und wieder zurück brauchst. Wir Fahrer sind doch nur unterwegs. Es muss schnell gehen.

"Was ich Kimi voraushabe, ist Erfahrung"

Sie sollen ja das schnelle Leben angeblich auch privat bevorzugen. Ich genieße die Annehmlichkeiten des Lebens, brauche aber auch Abgeschiedenheit. In Monaco wirst du in Ruhe gelassen. Es gibt keine Paparazzi. Nach meinem Sieg in Monte Carlo bin ich am Montag durch die Straßen gegangen und habe dieselben Leute getroffen wie immer: Sie sagten völlig cool: Hey, David, wie geht's? Gut gemacht – und gingen weiter.

Und dann haben Sie noch Ihre Yacht. Meine bevorzugte Möglichkeit zu flüchten und alles hinter mir zu lassen. Mein Boot hat allerdings einen entscheidenden Nachteil. Es zieht die Paparazzi an wie Licht die Mücken. Sie kommen und versuchen, deine Freundin oben ohne beim Sonnenbaden abzuschießen. Nicht dass ich mich meiner Freundin, schämen würde, sie hat wirklich eine tolle Figur. Aber die Leute denken doch bei diesen Bildern: Mensch, was geht denn bei dem ab?

Bemisst sich die Größe der Yachten nach der Hierarchie der Fahrer? Nein, würde ich nicht sagen. Viele Männer haben Spielzeuge, was keinen interessiert, solange diese Männer unbekannt sind. Aber warum sollte man ein kleineres Haus kaufen, wenn man Erfolg hat und sich ein größeres leisten kann? Das macht doch keinen Sinn. Ich bin am Meer aufgewachsen. Meine Familie hatte immer ein Boot und sie hatte immer einen Mercedes. Mein erstes Auto war auch ein Mercedes.

Sie sind sehr überzeugt von McLaren-Mercedes. Könnten Sie sich vorstellen, noch einmal das Team zu wechseln? Nein. Aber du kannst natürlich nie sicher sein. Wenn ich aufhöre, dann bei McLaren-Mercedes. Kein anderer Hersteller hat ein solch großes Potenzial wie Mercedes. Das werde ich auch noch in zehn Jahren sagen.

Sie haben mit Kimi Räikkönen einen jungen, hungrigen Fahrer an Ihrer Seite. Ist das eher eine Bedrohung oder Herausforderung für Sie? Ich lache immer, wenn Leute von jung und hungrig und alt und erfahren sprechen. Wie groß mein Hunger ist, habe ich in Monaco gezeigt, oder? Das Einzige, was ich Kimi voraushabe, ist Erfahrung.

Ihre Erfolge verglichen mit Räikkönens Ergebnissen müssen Sie erleichtert haben. Es wäre nicht normal, wenn ich mich nicht freuen würde. Sie freuen sich doch auch, wenn Sie vor Ihrem Kollegen befördert werden, selbst wenn Sie mit ihm befreundet sind. Wir streben alle nach Erfolg und Anerkennung.

Gibt es etwas, das Sie von Räikkönen lernen können? Ja, wie er mit den Ingenieuren spricht, seine Eindrücke über das Auto kommuniziert. Ich arbeite gerne mit Kimi zusammen. Er hat die Reife, die großen Zusammenhänge zu erkennen, und ist dabei unverkrampft. Ich habe viele Fahrer kennen gelernt, die auch abseits der Piste nur ans Gewinnen dachten. Nach dem Motto: Wenn ich nicht die Milch auf den Frühstückstisch bekomme, kriegt sie jemand anderes, und ich habe keine mehr für meinen Kaffee. Ich brauche keine Milch, und Kimi auch nicht. Ich gebe sie dir gerne, wenn du dich gut fühlst. Aber auf der Rennstrecke will ich, dass du hinter mir bist.

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