Der Aufstieg des Timo Glock

Der Aufstieg des Timo Glock Der Aufstieg des Timo Glock

Der Aufstieg des Timo Glock

— 11.03.2004

Schnellkurs in die Formel 1

In nur sechs Jahren hat es AUTO BILD motorsport-Pilot Timo Glock geschafft: vom Kartsport in die höchste Rennliga. So geht's.

Deutschlands nächster Formel-1-Fahrer

Die Daumen in die Taschen seiner Jeans eingehängt. Den Rücken kerzengerade aufgerichtet, den Kopf leicht in den Nacken gelegt. Wären da nicht diese scharf peilenden braunen Kulleraugen, der Bursche mit der feschen Gelfrisur ginge glatt durch als ganz normaler Mädchenschwarm. Aber noch erscheint AUTO BILD motorsport-Pilot Timo Glock hier bei Ikea in Bremen als einer unter vielen. Auch wenn er mit diesem nicht alltäglichen Scannerblick blitzschnell Tische, Stühle und Schränke abcheckt wie die Brems- und Scheitelpunkte im Rennen.

Die Möbel brauchen er und seine Freundin Franziska Nickoleit noch schnell für die neue gemeinsame Wohnung in Dinklage bei Osnabrück. Wohin sie Timo Glocks neuer Beruf des offiziellen Formel-1-Testfahrers von Jordan-Ford verschlagen hat. Hin zum Firmensitz von Glocks Vermarkter Hans-Bernd Kamps, der sich seit vier Jahren neben seiner tolimit-Porsche-Truppe um die Rennfahrerkarriere des 21 Jahre jungen Hessen kümmert.

Von all dem weiß offensichtlich keiner der anderen Ikea-Kunden etwas. Jedenfalls fragt hier in der dicken warmen Kaufhallenluft keiner Timo Glock nach einem Autogramm. Keiner reckt seinen Hals nach ihm, keiner verdreht seinen Kopf für ihn. Obwohl die Zeitungen und das Fernsehen neulich voll von ihm waren, von Deutschlands nächstem Formel-1-Fahrer.

Die Karriere begann beim Motocross

Zu Hause in Wersau, der 1300-Seelen-Ortschaft der Großgemeinde Brensbach im Odenwald, ist das anders. "Hier klingeln ständig sechs-, siebenjährige Jungs und wollen Timo treffen", erzählt Karl Glock, der stolze Vater. Doch das schnelle wie nette Vorbild, das noch keinen Fan vor seiner Haustür verjagt hat, wird nicht mehr oft da sein in der alten Heimat. Papa Glock weiß das nur zu gut. Zu seiner Ehefrau Karin hat er in den letzten Tagen immer wieder gesagt: "Karin, wir haben jetzt ein Stück von unserem Sohn verloren!"

An einen Sport, den Karin Glock für ihren einzigen Jungen nie gewollt hat. Doch da hatte sie die Rechnung ohne ihren Mann und vor allem ohne ihren Filius gemacht. "Komm, wir kaufen ein Kart und geh'n wieder Rennen fahren!" So hat Timo Glock seinen alten Herrn als Zwölfjähriger angefleht. Da lag seine erste "Karriere" im Rennsport immerhin schon fünf Jahre zurück. Vater Glock präzisiert: "Zwischen vier und sieben Jahren ist er Motocross gefahren, sogar in der Deutschen Meisterschaft. Bis es zu einem Beinbruch kam." Und Mutter Glock ihren schnellen Jungs einen Riegel vorschob.

Auch vom Umstieg von zwei auf vier Räder wollte sie später nichts wissen. "Doch dann", grinst Papa Glock spitzbübisch, "machte sie den entscheidenden Fehler." Wenn Timo bei seiner Konfirmation genug Geld für ein Kart geschenkt bekäme, so Karin Glock, dann dürfe er eines kaufen und fahren. Und als am großen Feier-Abend die Bar-Reichungen der Gäste nicht ganz reichten, legte ihr rennverrückter Herr Gemahl den fehlenden Restbetrag kurzerhand drauf.

Starke Unterstützung vom Glock Senior

Und Karl Glock schwor – wenn auch nicht auf die Bibel – zu später, festlicher Stunde: "Ich fördere den Jungen bis zu meinem letzten Blutstropfen!" Gesagt, getan! 1997 ein Schnupperjahr im Kartsport. Und Timo Glock macht schon da das Gleiche wie gut 20 Jahre zuvor ein gewisser Michael Schumacher aus Kerpen-Manheim: Er braust den großen, erfahreneren Jungs mit dem Rennwagen-Mini von der ersten Runde an vor der Nase rum.

Und es geht weiter im Eiltempo: 1998 und 1999 zwei Kart-Titel, 2000 und 2001 jeweils Meister in der Junioren- und Senioren-Klasse der Formel BMW ADAC. Der nächste Schritt nach oben wird wie bei allen Nachwuchsrennfahrern im Formel-Sport zum finanziellen Riesenakt. Rund 400.000 Euro für eine F3-Saison, so viel geben die meisten Handwerkerfamilien nicht mal für ein eigenes Traumhäuschen aus.

Timo und Karl Glock profitierten in dieser kniffeligen Lage neben dem Talent des Sohnes mehr noch davon: Sie sind zwar beide Gerüstbauer, aber alles andere als Hochstapler. Hans-Bernd Kamps, heute der gute Geist und Fädenzieher hinter Glock junior, erinnert sich: "Da saß dieser einfache, bescheidene Mann händeringend vor mir und fragte mich um Rat. Und obwohl er dringend fremde Hilfe brauchte, beschönigte er nichts, sondern zählte nur die faktischen Ergebnisse seines Sohnes auf."

Das Formel-1-Debüt endete in der Mauer

Und Kamps, erfolgreicher Reifenhändler, privater Porsche-Teamchef und inzwischen auch noch Autohofbetreiber, entschied aus dem Bauch: "Sie die eine, ich die andere Hälfte, Herr Glock!" Timo Glock fuhr nun also Formel 3. Und weiter zum Erfolg: 2002 Dritter und damit bester Neuling in der Deutschen Meisterschaft, 2003 Fünfter in der neuen Euro-Serie.

Und immer wieder neue Parallelen zu Schumi: Wenn in einem Rennen mal aussichtslos zurückgefallen, kämpft er sich mit Mut und Biss nach vorn. So kam er zum Spitznamen Terrier. Prompt wurde ein grimmig schauender Fiffi zum Glock-Markenzeichen. Das könnte heute auch eine mystische Zaubergestalt aus der Herr-der-Ringe-Welt sein, denn: 2003 bekam der Schlitterkönig für seine Fahrkunst im Nassen den Titel "Rainman".

Dass da einer mit viel Feeling und noch mehr Feuer am Lenkrad dreht, haben sie dann im Januar auch gleich bei Jordan gemerkt. Doch der erste Formel-1-Test endete vor lauter Übermut in Barcelona in der Mauer und mit zerfleddertem Heck. Aber die gelben Jordan-Jungs aus Silverstone in England schraubten mit Vollgas, um ihrer neuen Entdeckung die Chance zur schnellen Rehabilitierungsrunde zu geben.

Kurzvita Timo Glock

Timo Glock nutzte sie wie auch seine nächsten Fahrversuche in Silverstone: "Einmal stand ich im Regen so quer, dass ich eine halbe Runde zum Pulsberuhigen brauchte!" Teamchef Eddie Jordan war danach auch überzeugt und der Testfahrervertrag fix gemacht. Für Jordan ist Timo Glock "das vielversprechendste Talent aus Deutschland". Und der soll bei ihm, anders als Michael Schumacher, irgendwann mal mehr als nur ein Rennen für den Rennstall bestreiten. Und beim nächsten Mal bei Ikea, da wird dieser schnelle Nette bestimmt nicht bloß wieder ein paar Mädels auffallen.

Kurzvita Geboren: 18. März 1982 • Geburtsort: Lindenfels (D) • Wohnort: Dinklage (D) • Familienstand: ledig, Freundin Franziska • Erlernter Beruf: Gerüstbauer • Hobbys: Fitnesstraining, Tischfußball, Kart- und Skifahren, Computer und Notebook

Interview: "Das Lernen macht Spaß"

Seit 2003 gehört er zum Fahrerkader von AUTO BILD motorsport. In der Formel 1 trägt er unser Logo auf Auto und Mütze: Timo Glock im Kurzinterview.

AUTO BILD motorsport: Herr Glock, wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Jordans F1-Testpilot sind?

Glock: Ich lebe ganz normal wie vorher auch, bin halt nur ein bisschen mehr unterwegs.

Wie viel anders, vom höheren Tempo mal abgesehen, fährt sich ein Formel-1- im Vergleich zum Formel-3-Auto?

Es ist technisch viel anspruchsvoller. Die Ingenieure verlangen vom Fahrer noch viel mehr Aussagen über den Wagen. Allein das Differenzial, das in der Formel 1 ja vom Lenkrad aus verstellt werden kann, ist ein riesiges, komplexes Thema. Aber das Lernen macht mir unheimlich Spaß! Wenn ich einen Formel-1-Wagen von außen fahren sehe, denke ich oft noch: "Wow, ob das bei dir auch alles so schnell geht?" Und wenn ich dann selber drinhocke, ist alles total easy.

Stichwort Melbourne: Sind Sie aufgeregt vor Ihrem ersten Testeinsatz während eines Rennwochenendes?

Bis jetzt nicht. Meine einzige Sorge im Moment ist, dass ich alle meine Flüge erwische. Aber die Anspannung kommt schon noch an der Piste. Da habe ich weniger Zeit als bei einem normalen Test. Alles muss viel schneller gehen.

Ihre Ziele für Melbourne?

Ganz locker an die Sache ranzugehen und alles auf mich zukommen zu lassen. Dann will ich natürlich mein Auto nicht raushauen, sondern meinem Team mit meiner Arbeit am Steuer so viel wie möglich helfen. Ein Küsschen für die Mauer wäre da ganz falsch!

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